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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 87
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Alkmaion und das Halsband

Als Alkmaion von Theben zurückgekehrt war, dachte er darauf, auch den zweiten Teil des Orakelspruches zu erfüllen und an seiner Mutter, der Mörderin seines Vaters, Rache zu nehmen. Seine Erbitterung gegen sie war noch gewachsen, als er nach seiner Zurückkunft erfahren hatte, daß Eriphyle, auch ihn zu verraten, Geschenke genommen habe. Er glaubte sie nicht länger schonen zu müssen, überfiel sie mit dem Schwerte und ermordete sie. Dann nahm er das Halsband und den Schleier zur Hand und verließ das elterliche Haus, das ihm ein Greuel geworden war. Aber obgleich die Rache des Vaters ihm vom Orakel befohlen worden war, so war doch auch wieder der Muttermord für sich ein Frevel wider die Natur, und die Götter konnten ihn nicht ungestraft lassen. So wurde denn zur Verfolgung des Alkmaion eine Erinnye gesandt und er mit Wahnsinn geschlagen. In diesem Zustande kam er zuerst nach Arkadien zum Könige Oïkleus. Aber hier gönnte ihm die Rachegöttin keine Ruhe, und er mußte weiterwandern. Endlich fand er eine Zufluchtsstätte zu Psophis in Arkadien bei dem Könige Phegeus. Von diesem entsündigt, erhielt er die Hand seiner Tochter Arsinoe, und die verhängnisvollen Geschenke, Halsband und Schleier, wanderten nun in ihren Besitz. Alkmaion war jetzt zwar vom Wahnsinne frei, der Fluch jedoch noch nicht ganz von seinem Haupte genommen, denn das Land seines Schwähers wurde um seiner Anwesenheit willen mit Unfruchtbarkeit heimgesucht. Alkmaion befragte das Orakel; dieses aber fertigte ihn mit dem trostlosen Ausspruche ab: er sollte Ruhe finden, wenn er in ein Land gekommen, das bei seiner Mutter Ermordung noch nicht vorhanden gewesen sei. Es hatte nämlich Eriphyle sterbend jedes Land verflucht, das den Muttermörder aufnehmen würde. Ohne Hoffnung verließ Alkmaion seine Gattin und seinen kleinen Sohn Klytios und ging hinaus in die weite Welt. Nach langem Umherirren fand er endlich doch, was ihm die Wahrsagung verheilen hatte. Er kam an den Strom Acheloos und fand dort eine Insel, die dieser erst seit kurzem angesetzt hatte. Hier ließ er sich nieder und ward von seiner Plage ganz frei. Aber die Befreiung von dem Fluche und das neue Glück machten sein Herz übermütig; er vergaß seiner frühern Gemahlin Arsinoe und seines kleinen Sohnes und vermählte sich mit der schönen Kallirrhoe, der Tochter des Stromgottes Acheloos, die ihm auch bald nacheinander zwei Söhne, Akarnan und Amphoteros, gebar. Wie aber dem Alkmaion überall der Ruf von den unschätzbaren Kleinodien voranging, in deren Besitze man ihn glaubte, so fragte auch seine junge Gemahlin gar bald nach dem herrlichen Halsband und Schleier. Diese Schätze jedoch hatte Alkmaion in den Händen seiner ersten Gattin gelassen, als er diese heimlich verließ. Nun sollte seine neue Gemahlin nichts von jenem früheren Ehebund erfahren; so erdichtete er einen Ort in der Ferne, wo er die Kostbarkeiten aufgehoben hätte, und machte sich anheischig, ihr dieselben zu holen. Da wanderte er denn nach Psophis zurück, trat wieder vor seinen ersten Schwiegervater und seine verstoßene Gattin und entschuldigte sich wegen seiner Entfernung mit einem Reste von Wahnsinn, der ihn ausgetrieben habe und noch immer verfolge. »Frei vom Fluche zu werden und wieder zurückzukehren«, sprach der Falsche, »gibt es, wie mir geweissagt ist, nur ein Mittel: wenn ich das Halsband und den Schleier, die ich dir geschenkt habe, dem Gott nach Delphi als Weihgeschenk bringe.« Durch diese Trugworte ließen Phegeus und seine Tochter sich bereden und gaben beides her. Alkmaion machte sich mit seinem Raube fröhlich davon; er ahnte nicht, daß die unheilvollen Gaben endlich auch ihm den Untergang bringen müßten. Es hatte nämlich einer seiner Diener, der um das Geheimnis wußte, dem Könige Phegeus anvertraut, daß Alkmaion eine zweite Gattin besitze und den Schmuck zu sich genommen habe, um ihn dieser zu bringen. Nun machten sich die Brüder der verstoßenen Gemahlin auf seine Spur, eilten ihm zuvor, erlauerten ihn in einem Hinterhalte und stießen den sorglos Einherziehenden nieder. Halsband und Schleier brachten sie ihrer Schwester zurück und rühmten sich der Rache, die sie für sie genommen. Aber Arsinoe liebte auch den ungetreuen Alkmaion noch und verwünschte ihre Brüder, als sie seinen Tod vernahm. Jetzt sollten die verderblichen Geschenke ihre Kraft auch an Arsinoe bewähren. Die erbitterten Brüder glaubten den Undank der Schwester nicht hart genug bestrafen zu können; sie ergriffen sie, sperrten sie in eine Kiste und führten sie in derselben zu ihrem Gastfreunde, dem König Agapenor, nach Tegea, mit der falschen Botschaft, daß Arsinoe die Mörderin des Alkmaion sei. So starb sie eines elenden Todes.

