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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 219
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende

Turnus setzte indessen auf dem äußersten Plane des Schlachtfeldes noch wenigen Fliehenden nach, aber seine Rosse liefen allmählich langsamer und müder. Da scholl ihm von ferne aus der zerrütteten Stadt verworrenes Geschrei und Getöse entgegen, und er fing an zu ahnen, daß dort sich ein großes Unglück ereignet haben müsse. Er fiel der Schwester, die noch immer in Gestalt des Wagenlenkers Metiskus neben ihm im Wagen saß, in die Zügel, zog sie an und hielt in dumpfer Betäubung die Rosse zurück. Juturna aber sprach ärgerlich zu ihm: »Was besinnst du dich, Turnus, willst du auf der Bahn des Sieges stillestehen? Hier laß uns die Trojaner verfolgen, für die Verteidigung der Häuser mögen andere sorgen!« Turnus blickte sie lange staunend an und sprach: »So hab ich mich doch nicht getäuscht! Mir war längst, als wenn nicht mein Wagenlenker Metiskus mir zur Seite säße, sondern als wenn du es wärest, geliebte Schwester! Ja, ich habe dich schon erkannt, als deine List das Bündnis der Könige trennte! Auch jetzt verbirgst du dich mir umsonst, o Göttliche! Aber sage mir, wer sandte dich vom Olymp herab und hieß dich um meinetwillen die Beschwerden der Sterblichen erdulden? Bist du etwa dazu abgeschickt, den Tod deines armen Bruders zu schauen? Denn habe ich eine andere Aussicht? Sah ich nicht die edelsten und tapfersten Rutuler um mich her fallen? Nun muß ich es auch noch mit ansehen, daß die Stadt erstürmt und verwüstet wird! Und ich sollte nicht mit meiner Faust die Worte des neidischen Drances widerlegen, sollte schimpflich mich dem Kampfe entziehen? Und mein Land, mein Volk sollte den Turnus fliehen? Ist denn der Tod so etwas gar Unseliges? Ihr Götter der Unterwelt, seid ihr mir wenigstens geneigt, weil die Neigung der Himmlischen sich von mir abkehrt! Vorwurfslos, ein fleckenfreier Geist, will ich, des Ruhmes meiner Altvordern wert, zu euch hinuntersteigen!«

Kaum hatte er die Worte gesprochen, als mitten durch die Feinde auf einem schäumenden Rosse der Rutuler Saces, dem das Angesicht von einem Pfeilwurfe blutete, herangestürmt kam und den Turnus flehend beim Namen rief. »Komm, Turnus, komm; du bist unsere letzte Hoffnung! Äneas ist in der Stadt, bedroht die Burg; Feuerbrände fliegen nach den Häusern; der König zweifelt schon, wen er zum Eidam wählen soll; die Königin ist durch eigene Hand gefallen, nur Messapus und Atinas halten das Treffen noch an den Toren auf.« Turnus hielt die Rosse wieder an und starrte, zwischen Scham, Kummer und rasender Liebe geteilt, in die Weite mit den irrenden Blicken hinaus. Endlich rollten seine Augen wieder in ihren Kreisen, und seine Blicke fielen auf die Latinerstadt. Siehe, dort wallte von Stockwerk zu Stockwerk des höchsten hölzernen Mauerturmes die Feuersäule des Brandes empor, jenes Turmes, den er selbst aus riesigen Balken gezimmert, auf Räder gesetzt und durch mächtige Zugbrücken mit der Stadt verbunden hatte. »Jetzt, Schwester«, rief er, »jetzt besiegt uns das Glück; halte mich nicht länger auf; laß uns folgen, wohin das strenge Geschick mich ruft! Ich bin entschlossen, mit Äneas zu kämpfen; mag kommen, was da will, ruhmlos sollst du mich nicht sehen!«

