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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 194
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Den Flüchtlingen wird Italien versprochen

Über diese Deutung waren die Auswanderer hocherfreut. Ehe sie wieder zu Schiffe gingen, schlachteten sie dem Meeresgotte Neptunus und dem Apollo, der sie mit seinem Orakel getröstet hatte, jedem einen Stier und den mächtigsten Winden Lämmer, dem wilden Sturm ein schwarzes, dem sanften Zephyr ein weißes. Dann verließen sie den Hafen von Delos, und ihre Schiffe durchflogen mit dem günstigsten Fahrwinde die Wellen; es war das Inselmeer der Zykladen, das Gewässer schien ganz vor Eilanden zu wimmeln, die da und dort mit ihren schneeweißen Marmorfelsen aus den Fluten stiegen. Der heiterste Himmel begünstigte die Fahrt; in die Wette steuerten die Fahrzeuge dahin, und von allen Seiten ertönte fröhliches Geschrei der Schiffenden. »Auf, ihr Freunde, Kreta gesucht, das teure Heimatland unserer Väter aufgefunden!«

Am dritten Morgen hatte die Flotte wirklich, wie es von Anchises vorausgesagt worden war, den lachenden Strand der Insel Kreta erreicht; und als die Flüchtlinge ausgeschifft waren und sich von den Einwohnern wohl aufgenommen sahen, fing Äneas abermals mit großer Begierde die ersehnten Mauern einer Pflanzstadt zu gründen an. Die Flotte war ans Ufer gezogen, und unter den fleißigen Händen der Pflanzer stiegen bald Mauern und Häuser empor, und sie fingen an, sich wohnlich einzurichten. Nach Pergamus, der Burg von Troja, gab Äneas der neuen Stadt den Namen Pergamus; und auch sie erhielt ihre gesonderte Burg auf einem Hügel. Schon beschäftigte sich die Pflanzung mit den ersten bürgerlichen Einrichtungen; unter dem jungen Volke der Auswanderer wurden Ehen geschlossen, Äcker wurden verteilt, und die Häupter des Volkes traten zusammen und berieten sich über die Gesetze des erneuten Volkes; da bedrohte ein neues Unglück die armen Flüchtlinge mit gänzlichem Verderben. Ein glutheißer Sommer brannte ringsum die Felder aus, ohne Nahrung erkrankte die Saat, Gras und Kräuter verdorrten, auf den Bäumen verwelkten die Blüten ohne Früchte; ein schreckliches Sterben riß unter den Menschen selbst ein, und was der Tod verschonte, das schleppte sieche Leiber umher. Auf einer Versammlung, in welcher der zusammenschmelzende Haufen über seine trostlose Lage beratschlagte, stand Anchises mit bekümmertem Herzen auf und riet seinen Unglückgefährten, die Schiffe wieder zu besteigen, rückwärts nach dem Zykladenmeere zu steuern und wieder auf der Insel Delos das Orakel dieses Gottes um gnädigen Aufschluß anzuflehen, wohin sie die Schiffahrt ferner zu richten hätten und welches Ziel ihrer Not bestimmt sei. Diesem Rate trat das gesamte Volk bei, und sie beschlossen, alles bewegliche Eigentum auf die Schiffe zurückzubringen, sobald dieses geschehen sei, die Anker zu lichten und die fast vollendete Stadt zu verlassen.

