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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 184
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Der Festschmaus

Die Freier, nachdem sie in ihrer Versammlung sich über Telemachs Ermordung besprochen, kamen allmählich auch im Palaste an. Sie legten ihre Mäntel ab, die Tiere wurde geschlachtet, gebraten und verteilt; Diener mischten den Wein in Krügen, der Sauhirt reicht die Becher umher, Philötios in zierlichen Körben die Brote, den Wein schenkte Melanthios, und das allgemeine Mahl begann.

Den Odysseus setzte Telemach absichtlich an die Schwelle des Saales auf einen schlechteren Stuhl und stellte einen armseligen Tisch davor. Hier ließ er ihm gebratenes Eingeweide auftragen, füllte seinen Becher mit Wein und sprach: »Hier schmause ruhig, und ich rate niemandem, dich zu schmähen!« Antinoos selbst ermahnte seine Freunde, den Fremdling gewähren zu lassen, denn er merkte wohl, daß derselbe unter Zeus' Schutz stehe; aber Athene stachelte die Freier heimlich zum Spott. Es war unter ihnen ein schlechtgesinnter Mann, mit Namen Ktesippos, von der Insel Same. »Ihr Freier, höret«, sprach dieser mit höhnischem Lächeln: »Zwar hat der Fremdling längst seinen Anteil, so gut wie wir selber, und es wäre auch nicht recht, wenn Telemach einen so vornehmen Gast überginge! Doch will ich ihm noch ein besonderes Gastgeschenk verehren; er mag die Schaffnerin damit bezahlen, die ihm den Schmutz vom Leibe gewaschen hat!« So höhnend zog er einen Kuhfuß aus dem Korbe und schleuderte ihn mit seiner nervichten Hand nach dem Bettler. Aber Odysseus bog mit dem Haupte aus und drängte den Zorn mit einem gräßlichen Lächeln in die Brust zurück; der Knochen fuhr an die Mauer.

Jetzt stand Telemach auf und rief. »Schätze dich glücklich, Ktesippos, daß du den Fremdling nicht getroffen hast; wäre es geschehen, ich hätte dir die Lanze durch den Leib gestoßen, und dein Vater hätte dir eine Leichenfeier statt der Hochzeit rüsten können! Drum erlaube sich keiner mehr eine Ungebühr in meiner Wohnung! Lieber bringet mich selbst um, als daß ihr die Fremdlinge beleidiget; es wäre mir auch besser, zu sterben, als immer so schändliche Taten mit anzusehen!« Alle verstummten, als sie so ernstliche Worte hörten; endlich stand Agelaos, der Sohn des Damastor, unter ihnen auf und sprach: »Telemach hat recht! Aber er und seine Mutter sollen jetzt ein Wort in Güte mit sich reden lassen. Solange noch irgendeine Hoffnung vorhanden war, daß Odysseus jemals in seine Heimat zurückkehren könne, so war es begreiflich, wenn man die Freier hinhielt. Jetzt aber ist es keinem Zweifel unterworfen, daß jener niemals zurückkommt. Wohlan denn, Telemach, tritt zu deiner Mutter, bestimme sie, den Edelsten unter uns Freiern und der die meisten Gaben bietet, zu wählen, damit du selbst hinfort ungeschmälert dein väterliches Erbe genießen kannst!«

Telemach erhob sich von seinem Sitz und sprach: »Beim Zeus, auch ich verzögere die Wahl nicht länger; vielmehr spreche ich schon lange der Mutter zu, sich für einen von ihren Bewerbern zu entscheiden. Nur, mit Gewalt werde ich sie nie aus dem Hause treiben!« Diese Worte Telemachs wurden mit einem unbändigen Gelächter von den Freiern aufgenommen, denn schon verwirrte Pallas Athene ihren Geist, daß sie grinsend ihre Gesichter verzerrten; auch aßen sie das Fleisch halb roh und blutig hinein: plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie gingen von der größten Ausgelassenheit zur tiefsten Schwermut über. Dies alles bemerkte der Seher Theoklymenos wohl. »Was ist euch«, sprach er, »ihr Armen? Eure Häupter sind ja wie in Nacht gehüllt, eure Augen sind voll Wassers, und aus eurem Munde tönen Wehklagen! Und was schaue ich, an allen Wänden trieft Blut, Halle und Vorhof wimmeln von Gestalten des Hades, und die Sonne am Himmel ist ausgelöscht!« Die Freier aber verfielen wieder in ihre vorige Lustigkeit und fingen aus Leibeskräften zu lachen an. Endlich sprach Eurymachos zu den andern: »Dieser Fremdling, der sich erst seit kurzem in unserer Mitte befindet, ist wahrhaftig ein rechter Narr. Schnell, ihr Diener, wenn er hier im Saale nichts als Nacht sieht, so führt ihn hinaus auf Straße und Markt!« »Ich brauche deine Begleiter nicht, Eurymachos«, antwortete Theoklymenos entrüstet, indem er aufstand. »Augen, Ohren und Füße sind gesund, auch ist bei mir der Verstand noch am rechten Ort; ich gehe von selbst, denn der Geist weissagt mir das Unheil, das euch naht und dem keiner von euch entflieht.« So sprach er und verließ eilig den Palast, ging zu Peiraios, seinem vorigen Gastfreund, und fand bei diesem die freundlichste Aufnahme.

Die Freier aber fuhren fort, den Telemach zu verhöhnen. »Schlechtere Gäste als du, Telemach«, sprach einer von ihnen, »hat doch kein Mensch in der Welt beherbergt: einen ausgehungerten Bettler und einen Narren, der wahrsagt! Wahrhaftig, du solltest mit ihnen durch Griechenland reisen und sie für Geld auf den Märkten sehen lassen!« Telemach schwieg und schickte seinem Vater einen Blick zu, denn er erwartete nur das Zeichen, um loszubrechen.

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