So sprach er, sprang vom Wagen auf die Erde, stürzte durch die Lanzen der Feinde dahin und durchbrach, die trauernde Schwester zurücklassend, die Scharen der Trojaner. Wie ein Felsblock, vom Gipfel des Gebirges losgerissen, in die Tiefe hinabrollt, vom Boden emporhüpft, Wälder, Herden und Männer im Sturze mit sich fortreißt, so stürmte Turnus durch die zersprengten Reitergeschwader heran zu den Stadtmauern, wo der Kampf am dichtesten war, winkte mit der Hand und begann laut zu rufen: »Hört auf zu kämpfen, Rutuler! Hemmt eure Geschosse, ihr Latiner! Mir allein gebührt es, mit den Waffen über das Bündnis zu entscheiden!« Als die Streitenden dieses hörten, entstand eine Gasse, und Äneas, der den Ruf des Turnus vernommen hatte, verließ die Höhen, brach jedes andere Geschäft ab, jubelte und rauschte in den schallenden Waffen einher. Der greise Latinus selbst mußte staunen, wie er die zwei gewaltigen Männer, aus zwei verschiedenen Weltteilen stammend, aufeinander zuschreiten sah, um den Hader durch das Schwert zu entscheiden.

Jene beiden aber stürzten, wo von den zurückweichenden Streitern ein offener Platz im Gefilde gelassen war, in reißendem Lauf hervor, warfen die Speere gegeneinander und rannten dann mit Schild und Schwert zum Kampfe an, daß der Grund erbebte. Nun folgte Hieb auf Hieb; die Kämpfenden riefen Glück und Tapferkeit zu Hilfe. Endlich streckte sich Turnus mit ganzem Leibe hervor und langte zuversichtlich, sich bloßgebend, zu einem entscheidenden Schwertstreiche aus. Trojaner und Latiner, in banger Erwartung, schrien laut auf. Aber die treulose Klinge brach dem Rutuler mitten im Hiebe und gab ihn preis, wenn er nicht das Heil in der Flucht suchte! Als er nämlich beim Wiederausbruche des Krieges den Streitwagen bestieg, da hatte Turnus in der Eile an der Stelle seines vom Vater ererbten Wunderschwertes die Klinge seines Wagenlenkers Metiskus ergriffen. Diese hielt ihm auch gut aus, solange er nur in den Rücken flüchtiger Trojaner einzuhauen hatte; aber sie war eben doch nur ein menschliches Schwert, und als sie auf der von dem Gotte Vulkanus geschmiedeten Wehr des Helden Äneas aufzusitzen kam, brach sie ihm wie mürbes Eisen mitten im Streich entzwei, und die Stücke lagen schimmernd im gelben Sande.

Nun warf sich Turnus, unsicher kreisend, bald da-, bald dorthin auf die Flucht; doch konnte er nicht entrinnen, denn auf zwei Seiten umschlossen ihn die Trojaner in dichtem Gedränge, auf der dritten hemmte seinen Lauf ein Sumpf, und auf der vierten, hinter Latinern und Rutulern, erhoben sich zugangslos die Mauern der Stadt. Auch verfolgte den Fliehenden, obgleich noch von der alten Pfeilwunde entkräftet und im Laufe selbst ermüdet, Äneas und bedrängte mit dem Fuße den Fuß des Bebenden. Jetzt erst entstand unter den zuschauenden Heeren ein rechtes Geschrei; Ufer und Hügel umher erschollen, und donnernd stieg der Ruf zum Himmelsgewölbe empor. Auf der Flucht rief der geängstete Turnus diesem und jenem Rutuler mit Namen zu und verlangte seinen eigenes Kampfschwert. Äneas aber bedrohte jeden, der ihm nahen würde, mit unausbleiblichem Verderben und schreckte mit der Drohung, sich auf die Stadt zu werfen und sie zu zerstören, alle Herannahenden zurück.

So durchkreisten sie die Bahn fünfmal, denn es galt kein Spiel und keinen geringen Kampfpreis. In einem wilden Ölbaume, der sich inmitten des Kampfplatzes befand und dem Faunus geweiht war, dem die glücklich gelandeten Schiffer hier Weihgeschenke aufzuhängen pflegten, steckte der Speer des Äneas vom ersten Kampfwurfe her und hatte sich in der Wurzel des Baumes gefangen. Beim Vorübereilen kam dem trojanischen Helden der Gedanke, seinen Speer herauszuziehen und den Feind, den er im Laufe nicht einzuholen vermochte, mit der Lanze zu verfolgen. Außer sich vor Schrecken sah dies Turnus und richtete sein Gebet an den einheimischen Gott Faunus mit den Worten: »O Faun und gütige Göttin des italischen Bodens, wenn ich euch immer die schuldigen Ehren erwiesen habe, erbarmt euch meiner jetzt, haltet den Speer des Gegners fest!« Die Landesgötter hörten den Flehenden, und Äneas bemühte sich vergebens, die Lanze aus dem fest zusammenhaltenden Holze des zähen Stammes herauszuziehen. Während sich nun der Held hitzig anstemmte und abquälte, rannte die Schwester des Turnus, die Nymphe Juturna, wieder in die Gestalt seines Wagenlenkers Metiskus verwandelt, vor und händigte ihrem Bruder sein rechtes, gefeietes Schwert ein. Venus aber, entrüstet, daß einer gewöhnlichen Nymphe ein so kühnes Werk erlaubt sein sollte, trat auch herbei und half dem Äneas den Speer aus der tiefen Wurzel hervorziehen.

