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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 229
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Zethos und Amphion

Als der thebanische König Polydoros, ein Sohn des Kadmos, auf dem Totenbette lag, empfahl er seinen unmündigen Sohn Labdakos der Obhut seines Schwähers Nykteus. Dieser regierte mehrere Jahre lang in des Labdakos Namen, bis derselbe großjährig geworden war. Aber nur ein Jahr lang erfreute sich Labdakos der neuen Würde; da starb er, und Nykteus übernahm nun die Vormundschaft über Laïos, den kleinen Sohn des Labdakos. Nykteus hatte eine schöne Tochter, namens Antiope, welche von Zeus geliebt ward. Aber der König von Sikyon, Epopeus, der auch von ihrer Schönheit gehört hatte, kam heimlich nach Theben und entführte die Jungfrau. In Sikyon machte er sie zu seinem Weibe. Darüber ergrimmte Nykteus und fiel mit einem Heere im Lande des Epopeus ein. Es kam zur Schlacht, in welcher sowohl Nykteus als der Entführer verwundet wurden. Der Sieg aber blieb auf seiten des letzteren, und die Thebaner mußten mit ihrem sterbenden Herrscher nach Hause zurückziehen. Vor seinem Tode bestellte er seinen Bruder Lykos zum Nachfolger auf dem Throne, bis der kleine Laïos erwachsen sein werde; auch beschwor er ihn dringend, an Epopeus Rache zu nehmen und Antiope selbst wieder nach Theben zurückzubringen. Lykos gelobte dem sterbenden Bruder feierlich, nach seinem Willen zu tun, und rüstete sich zum Kriege gegen Epopeus. Aber dieser war inzwischen ebenfalls an seiner Wunde gestorben, und sein Thronerbe Laomedon gab die Antiope freiwillig heraus. Als nun Lykos mit ihr zurückkehrte, schenkte sie unterwegs in der Gegend von Eleutherä zwei Söhnen das Leben. Diese wurden alsbald im Gebirge ausgesetzt, aber ein gutherziger Rinderhirt nahm sich ihrer an und erzog sie allmählich zu herrlichen Jünglingen. Niemand ahnte, daß Amphion und Zethos Söhne des Götterkönigs selbst seien. Obwohl beide durch innige Liebe miteinander verbunden waren, so entwickelten sich doch ihre Gemüter ganz verschieden: Zethos wurde ein rüstiger Hirt, kühnen Sinnes und mit riesiger Körperkraft begabt; Amphion dagegen übte sich im Gesang und Saitenspiel, denn er hatte von Hermes selbst eine Leier zum Geschenk erhalten; und er brachte es in seiner Kunst zu so hoher Meisterschaft, daß sogar der hehre Gott Apollon ihn seines Umgangs würdigte.

Während so die Brüder unerkannt in der Einsamkeit dahinlebten, hatte ihre Mutter Antiope schweres Leid zu erdulden. König Lykos nämlich war zwar ein milder und gütiger Mann, aber er hatte ein böses Weib mit Namen Dirke. Diese war von Eifersucht betört und glaubte, ihr Gemahl liebte die Tochter seines Bruders. In ihrer blinden Wut übte sie an der Unglücklichen die grausamste Rache. Oft sengte sie ihr mit glühendem Eisen das goldene Lockenhaar weg, schlug ihr mit der Faust ins zarte Antlitz und quälte sie auf die boshafteste Weise. Die arme Antiope mußte spinnen und arbeiten wie eine gemeine Sklavin und erhielt dafür oft kaum Wasser und Brot zur Nahrung. Tagelang schmachtete sie im Dunkel verpesteter Kerker, ihr Lager war der harte Stein. Endlich aber war das Maß ihrer Leiden voll; Zeus ließ in einer Nacht die Ketten von ihren Händen abfallen und sprengte die Tür des Gefängnisses. So enteilte die Unglückliche zu den Gipfeln des Kithairon, allein, unkundig des Weges, in finstrer Nacht, vom kalten Sturmwind gejagt, bis sie an ein einsames Hirtengehöft mitten im Walde kam. Dort flehte sie um ein Obdach. Zwei Jünglinge traten heraus, ihre eignen Söhne, die beide ihre Mutter nicht kannten. Amphion war sogleich willig, die Arme aufzunehmen, sein zartes Herz fühlte sich unbewußt zu ihr hingezogen; der trotzige Zethos wollte ihr zwar den Eintritt wehren, doch siegte zuletzt die Natur, und sie gewährten der Flehenden das Obdach. Allein jetzt kam auch schon Dirke dahergeeilt. Sie hatte die Flucht der Gefangenen bemerkt und ihre Spur verfolgt. Durch erlogene Beschuldigungen wußte sie die beiden Jünglinge zu überreden, daß Antiope eine gemeine Verbrecherin sei. Den Bitten und Drohungen der Königin wagten die Brüder nicht zu widerstehen, und schon brachten sie einen wilden Stier hergeführt, an den sie ihre eigene Mutter binden wollten, damit sie auf Dirkes Befehl zu Tode geschleift werde da stürzte der alte Hirt herbei, der einst die Zwillinge vom Tode errettet hatte, und offenbarte das Geheimnis: Antiope ist die Mutter des Zethos und Amphion! Nun kehrte sich die gerechte Wut der Brüder gegen die nichtswürdige Dirke. Sie ward an den wilden Stier gebunden, und dieser schleifte sie durch das Gebirge, bis sie unter den gräßlichsten Qualen ihren Geist aufgab. Ihren Leichnam aber verwandelte der Gott Dionysos in eine Quelle in der Nähe von Theben, die den Namen der bösen Königin Dirke noch in späten Zeiten geführt hat.

Nun zogen Amphion und Zethos mit ihrer wiedergefundenen Mutter nach Theben, wo sie den schwachen Lykos vertrieben und selbst sich der Herrschaft bemächtigten. Da aber die Stadt, die unterhalb der alten von Kadmos erbauten Burg lag, noch keine Mauern hatte, so beschlossen die Brüder, sie mit einer solchen zu umgeben. Zethos brach gewaltige Felsblöcke aus den Bergen und schleppte sie zum Bau herbei; Amphion aber ließ sein Saitenspiel ertönen; siehe, da bewegten sich doppelt so große Blöcke ganz von selbst, folgten dem Klange der Musik und fügten sich selbst zusammen. So entstanden die berühmten Mauern von Theben; und weil Amphion die siebensaitige Leier erfunden hatte, bekam die Stadt ihm zu Ehren sieben Tore.

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