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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 231
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Melampus

Amythaon, ein Sohn des Kretheus, lebte in Messenien in der Stadt Pylos, die er gegründet hatte. Sein Weib Idomene gebar ihm zwei Söhne; der eine hieß Bias, der andre aber Melampus, das heißt Schwarzfuß; denn da das Kindlein einst im Freien eingeschlafen war, verbrannte ihm die Sonne die Fußsohlen, daß sie ganz schwarz wurden. Die beiden Brüder liebten sich zärtlich, und als sie noch klein waren, sandte sie der Vater aufs Land, wo sie friedlich miteinander lebten und groß wurden. Nun stand vor ihrem Wohnhause eine hohe Eiche, in deren Stamm ein Schlangennest sich befand. Melampus hatte oft seine Freude an den klugen Tieren, und als einstens die Arbeiter die alten Schlangen getötet hatten, jammerte ihn der verlassenen Jungen. Da schichtete er Holz zusammen, zündete es an und verbrannte die Körper der Alten; die kleine Brut aber nahm er mit in das Haus und zog sie auf. Wie nun die Jungen erwachsen waren, fügte es sich, daß Melampus einmal im Schlummer lag. Da krochen seine Pfleglinge zu ihm heran, stiegen auf seine Schultern und leckten ihm mit ihren Zungen die Ohren aus. Und als nun Melampus erschrocken aufwachte, wunderte er sich sehr, denn er verstand alles, was die Vögel, die über ihm hinflogen, sangen. Seitdem war er ein berühmter Wahrsager, denn die Vögel verkündeten ihm die Zukunft. Später lernte er auch noch die Kunst, aus den Eingeweiden der Opfertiere zu weissagen, und ward der Liebling des Apollon, des prophetischen Gottes, der sich gern mit ihm unterhielt.

Neben Amythaon war der Held Neleus in Pylos mächtig. Dieser hatte eine wunderschöne Tochter namens Pero, welche so holdselig war, daß alle Welt um sie freite. Aber Neleus wollte sie keinem geben. Auch Bias, des Melampus Bruder, sah die schöne Pero und ward von zärtlicher Liebe zu ihr entflammt. Da ging er zu Neleus und bat um die Hand seiner Tochter. Neleus aber sagte, er werde sie nur dem vermählen, der ihm die Rinder des Iphiklos, ein Erbteil seiner Mutter, brächte. Diese Rinder waren von ausgezeichneter Schönheit und befanden sich zu Phylake in Thessalien, wo sie von einem Hunde so gut bewacht wurden, daß weder Mensch noch Tier in ihre Nähe gelangen konnte. Bias bemühte sich denn auch vergebens, die Rinder zu stehlen, und bat deshalb seinen Bruder, ihm dazu zu verhelfen. Melampus, der seinen Bruder Bias herzlich liebhatte, verstand sich auch gleich dazu, wiewohl er voraus wußte, daß er bei dem waghalsigen Unternehmen ergriffen und als Dieb eingekerkert werden würde. Doch wußte er auch, daß er trotzdem nach Jahresfrist die Rinder in seine Gewalt bekommen werde. Also verließ er sich auf unverhoffte Hilfe und reiste, wie er versprochen hatte, nach Phylake. Dort wurde er bei dem Versuche, die Herden zu stehlen, wirklich ertappt, mit Ketten gefesselt und ins Gefängnis geworfen. Als nun fast ein Jahr vergangen war, saß Melampus eines Tages sorgenvoll im Kerker; da hörte er, wie unter dem Dach in den Sparren die Holzwürmer arbeiteten und miteinander sprachen. Alsbald richtete er die Frage an sie, wie weit sie mit ihrem Zerstörungswerke seien. »Es ist nur noch der kleinste Teil zu zernagen«, antworteten die Würmer, »ein Stündchen Zeit noch, dann ist die Arbeit getan.« Wie Melampus dies vernahm, rief er laut nach dem Gefängniswärter und verlangte, sogleich in ein anderes Gebäude geführt zu werden, denn dieses werde noch heute zusammenstürzen.

Kaum war diese Bitte erfüllt worden, so fiel das verlassene Haus in Trümmer.

Bald gelangte die Kunde von der Sehergabe des Gefangenen zum König Phylakos, dem Vater des Iphiklos. Er wunderte sich sehr, und da er einsah, daß er den vortrefflichsten Wahrsager in seinem Kerker habe, ließ er ihn seiner Fesseln entledigen und vor ihn führen. Darauf nahm er ihn beiseite und sagte zu ihm, er wolle ihm die Rinder gern geben, wenn er seinen Sohn Iphiklos zu heilen vermöge. Dieser war nämlich als Kind ganz wohl und kräftig gewesen; durch einen sonderbaren Zufall aber hatte er plötzlich noch in seiner Jugend seine Gesundheit verloren, so war er seitdem siech und schwächlich. Melampus versprach dem Könige, die Sache zu erforschen, und Phylakos wiederholte sein Versprechen, daß er ihm die Herden ausliefern wolle. Darauf schlachtete Melampus dem Zeus zwei Stiere, schnitt sie in Stücke und rief den Vögeln, sie sollten zum Mahle kommen. Als sie nun von allen Seiten zusammengeflogen waren, fragte sie der Seher, ob sie ihm den Grund von Iphiklos' Siechtum entdecken könnten. Die Vögel wußten aber alle nichts. Doch war da ein junger Geier, der erzählte, sein alter Vater sei daheim im Neste geblieben, vielleicht wisse der etwas von dem Geheimnis. Sogleich schickte Melampus einige Gesandte an den alten Geier, der auch nach kurzer Zeit wirklich erschien und dem Seher folgendes mitteilte: Einst habe Phylakos im Walde Holz gefällt, und da sein kleiner Sohn in der Nähe sich herumgetrieben, habe der Vater, zum Scherz und um ihn zu erschrecken, die blinkende Axt dicht vor ihm in einen Baum geschleudert, in dem sie steckenblieb und seitdem haftete. Dem Iphiklos aber sei der Schreck in die Glieder gefahren, und daher rühre sein Siechtum. »Wenn du nun«, so sprach der Geier weiter zu Melampus, »jene Axt findest, so schabe den Rost davon ab und gib dem Iphiklos denselben in Wein zehn Tage lang zu trinken, dann wird er gesund werden.«