Nun waren beide Kämpfer mit frischen Waffen versehen und von neuem Mute beseelt; beide richteten sich in die Höhe, der eine schwang sein Schwert, der andere bäumte sich mit dem Speer, und so standen sie mit fliegendem Atem einander zum letzten Kampfe gegenüber. Da sprach Jupiter, der aus dem goldenen Gewölke des Olymp dem Streite zusah, zu seiner Gemahlin Juno: »Setzen wir endlich diesem Krieg ein Ziel! Du weißt und bekennest es ja selbst, daß Äneas vom Geschicke dem Himmel bestimmt sei! Wozu steifest du nun seinen Feind und gibst ihm durch Juturna sein Schwert wieder in die Hand? Du hast die Trojaner über Land und Meer verfolgt, den Krieg entzündet, den Palast in Trauer versenkt, das Brautfest durch Jammer gestört. Weitere Versuche verbiet ich dir!« Juno antwortete dem zürnenden Gemahl mit gesenktem Antlitz: »Wider Willen habe ich, weil dein Befehl mir heilig war, die Erde und den Turnus verlassen. Hätte ich dir nicht gehorchen wollen, so würdest du mich jetzt nicht hier in den Wolken das Unrecht erdulden sehen, sondern ich stände, mit Flammen umgürtet, vorn im Trojanertreffen. Daß ich der Nymphe Juturna geraten, in der Not ihrem Bruder beizustehen, ist wahr; aber daß sie ohne mein Zutun dem Bruder das Schwert gereicht, das schwöre ich dir beim Styx! Auch will ich mich des Kampfes gar nicht mehr annehmen und bitte dich nur um eines: Wenn Turnus erlegen ist und Äneas die Königstochter heimführt, zwinge die Latiner nicht, ihren alten Volksnamen aufzugeben und sich Trojaner zu nennen, zwinge sie nicht, ihre Sprache zu vertauschen, nicht, fremde Gewande, Sitten und Gebräuche anzunehmen; laß sie das Volk bleiben, das sie gewesen sind, laß auch den Römerstamm aus italischer Wurzel emporwachsen! Troja aber sei und bleibe gefallen mitsamt seinem Namen!«

Lächelnd erwiderte der Göttervater seiner Gemahlin: »Kind des Saturnus, geliebte Schwester, was für Zorneswellen wälzest du noch in deinem Innern? Bezähme doch deinen vergeblichen Groll! Was du begehrest, soll dir ja gewährt sein. Latium soll Sprache, Sitten und Namen beibehalten. Der Trojaner soll sich mit dem Volke verschmelzen und nur so sich ansiedeln; er soll die Opfergebräuche des Landes annehmen, er soll ganz zum Latiner werden. Die Römer, das neue Geschlecht, das aus dem vermählten Blute der Italer und Teukrer entstehen wird, sollen das Volk sein, das dir, o Juno, die meiste Ehre erweisen wird!« Die Göttin nickte dem Gemahl freudig zu und änderte, zufriedengestellt, ihre Gesinnung.

Nun dachte Jupiter darauf, die Schwester des Turnus aus dem Kampfe zu entfernen. Drei Zwillingskinder, Töchter der Rache, mit Schlangengürteln und Windesflügeln, Diren genannt, stehen immer vor Jupiters Throne bereit und werden von ihm zu den Sterblichen hinabgesandt, wenn er Seuchen, Krieg und andere Todesnot unter ihnen erregen will. Eine von diesen schickte Jupiter vom Äther herab und befahl ihr, der Nymphe als ein unheilbringendes Zeichen zu begegnen. Die Dire flog zur Erde hinab wie ein Pfeil, und sobald sie die beiden feindlichen Heere erblickte, zog sie sich schnell in die Gestalt eines kleinen Käuzchens zusammen, wie es als Unglücksvogel auf Scheiterhaufen oder verlassenen Häusergiebeln zu sitzen pflegt. In dieser Gestalt umflatterte sie das Angesicht des Turnus, kreiste hernieder zu seinem Schild und schlug auch diesen mit den Fittichen. Dem kämpfenden Helden sträubte sich das Haupthaar, und seine Glieder erstarrten bei diesem unheilvollen Anblicke. Juturna aber raufte sich das Haar aus und schlug sich an die Brust; denn sie erkannte die Übermacht Jupiters und fluchte ihrer eigenen Unsterblichkeit. Sie bedeckte sich den Leib mit dem grünen Flutengewande und tauchte verzweifelt in den nahen Tiberstrom unter.

