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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 222
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Prokris und Kephalos

Die schönste unter den Töchtern des Erechtheus war Prokris. Mit ihr war Kephalos, ein Sohn des Hermes und der Kekropstochter Herse, durch innige Liebe verbunden, und als Erechtheus ihre Hände am Hochzeitstag aneinandergelegt hatte, priesen sie alle Athener als die glücklichsten Gatten. Doch dieses Glück sollte nicht von langer Dauer sein. Kaum war der zweite Monat vergangen, als Kephalos eines Morgens auf die Hirschjagd hinauszog in die Wälder des Hymettos. Da erblickte den göttergestalteten Jüngling die rosige Eos (Aurora), und von zärtlicher Leidenschaft ergriffen, entführte sie ihn durch die Luft in ihren strahlenden Palast. Aber so schön sie war, das Herz des Kephalos vermochte sie nicht zu umstricken; er dachte nur an seine traute Gattin, mit Tränen im Auge rief er ihren Namen und flehte die Göttin an, ihn seiner geliebten Prokris wiederzugeben. Traurig, doch nicht ungerührt, hörte ihn Eos und sprach: »Still, Liebloser! Genug der Klagen! Du sollst deine Prokris wieder besitzen. Doch ich ahn es, es kommt die Zeit, wo du sie nie gesehen zu haben wünschest.« So sprach sie grollend und entließ ihn. Während er nun nach der Heimat eilte, kamen ihm die Worte der Göttin nicht aus dem Sinne, und indem er über ihre Bedeutung nachgrübelte, stieg allmählich Furcht in ihm auf und Argwohn, ob auch Prokris ihm den Schwur der Treue unverbrüchlich gehalten. Endlich beschloß er, in verwandelter Gestalt das heimische Haus zu betreten, um die Gattin zu prüfen, und Eos selbst schien die Züge seines Angesichts zu verändern. So ging er nach Athen und trat in sein Haus. Dort fand er nichts Tadelnswürdiges; alles verkündete die sittsame Zucht der Herrin und ihre Sorge um den verschwundenen Gatten. Durch manche Listen gelang es ihm, sich Eingang bei der Tochter des Erechtheus zu verschaffen, aber alle seine Künste scheiterten an ihrer Treue. Da ward es ihm schwer, seine Verstellung nicht aufzugeben. Am liebsten hätte er sich dem edlen Weibe an die Brust geworfen, sie mit Küssen und Tränen bedeckt. Aber in unheilvoller Verblendung genügte ihm die bestandene Probe nicht, und als er nun immer reichere Geschenke versprach und sie überredete, Kephalos sei nicht mehr am Leben, da begann zuletzt Prokris' standhafter Sinn zu wanken. Alsbald übermannte ihn unbilliger Zorn, und er rief: »Treulose, du bist entlarvt! Wisse, ich bin dein Gatte, den du verraten wolltest.« Sie antwortete ihm nichts; gekränkt und von Scham und Trauer gebeugt, floh sie das Haus des arglistigen Mannes. Auf der fernen Insel Kreta irrte sie in den Bergen umher, im Gefolge der jagdliebenden Artemis, der jungfräulichen Göttin, denn alle Männer waren ihr verhaßt. Kephalos aber ward von bittrer Reue ergriffen; er sagte sich selbst, daß er schändlich und unwürdig gehandelt, und heiße Sehnsucht nach der Geliebten zehrte an seinem Herzen. Ach, auch sie konnte die alte Liebe nicht vergessen. Als Artemis einst die bevorzugte Genossin mit einem nie fehlenden Wurfspieß und dem berühmten, windschnellen Hunde Lälaps beschenkt hatte, kehrte Prokris samt den Wundergaben nach Athen zurück, verzieh dem reuigen Gatten von Herzen gern und lebte mit ihm selige Jahre der Eintracht und innigster Liebe. Hund und Wurfspieß, deren sie nun nicht mehr bedurfte, schenkte sie ihm gleichsam als Morgengabe zur zweiten Vermählung Damals wurden die Thebaner durch den teumessischen Fuchs, ein bösartiges, von dem erzürnten Bakchos gesandtes Tier, geplagt. Diesem mußte jeden Monat ein Knabe zum Fraß gegeben werden. Der König von Theben, Kreon, und der aus Argos eingewanderte Amphitryon wandten sich an Kephalos, daß er ihnen beistehe, den Fuchs zu jagen, der so flink war, daß er von niemand erreicht werden konnte. So verfolgte denn der unentrinnbare Hund Lälaps den unerreichbaren teumessischen Fuchs, eine ewige Jagd, der Zeus dadurch ein Ende machte, daß er beide Tiere in Stein verwandelte. .