Das war es, was Melampus von dem alten Geier erfuhr. Er tat, wie ihm geraten war, suchte und fand die Axt, schabte den Rost davon ab und gab ihn dem Iphiklos zehn Tage lang zu trinken. Alsbald ward derselbe frisch und gesund. Nun gab der erfreute König dem Melampus die Rinder, der sie nach Pylos trieb und dem Neleus brachte. Von diesem erhielt er dafür die schöne Pero und gab sie seinem Bruder zur Gattin. So lebten sie etliche Jahre in Messenien. Iphiklos aber ward ein herrlicher Held, im Wettlaufe unbesiegbar; denn die Schnelligkeit seiner Füße war so außerordentlich, daß er über ein Getreidefeld, ohne die Ähren zu knicken, und über die Meereswogen, ohne sich die Knöchel zu benetzen, dahinlief.

Im Lande Argolis herrschten einst die Zwillinge Akrisios und Prötos, die Enkel der Danaide Hypermnestra und des Aigyptiden Lynkeus. Diese hatten sich nicht brüderlich lieb wie Melampus und Bias, sondern sie hatten schon Händel miteinander, als sie noch an der Mutter Brust lagen. Und als sie herangewachsen waren, stritten sie sich um die Herrschaft, bis Akrisios die Oberhand gewann und den Prötos aus dem Lande verjagte. Prötos aber floh nach Lykien zum Könige Iobates, der ihm seine Tochter zur Frau gab und ihn mit einem Heere nach Argolis zurückführte. Dort eroberte er die Stadt Tiryns, wo ihm die Zyklopen eine gewaltige Mauer und uneinnehmbare Burg bauten. Akrisios mußte nun mit dem Bruder teilen, so daß er selbst zu Argos, Prötos aber zu Tiryns König war.

Von seinem Weibe Anteia hatte Prötos drei Töchter, die so schön waren, daß alle Hellenen sie zu Gattinnen begehrten. Sie aber waren gottlos und stolz; und als sie einst in einen alten Tempel der Götterkönigin kamen, spotteten sie, daß derselbe so einfach und schmucklos war, das Haus ihres Vaters sei viel prunkvoller und glänzender. Doch die Göttin duldete nicht, daß ihr ehrwürdiges Heiligtum verhöhnt werde, sie schlug daher die gottlosen Jungfrauen mit schrecklichem Wahnsinn, also daß sie sich selbst für Kühe hielten und brüllend durch das Land liefen. In Argolis und Arkadien und im ganzen Peloponnes irrten sie sinnlos umher. Darüber war ihr Vater Prötos sehr betrübt, und da er von dem hohen Ruhme des Sehers Melampus gehört hatte, ließ er ihn zu sich rufen und bat ihn, seine unglücklichen Töchter zu heilen. Melampus sprach: »Ich will deinen Wunsch erfüllen, wenn du mir den dritten Teil deiner Herrschaft abtrittst.« Das war aber dem geizigen Könige zuviel, er wollte also darauf nicht eingehen, und die Folge war, daß die Mädchen noch rasender wurden. Ja ihr Wahnsinn steckte sogar die übrigen argivischen Weiber an, sie verließen ihre Wohnungen, mordeten ihre eignen Kinder und irrten wie jene brüllend umher. Als nun das Übel seinen höchsten Grad erreicht hatte, berief Prötos, von Angst ergriffen, noch einmal den Melampus vor sich und bat ihn um Hilfe, indem er ihm den dritten Teil seines Reiches versprach. Aber der Seher weigerte sich jetzt zu helfen, wenn Prötos nicht auch seinem Bruder Bias ein zweites Drittel zusichere. So schwer es dem Könige ward, so willigte er doch endlich darein, denn er fürchtete, wenn er länger zögere, werde Melampus schließlich noch das ganze Land von ihm verlangen. Nun versammelte dieser sogleich die kräftigsten argivischen Jünglinge um sich, führte sie hinaus in die Gebirge und jagte mit ihnen unter lautem Geschrei und begeisterten Tänzen die Rasenden vor sich her bis in die Nähe von Sikyon. Während der Hetzjagd starb die älteste von den Töchtern des Prötos, die beiden andern aber wurden feierlich gereinigt, indem Melampus durch Gebete und Opfer die erzürnte Hera versöhnte. So kamen sie wieder glücklich zu Verstand, und ihr Vater gab außer dem versprochenen Lande die eine dem Melampus, die andere dem Bias zur Gattin, wodurch die Brüder mächtige Könige wurden. Von ihnen stammte eine große und glorreiche Nachkommenschaft ab, die Melampodiden, auf welche sich die Sehergabe des Ahnherren forterbte.

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