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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 190
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Odysseus und Laërtes

Am andern Morgen hatte sich Odysseus in aller Frühe reisefertig gemacht. »Liebes Weib«, sprach er zu Penelope, »wir beide haben bisher den Becher des Leidens bis zur Neige geleert: du mein Ausbleiben beweinend, ich durch Zeus und andere Götter von der Heimkehr ins Vaterland abgehalten. Jetzt, nachdem wir beide wieder vereinigt sind, unsere Herrschaft, unser Besitz uns wieder gesichert ist, sorge du für alles Gut, das mir im Palaste noch geblieben ist. Was die Freier in ihrer Üppigkeit uns verpraßt haben, das werden uns teils die Geschenke, mit welchen sie zuletzt ihre Bewerbung unterstützt haben, teils Raub und Gaben, die ich aus der Fremde mitbringe, reichlich ersetzen, so daß unsere Meierhöfe bald wieder gefüllt sein werden. Ich selbst aber will mich jetzt auf das Landgut hinausbegeben, wo mein guter alter Vater mich schon so lange betrauert. Ich rate dir aber, da das Gerücht von der Ermordung der Freier sich doch allmählich in der Stadt verbreiten muß, daß du mit deinen Dienerinnen dich in die Frauengemächer zurückziehest und niemand Gelegenheit gebest, dich zu schauen und zu befragen.«

So sprach Odysseus, warf sich sein Schwert um die Schulter und weckte nun auch seinen Sohn Telemach und die beiden Hirten, die sofort alle drei auf seinen Befehl gleichfalls die Waffen ergriffen und mit dem ersten Frühlichte, den Helden an der Spitze, durch die Stadt eilten. Ihre Beschirmerin aber, Pallas Athene, hüllte die Wandelnden in einen dichten Nebel, so daß kein einziger Bewohner der Stadt sie erkannte.

Es dauerte nicht allzu lange, so hatten die vier Wanderer den lieblich gelegenen wohlgeordneten Meierhof des greisen Laërtes erreicht. Es war eines der ersten Güter, das der Vater des Odysseus zum Ererbten an sich gebracht hatte. In der Mitte des Hofes lag, von Wirtschaftsgebäuden umringt, das Wohnhaus. Hier aßen und schliefen die Knechte, die ihm das Feld bestellten. Ebendaselbst wohnte auch eine alte Sizilierin, die auf dem einsamen Landgute den alten Mann mit größter Sorgfalt pflegte. Als sie nun vor der Wohnung standen, sprach er zum Sohn und zu den Hirten: »Betretet ihr einstweilen das Haus und schlachtet ein auserlesenes Mastschwein für unser Mittagsmahl. Ich selbst will aufs Feld hinausgehen, wo der gute Vater ohne Zweifel bei der Arbeit ist, und ihn auf die Probe stellen, ob er mich wohl noch erkennt. Es wird nicht lange währen, so kehre ich mit ihm zurück, und wir feiern dann zusammen das fröhliche Mahl.« Odysseus reichte seinen Genossen Schwert und Speer, und diese wandten sich der Wohnung zu.