Das Glück der beiden zärtlichen Gatten dauerte einige Jahre, aber ein trauriges Ende war ihm beschieden. Wenn früh die Dämmerung am Himmel aufstieg, pflegte Kephalos als rüstiger Jäger sich vom Lager zu erheben und in den waldigen Bergen dem Weidwerk obzuliegen; ohne Diener, ohne Roß und Hunde zog er hinaus. Wenn er nun erwünschte Beute gemacht hatte, so suchte er erquickenden Schatten und rief, ermüdet und heiß von der Jagd, die kühle Luft an, daß sie mit labendem Hauch die glühenden Schläfen ihm umfächle. »Komm, liebliche Aura« – denn Aura nannte der Grieche den frischen Morgenwind –, »komm, du Freundliche«, rief er oftmals, »erquicke und stärke mich! Laß den Verschmachtenden deinen süßen Hauch einatmen, du Holde!« Dies vernahm einst ein Horcher; getäuscht vom doppelsinnigen Wort, glaubte er, Kephalos rufe die Nymphe des Ortes, mit der er heimlich im Walde sich zu treffen pflege. Eilends ging der Unbesonnene zu Prokris und vertraute ihr alles, was er gehört hatte. Leicht läßt die Liebe sich täuschen. Prokris sank ohnmächtig zu Boden, von Herzensjammer überwältigt, und als sie wieder zur Besinnung kam, schluchzte und weinte sie um ihres Gatten Verrat. ›Aura also heißt die Nebenbuhlerin, die das zärtlichste Herz betört hat! Aber‹, so dachte die Gute, ›nicht ungesehen will ich den Geliebten verdammen; vielleicht ist der Unglücksbote getäuscht, oder er täuscht mich selbst mit falschem Bericht.‹ So von Zweifeln, Schmerz und Hoffnung bestürmt, nahm sie sich vor, selber den Gemahl zu belauschen.

Am andern Morgen zog Kephalos wie immer hinaus, streckte sich nach vollendeter Jagd in den Rasen und sang: »Komm, du freundliche Aura, erquicke den Müden!« Aber plötzlich brach er ab, – es raschelte im nahen Gebüsch. Gewiß ist es ein Reh, das durch das Dickicht leise dahinhüpft; schnell springt er auf, schleudert den niemals fehlenden Speer und trifft – ach, die zärtliche Gattin. »Weh mir!« stöhnte die Arme und preßte die Hand auf die todwunde Brust. Kaum erkannte Kephalos die geliebte Stimme, so stürzte er wie wahnsinnig nach der Stelle hin, wo seine treue Prokris in ihrem Blute lag. Umsonst zerriß er jammernd sein Gewand, die schreckliche Wunde zu verbinden. Der Getroffenen schwanden die Kräfte, und mühsam mit flüsternder Stimme sprach sie: »Grausamer, höre mein Flehn! Bei den unsterblichen Göttern, bei dem heiligen Bund, den du treulos gebrochen, beschwör ich dich: Laß, wenn ich tot bin, nicht Aura unser stilles Gemach betreten!« Jetzt erst erkannte Kephalos den unseligen Irrtum, der die Ärmste befangen hielt. Schluchzend belehrte er sie und beteuerte mit heißen Tränen seine Treue und Unschuld. Ach, es war zu spät. Noch einmal blickte sie zärtlich zu ihm auf, ein schmerzliches Lächeln umspielte den bleichen Mund; beruhigt, fast heiter schien ihr sterbendes Antlitz, – so hauchte sie in den Armen des trostlosen Gatten ihre Seele aus.

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