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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 223
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Äakos

Der Flußgott Asopos hatte zwanzig liebliche Töchter, von denen die schönste Ägina hieß. Einst erblickte Zeus die holdselige Nymphe und ward von heftiger Liebe zu ihr ergriffen. Da schwang er sich in Gestalt eines Adlers hernieder und entführte sie durch die Lüfte nach der Insel, die damals Önone hieß, seitdem aber nach dem Namen der Geraubten Ägina genannt wird. Asopos suchte seine Tochter allenthalben und kam endlich nach Korinth, wo der listige Sisyphos ihm verriet, daß Zeus der Entführer sei. Dieser aber schleuderte einen Blitz gegen den Verfolger und trieb ihn so in sein gewohntes Bett zurück. Daher rührt es, daß man noch heutzutage auf dem Grunde des Asoposflusses Kohlen findet.

Der Sohn des Zeus und der Ägina war Äakos, ein Liebling der Götter; denn nie gab es einen frömmeren, weiseren und gerechteren Mann. Er herrschte über die Insel als ein milder, gütiger König, von allen geehrt und geliebt. Einst wurde Griechenland lange Zeit von großer Trockenheit heimgesucht, ganz Hellas schmachtete nach Regen, aber der Himmel blieb wolkenlos; die Feldfrüchte verdorrten, die Flüsse und Seen trockneten aus, Menschen und Tiere starben dahin. Da wandten sich die Griechen in ihrer Not an das Delphische Orakel, und die Priesterin verkündete, die Dürre werde aufhören, wenn Äakos, der Beste unter den Sterblichen, bei Zeus Fürbitte tue. So schickten denn alle griechischen Staaten Gesandte an den äginetischen König, die ihn darum bitten sollten. Da stieg Äakos auf das Panhellenion, den höchsten Berg der Insel, erhob seine reinen Hände und flehte zu seinem göttlichen Vater um Erbarmen für die dürstenden Völker; und kaum hatte er sein Gebet vollendet, siehe, da zog dunkles Gewölk am Himmel auf, und reichlicher Regen ergoß sich auf die Erde. Noch in später Zeit sah man in dem Tempel, den die dankbaren Griechen über dem Grabe des guten Königs errichteten, ein Bild, auf welchem das Opfer des Äakos dargestellt war.

So lebte der Sohn des Zeus als ein mächtiger Priester und König, von den Menschen geehrt, geliebt von den Göttern. Er vermählte sich mit der Endeis, welche ihm zwei Söhne gebar, die zu herrlichen Helden heranwuchsen, Peleus und Telamon; ein dritter Sohn, von der Nereide Psamathe, war Phokos. Alle Welt sah in Äakos nicht nur den besten, sondern auch den glücklichsten Sterblichen. Aber Hera, die strenge Göttin, haßte das Land, das den Namen ihrer Nebenbuhlerin führte, und schickte über die Insel eine gräßliche Pest. Dumpfe, erstickende Luft brütete über den Fluren, unheimlicher Nebel verbarg die Sonne, und doch fiel kein erfrischender Regen. Vier Monate schwanden so dahin, der heiße Südwind hörte nicht auf, tödlichen Hauch zu atmen, das Wasser der Quellen und Teiche ging allmählich in Fäulnis über, unzählige Schlangen krochen durch die einsamen Felder und vergifteten mit ihrem greulichen Geifer die Brunnen und Flüsse. Zuerst zeigte sich die Gewalt der Seuche an Hunden, Rindern und Schafen, am Geflügel und Wild, das plötzlich dahinsank; bald aber ergriff die Pest auch die Menschen und drang in die Städte hinein. Überall lagen Scharen von Leichen gestreckt, die unbegraben verwesten. Blutenden Herzens mußte der edle König, der mit seinen Söhnen allein von allen Bewohnern noch übrig war, es ansehen, wie sein ganzes Volk vom schrecklichen Tode hingerafft ward. Da hob er jammernd die Arme zu Zeus empor und rief mit flehender Stimme: »O Zeus, erhabener Vater, wofern ich wirklich dein Sohn bin und du dich meiner nicht schämst, gib mir die Meinigen wieder oder laß auch mich sterben!« Siehe, da fuhr ein Blitz herab, und lauter Donner rollte durch die stille Luft. Freudig sah Äakos das günstige Vorzeichen und dankte dem göttlichen Erzeuger für die gegebene Verkündigung.

Neben ihm stand ein vielästiger Eichbaum, der dem Zeus geweiht und vom Samen der heiligen Eiche von Dodona gepflanzt war. Auf seinen Stamm fiel plötzlich des Königs Blick. Da sah er unzählige Ameisen, die an der runzligen Rinde und um die Wurzel herumkrochen, im kleinen Munde Getreidekörner ohne Zahl schleppend. »So viele Untertanen«, rief Äakos staunend, »so viele gib mir, die leeren Mauern zu füllen, als ich fleißige Tierchen hier wimmeln sehe!« Da bebte der Wipfel des Baumes, und das Laub rauschte, ohne daß ein Windzug es bewegte. Schauernd und andachtsvoll vernahm es der König und warf sich nieder, küßte die Erde und den heiligen Stamm und gelobte dem Retter Zeus reichliche Dankopfer. Als die Nacht anbrach, legte er sich hoffend und sorgend zur Ruhe. Da erschien dem Schlafenden ein seltsamer Traum: Die Eiche stand wieder vor seinen Augen, und die Ameisen trugen emsig die Körner hin und her. Da war es ihm, als wüchsen die winzigen Tiere, größer und größer hoben sie sich vom Boden empor und standen aufrecht, die Menge der Füße verminderte sich, der Körper nahm allmählich menschliche Gestalt an. Aber nun erwachte der König und erkannte seufzend, daß ein Traum ihn täuschte. Doch horch! Was war das? Ein fernes Murmeln wie menschliche Stimmen! Trügt auch das Ohr des Wachenden? Ach, auch dies war wohl nur ein Traum. Siehe, da ward die Tür hastig aufgerissen; Telamon, des Herrschers Sohn, stürzte herein und rief. »O Vater, komm und staune! Unerhörtes hat sich ereignet! Mehr hat Zeus an dir getan, als du je gehofft.« In fliegender Hast eilte Äakos hinaus und begrüßte mit strömenden Tränen das Wunder: Ganz wie das Traumbild es ihm gezeigt hatte, sah er die Männer vor sich und erkannte ihre Angesichter. Nun traten sie näher und begrüßten ihn als ihren König, welcher jubelnd rief: »Myrmekes, Ameisen waret ihr; Myrmidonen sollt ihr darum heißen.« So entstanden die tapferen Myrmidonen, die ihren Ursprung nicht verleugneten; denn ein emsiges Volk waren sie, wie ihre Ahnen, ausdauernd bei der Arbeit, sparsam und mit wenigem zufrieden. Äakos aber, nachdem er die gelobten Dankopfer dem gütigen Vater dargebracht, verteilte die herrenlosen Güter, die leeren Häuser und die verlassenen Äcker unter die neuen Bewohner seiner Insel.

Als der fromme König im hohen Greisenalter verschieden war, da setzten die Götter ihn zum Totenrichter neben Minos und Rhadamanthys ein, indem sie auch nach dem Tode seine milde Weisheit und lautere Gerechtigkeit zu ehren trachteten. Seine Söhne und Enkel aber gehörten zu den größten Helden, die je auf Erden gelebt haben: Telamon war der Vater des gewaltigen Ajax, Peleus zeugte den göttergleichen Achilles.

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