Er nun schlug den Weg nach den Pflanzungen seines Vaters ein und kam zuerst durch den Wurzgarten. Vergebens sah er sich hier nach dem Oberknechte Dolios, dessen Söhnen und den übrigen Knechten um. Sie waren alle ins Feld hinausgegangen, um Dornsträucher zu suchen und damit die Einfriedigung um die Baumpflanzung herzustellen. Als der König in dieser letzteren angekommen war, fand er endlich den alten Vater selbst, zwischen den schönen Reihengängen seiner Bäume stehend, wie er eben beschäftigt war, ein kleines Bäumchen umzugraben. Der Greis sah einem alten Knechte nicht unähnlich: er hatte einen groben, schmutzigen, an vielen Stellen geflickten Leibrock an; um die Beine trug er ein paar alte Felle von Ochsenleder, um sich damit gegen die Dornen zu schützen, an den Händen Handschuhe, auf dem Kopf eine Mütze von Geißfell. Als Odysseus seinen Vater in diesem elenden Aufzuge erblickte, gebeugt vom Alter, die Spuren des tiefsten Kummers auf dem Gesichte, mußte sich der Held vor Schmerz an den Stamm eines Birnbaums lehnen und weinte bitterlich. Am liebsten hätte er den Vater unter Küssen umarmt und ihm auf einmal gesagt, daß er sein Sohn sei und endlich ins Land der Väter zurückgekehrt. Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auch den Vater auszuforschen und mit leisem Tadel sein Herz auf die Probe zu stellen. So trat er denn, während der Greis mit gebücktem Haupte eifrig die Erde um den jungen Baumsproß auflockerte, diesem näher und begann also: »Greis, du scheinst dich recht gut auf den Gartenbau zu verstehen. Reben, Oliven-, Feigen-, Birn- und Apfelbäume, alle sind aufs beste gepflegt; auch den Blumen- und Gemüsebeeten fehlt es nirgends an der nötigen Sorge. Aber an einem fehlt es dir doch, und nimm es mir nicht übel, daß ich dir's ehrlich sage: du selbst scheinst nicht gehörig gepflegt zu werden, Alter, daß du in solchem Schmutz und so häßlicher Kleidung einhergehest! Von deinem Herrn ist das nicht wohlgetan. Auch scheint mir deine eigene Trägheit nicht an dieser Behandlung schuld zu sein. Betrachtet man deine Gestalt und Größe, so findet sich gar nichts Knechtisches an dir, du hast vielmehr ein königliches Ansehen; ein Mann wie du verdiente es, gebadet und wohlgespeist auszuruhen, wie man's den Alten gönnen mag. So sage mir doch, wer ist dein Herr und für wen bestellst du diesen Garten? Und ist dieses Land wirklich Ithaka, wie mir ein Mann, dem ich eben begegnete, gesagt hat? Es war übrigens ein unfreundlicher Mensch; er antwortete mir nicht einmal, als ich ihn fragte, ob der Gastfreund noch lebe, den ich hier besuchen will. In meiner Heimat habe ich nämlich vor langer Zeit einen Mann beherbergt, – es ist noch nie ein lieberer Gast über meine Schwelle gekommen. Dieser stammte von Ithaka und erzählte mir, daß er ein Sohn des Königs Laërtes sei; ich bewirtete den werten Freund aufs allerbeste und reichte ihm ein stattliches Ehrengeschenk, als er von mir schied: sieben Talente des feinsten Goldes, einen silbernen Krug mit den schönsten Blumengewinden vom selben Metall, zwölf Teppiche, ebenso viele Leibröcke und Mäntel und vier schmucke, kunstbegabte Mägde, die er sich selbst auslesen durfte.«

So fabelte der erfindungsreiche Odysseus. Sein Vater aber hatte bei dieser Nachricht das Haupt vom Boden aufgerichtet. Tränen waren ihm in die Augen getreten, und er sprach: »Freilich, guter Fremdling, bist du in das Land gekommen, nach welchem du fragst. Aber es wohnen mutwillige, frevelhafte Menschen darin, die du mit allen deinen Geschenken nicht zu ersättigen vermöchtest. Der Mann, welchen du suchst, ist nicht mehr da. Hättest du ihn noch lebend auf Ithaka getroffen, o wie reichlich hätte er deine schönen Geschenke dir vergolten! Aber sage mir, wie lang ist es her, daß dein unglücklicher Gastfreund, mein Sohn, dich besucht hat? Denn er ist es gewesen, mein armer Sohn, der jetzt vielleicht irgendwo im tiefen Meeresgrunde liegt oder dessen Fleisch die wilden Tiere und die Raubvögel verzehrt haben. Nicht die Eltern haben ihm das Totenhemde angezogen; nicht seine edle Gattin Penelope hat schluchzend am Bette des Gatten geweint und ihm die Augen zugedrückt! Aber wer und woher bist denn du, wo ist dein Schiff, wo sind deine Genossen? Oder kamst du auf einem gedungenen Fahrzeug als Reisender und bist allein an unserm Ufer ausgestiegen?«

»Ich will dir nichts vorenthalten, edler Greis«, antwortete Odysseus, »ich bin Eperitos, der Sohn des Apheidas aus Alybas; ein Sturm hat mich wider Willen von Sikanien an euer Gestade getrieben, wo mein Schiff nicht ferne von der Stadt vor Anker liegt. Fünf Jahre sind's, daß dein Sohn Odysseus meine Heimat verlassen hat. Er ging fröhlichen Mutes, und Glücksvögel begleiteten ihn. Wir gedachten uns noch oft als Gastfreunde zu sehen und uns gegenseitig schöne Gaben zu verehren.«

Dem alten Laërtes wurde es Nacht vor den Augen, mit beiden Händen langte er nach der schwarzen Erde, streute sie sich auf sein schneeweißes Haupt und fing laut zu jammern an. Jetzt wallte dem Sohn das Herz über, der Atem wollte ihm die Brust zersprangen; er stürzte auf seinen Vater zu, umschlang ihn unter Küssen und rief. »Ich selber bin es, Vater, ich selbst, nach welchem du fragst! Im zwanzigsten Jahre bin ich in die Heimat zurückgekommen. Trockne deine Tränen, gib allem Jammer Abschied, denn ich sage dir's kurz: alle Freier habe ich in unserem Palaste erschlagen!«