Als alle Vorbereitungen getroffen waren und unter fortdauerndem Elende die letzte Nacht herankam, welche sie unter Kretas unglücklichem Himmel zuzubringen gedachten, lag Äneas müde von Sorgen und doch schlaflos auf seinem Bette, und sein Geist brütete in der stillen Finsternis. Jetzt stellte sich ein plötzliches Gesicht seinen Augen dar. Der Vollmond brach eben aus den Wolken und erhellte mit seinen Strahlen die Räume seines Schlafgemachs. Da schienen in voller Beleuchtung hart vor dem Liegenden die heiligen Hausgötter der Trojaner, die er aus dem wütenden Feuer seiner Vaterstadt gerettet hatte, zu stehen. Ihr Mund tat sich auf, ihre nie vernommene Stimme sprach zu ihm, und was sie redeten, waren Worte des Trostes: »Apollo selbst«, so lautete ihre Rede, »schickt uns in deine Behausung. Du sollst uns vertrauen: wir, die wir aus dem Brande Trojas dir folgten und auf deiner Flotte mit dir durch die stürmische Meeresflut gefahren sind, wir werden deinem Geschlecht einen Wohnsitz finden, den Ruhm deiner Enkel verherrlichen und ihrer Stadt die Herrschaft der Welt verleihen. Du selbst bist dazu erkoren, deinen großen Nachkommen diesen Sitz vorzubereiten, und darfst deswegen die langen Beschwerden der Flucht nicht scheuen. Freilich, den Ort, wo du dich jetzt angesiedelt, mußt du verlassen, nicht dieses Ufer hat der delische Apollo gemeint, nicht auf Kreta solltest du dich anbauen; nein, weit von hier liegt das Land, auf welches dich der Götterspruch hinweist, die Griechen nennen es Hesperien: es ist ein uraltes Land, mächtig durch die Waffen seiner Bewohner, reich durch den Segen seines Bodens. Seine ersten Bewohner hießen Önotrier, von den jüngern soll es jetzt Italien genannt werden und das Volk Italervolk, nach dem Namen eines einheimischen Königes Italus. Dies ist der Sitz, der euch von euren Ahnen her gehört, dorther stammen eure Väter Dardanus und Jasius, die ältesten Begründer eures Geschlechts. Wohlan, mach dich auf, melde deinem betagten Vater fröhlich dieses unzweifelhafte Wort: Italien soll er aufsuchen; die Gefilde Kretas verweigert euch Jupiter.«

Ein kalter Angstschweiß hatte den Helden überlaufen, solange die Götter vor ihm standen und sprachen; doch als sie verschwunden waren, fühlte er sich von ihren Worten wunderbar getröstet, raffte sich vom Lager auf, streckte die flachen Hände betend, wie die Alten pflegten, gen Himmel empor und brachte auf seinem Hausherde den heimischen Göttern ein Trankopfer dar. Nachdem dieses fröhlich vollbracht war, eilte Äneas zu seinem alten Vater und meldete ihm ausführlich das Nachtgesicht. Diesem gingen die Augen des Geistes auf. er erkannte den doppelten Ursprung der Trojaner, den einen von Dardanus, den andern von Teucer und sah nun wohl ein, daß er in der Verwechslung der beiden alten Stammländer sich getäuscht habe. »Lieber Sohn«, sprach er, »jetzt erst erinnere ich mich, daß die Seherin Kassandra allein es war, welche mir das Geschick der Zukunft richtig geweissagt hat. Sie verkündigte unserem Geschlecht ein Land, welches sie bald Hesperien, bald Italien benannte. Das geschah aber, als Troja noch lange stand, und wer dachte damals im Ernste daran, daß jemals teukrische Männer ihre Heimat verlassen und nach den fernen Küsten Hesperiens auswandern würden, ja wer achtete damals überhaupt nur auf die Reden Kassandras, die für eine Närrin und keine Seherin galt? Jetzt aber laßt uns dem Wort Apollos nachgeben und auf seine Warnung dem besseren Winke folgen.«

So sprach Anchises. Inzwischen hatte sich das Volk zur beschlossenen Abfahrt nach Delos versammelt; als es nun die neue Weisung der Götter vernommen, brach es in einen lauten Jubel aus. Alles rüstete sich; nur wenige Kranke und Genesende blieben in der neugegründeten Pflanzstadt zurück. Durch sie wurde die neue Ansiedelung der Trojaner erhalten; glücklichere Zeiten kamen, die Einwohner vermehrten sich, und in späten Tagen blühte auf der Insel Kreta noch Pergamus, die Troerstadt.

Die andere aber richteten die Segel, und bald steuerte die Flotte wieder durch die hohe See.

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