Inzwischen hatte Kallirrhoe den kläglichen Untergang ihres Gatten Alkmaion erfahren, und mit dem tiefsten Schmerz durchzückte sie das Verlangen nach schneller Rache. Sie warf sich auf ihr Angesicht nieder und flehte zu Zeus, daß er ein Wunder tun und ihre kleinen Söhne, Akarnan und Amphoteros, plötzlich mannbar werden lassen sollte, damit sie die Mörder ihres Vaters bestrafen könnten. Da Kallirrhoe schuldlos war, erhörte Zeus ihre Bitte, und die Söhne, die als unmündige Knaben zu Bette gegangen waren, erwachten als bärtige Männer voll Tatkraft und Rachelust. Sie zogen aus und wandten sich zuerst nach Tegea. Hier kamen sie gerade um dieselbe Zeit an, als die Söhne des Phegeus, Pronoos und Agenor, mit ihrer unglücklichen Schwester Arsinoe dort angelangt und im Begriffe waren, nach Delphi zu reisen, um daselbst den heillosen Schmuck Aphroditens im Tempel Apollos als Weihgeschenk niederzulegen. Diese wußten nicht, wen sie vor sich hatten, als die bärtigen Jünglinge auf sie eindrangen, den Mord ihres Vaters zu rächen; und ehe sie den Grund des Angriffes erfahren konnten, waren sie erschlagen. Die Söhne Alkmaions rechtfertigten sich bei Agapenor und erzählten ihm den wahren Hergang der Sachen; sie wandten sich hierauf nach Psophis in Arkadien, traten hier in den Palast und töteten den König Phegeus mitsamt seiner Gemahlin. Verfolgt und gerettet, verkündeten sie ihrer Mutter die vollbrachte Rache; dann zogen sie nach Delphi und legten, nach dem Rat ihres Großvaters Acheloos, Halsband und Schleier als Weihgeschenk im Tempel Apollos nieder. Als dies geschehen war, erlosch der Fluch, der auf dem Hause des Amphiaraos gelegen, und seine Enkel, die Söhne Alkmaions und Kallirrhoes, sammelten Ansiedler im Epirus und gründeten Akarnanien. Klytios, der Sohn Alkmaions und Arsinoes, hatte nach des Vaters Ermordung seine mütterlichen Verwandten mit Abscheu verlassen und in Elis eine Zuflucht gefunden.

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