Staunend blickte ihn Laërtes an und rief endlich laut aus: »Wenn du wirklich Odysseus, wenn du mein heimgekehrter Sohn bist, so gib mir ein unzweifelhaftes Zeichen, auf daß ich glaube!« »Vor allen Dingen«, erwiderte Odysseus, »sieh hier die Narbe, lieber Vater, die von der Wunde des Ebers auf jener Jagd herrührt, als ihr mich selbst, du und die Mutter, zu ihrem guten alten Vater Autolykos schicktet, daß ich die Gaben, die er mir einst verheißen hatte, bei ihm abholen sollte. Aber du sollst auch noch ein zweites Zeichen haben: ich will dir die Bäume zeigen, die du mir einst geschenkt hast. Denn als ich noch ein kleines Kind war und dich in den Garten begleitete, da gingen wir zwischen den Reihen umher, und du zeigtest und benanntest mir die verschiedenen Gattungen. Dreizehn Birnbäume hast du mir geschenkt, zehn Äpfelbäume, vierzig kleine Feigenbäume und fünfzig Weinreben dazu, die jeden Herbst voll prächtiger Trauben stehen müssen.« Der Greis konnte nicht mehr zweifeln, er sank am Herzen seines Sohnes in Ohnmacht. Dieser hielt ihn aufrecht in den nervigen Armen. Endlich, als sein Bewußtsein zurückgekehrt war, rief er mit lauter Stimme: »Zeus und ihr Götter alle! Ja ihr lebet noch, sonst wären die Freier nicht bestraft worden! Aber jetzt ängstigt mich eine neue Sorge um dich, mein Sohn. Die edelsten Häuser in Ithaka und den Inseln sind durch dich verwaist: die Stadt, die ganze Nachbarschaft wird sich gegen dich erheben.« »Sei guten Mutes, lieber Vater«, sprach Odysseus, »und laß dich das jetzt nicht bekümmern. Folge mir zu deinem Wohnhause; dort harren schon dein Enkel Telemach, der Rinderhirt und der Sauhirt und haben uns das Morgenessen bereitet.«

So gingen sie beide zusammen in das Landhaus, wo sie den Telemach und die Hirten schon mit Zerlegung des Fleisches beschäftigt fanden und der rote Festwein eingeschenkt in den Pokalen perlte. Noch vor dem Schmause wurde Laërtes auf Veranstaltung seiner treuen alten Dienerin gebadet und gesalbt und legte zum ersten Male nach langen Jahren wieder sein schönes fürstliches Gewand an. Während er sich damit bekleidete, nahte sich ihm unsichtbar die Göttin Pallas Athene und verlieh auch dem Greise aufrechten Wuchs und Hoheit der Gestalt. Als er wieder zu den andern eintrat, blickte sein Sohn Odysseus verwundert an ihm empor und sprach: »Vater, sicherlich hat einer der unsterblichen Götter dir Gestalt und Wuchs verherrlicht!« »Ja, bei allen Göttern!« sagte Laërtes, »hätte ich, wie ich mich heute verjüngt und kräftig fühle, gestern bei dir im Saale gestanden und an deiner Seite gekämpft, fürwahr, es wäre mancher Freier sterbend vor mir ins Knie gesunken!«

So wechselten sie miteinander freudige Gespräche und setzten sich endlich alle ums Mahl. Jetzt kam auch der alte Meier Dolios samt seinen Söhnen müde von der Feldarbeit zurück. Über die Schwelle getreten, sahen sie den König Odysseus dasitzen, erkannten ihn und standen staunend, wie in den Boden gewurzelt. Odysseus aber redete ihnen freundlich zu: »Geschwind, Alter, setze dich mit deinen Söhnen zu uns ans Mahl, wir harren schon lang auf euch! Nehmt euch ein andermal Zeit zum Staunen.« Da eilte Dolios mit ausgebreiteten Armen auf den Helden zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Lieber Herr, Heil dir und Segen«, rief er, »nachdem du unser aller Wunsch erfüllt hast und endlich heimgekommen bist! Sage mir, weiß Penelope schon, oder sollen wir ihr Botschaft zukommen lassen?« »Sie weiß alles«, antwortete Odysseus, »du darfst dich nicht bemühen.« Da setzte sich Dolios zum Mahle; seine Söhne drängten sich um Odysseus, drückten ihm die Hände und hießen ihn willkommen; dann nahmen auch sie an der Seite ihres Vaters Platz, und alles schmauste fröhlich zusammen.

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