Äneas drang jetzt heran, schüttelte seinen baumlangen Speer voll Wut und rief dem Gegner zu: »Was zögerst du noch, Turnus, was sträubst du dich noch länger? Nicht zum Wettkampfe haben wir uns vereinigt, sondern zum Waffenkampf! Sammle jetzt, was du von Kunst und Mut besitzest!« Turnus schüttelte das Haupt und entgegnete: »Nicht deine hitzigen Worte schrecken mich, du Trotziger; mich schreckt das Götterzeichen und die Feindschaft Jupiters!« Mehr sprach er nicht, sondern faßte einen gewaltigen Stein ins Auge, der neben ihm im Felde lag und einen Markstein vorstellte. Zwölf Männer, wie sie jetzt sind, würden ihn kaum auf den Nacken heben können. Diesen faßte der Rutulerheld mit der Hand, richtete sich empor und wollte ihn im Laufe gegen den Feind schleudern. Aber er kannte sich selbst nicht mehr, denn er fühlte seine Arme kraftlos, seine Knie schlottern, sein Blut zu Eis erstarren. Der Felsenstein, durch die leere Luft gewirbelt, erreichte sein Ziel gar nicht; er sank entkräftet auf den Boden, wie man oft im Traume einen Anlauf nimmt und doch nicht gehen und nicht sprechen kann. Turnus wandte sich unwillkürlich zur Flucht um und säumte, die Rutuler und die Mauern der Stadt vor sich erblickend, in verzagender Angst und den Speerwurf des Feindes erwartend. Vergebens sah er sich nach seinem Wagen, vergebens nach der leitenden Schwester um.

Auch zauderte der Trojaner nicht und schleuderte aus Leibeskräften die Todeslanze, die wie ein Felsstück vom Geschütze abgesendet oder wie ein Blitzstrahl dahergesaust kam. Durch Schildrand und Panzer fuhr sie den Feind in die Hüfte, und getroffen vom Stoße, sank der gewaltige Turnus zusammenbrechend ins Knie.

Die Rutuler ächzten laut auf, daß die hohe Waldung umher widerhallte. Turnus lag gedemütigt auf dem Boden, streckte flehend seine Rechte zu dem Sieger empor und sprach: »Ich hab es so verdient; ich verlange keine Schonung für mich; brauche dein Glück! Aber wenn der Jammer meines Vaters dich zu rühren vermag – er ist mir, was dir Anchises war –, so erbarme dich des greisen Daunus. Gib mich – oder willst du dieses nicht, so gib meinen entseelten Leib den Meinigen zurück! Ich gebe mich ja besiegt; Lavinia sei dein; setze deinem Haß ein Ziel!«

Äneas stand ausholend zum Streich, seine Blicke rollten über den Liegenden hin, doch hielt er die bewehrte Rechte zurück; und schon wollte seine Seele sich zum Mitleid kehren, als er zum Unheil des Besiegten an dessen Schulter das Wehrgehenk des arkadischen Fürstensohnes Pallas erblickte, des holden Jünglings, den Turnus erschlagen hatte. Da entbrannte sein Schmerz und Zorn aufs neue, und schrecklich im Grimme rief er: »Wie? du, den der Raub der Meinigen schmückt, solltest mir entrinnen? Pallas, Pallas opfert dich mit diesem Stoß und nimmt Rache an dem verfluchten Blut!« So sprach Äneas und tauchte stürmisch sein Schwert in die ihm entgegengestreckte Brust des Feindes. Turnus sank zu Boden; Kälte durchrieselte ihm die Glieder, und unwillig floh sein Schatten aus dem erstarrenden Leibe hinab zur Unterwelt.

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