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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 159
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Telemach bei Nestor

Telemach ging hinab ans Meergestade, und die Hände in der Flut waschend, rief er zu dem unbekannten Gott, der tags zuvor in Menschengestalt bei ihm in seiner Wohnung erschienen war. Da nahete ihm Pallas Athene, dem Freunde seines Vaters, Mentor, an Gestalt und Stimme ähnlich, und sprach: »Telemach, wenn du hinfort nicht zaghaft und besinnungslos sein willst, wenn der Geist deines Vaters, des klugen Odysseus, nicht ganz von dir gewichen ist, so hoffe ich, daß du deinen Entschluß ausführest. Ich bin der alte Freund deines Vaters, ich will dir für ein schnelles Schiff sorgen und dich selber begleiten.« Telemach, der nicht anders glaubte, als daß Mentor selbst zu ihm geredet, eilte entschlossen nach Hause; auf dem Wege begegnete er dem jungen Freier Antinoos, der ihm lachend die Hand hinbot und sprach: »Unbändiger, trotziger Jüngling, zürne nicht länger! Lieber geschmaust und getrunken mit uns, wie bisher! Laß die Bürger für deine Reise sorgen, und wenn sie dir Schiff und Mannschaft gerüstet haben, dann magst du meinethalben nach Pylos fahren!« Aber Telemach erwiderte: »Nein, Antinoos, es ist mir unmöglich, länger schweigend mit euch ausschweifenden Männern am Mahle zu sitzen. Ich bin kein Knabe mehr; ihr habt es hinfort mit einem mutigen Manne zu tun, mag ich nun gen Pylos fahren oder auf unsrem Eilande verbleiben. Aber ich will gehen, und nichts soll mir die beschlossene Fahrt vereiteln.« So sprechend, zog er leicht seine Hand aus der Hand des Freiers und eilte in die Vorratskammer seines Vater hinab, wo Gold und Erz in Haufen lag, kostbare Gewande im Kasten ruhten, Krüge voll duftigen Öles und Fässer mit balsamischem Weine gefüllt an die Mauer gelehnt umherstanden. Hier fand er die wachsame Schaffnerin Eurykleia, schloß hinter sich die Pforte riegelfest und sprach zu ihr: »Mütterchen! Geschwind schöpf und fülle mir zwölf Henkelkrüge mit Wein und spünde sie wohl mit Deckeln, schütte mir auch zwanzig Maße feingemahlenen Mehls in Schläuche und rüste alles zusammen auf einen Haufen. Denn vor Nacht noch, wenn die Mutter schon im Schlafgemach ist, komme ich und hole alles ab. Erst nach zwölf Tagen, oder wenn sie mich selbst vermißt, darfst du ihr sagen, daß ich fort bin, den Vater zu suchen!« Weinend schwur ihm dieses die gute Schaffnerin zu und tat, wie er befohlen. Indessen hatte Athene selbst Telemachs Gestalt angenommen, Genossen für die Reise geworben und von einem reichen Bürger, Noëmon, ein Schiff zur Reise geborgt. Dann betäubte sie den Sinn der Freier, daß ihnen die Becher aus den Händen fielen und ein tiefer Schlummer, wie Berauschten zu geschehen pflegt, sich ihrer bemächtigte. Endlich nahm sie Mentors Gestalt wieder an, gesellte sich zu Telemach und ermunterte ihn, die Fahrt nicht länger zu verschieben. Bald standen beide am Meere, fanden dort die Genossen, ließen die Zehrung zu Schiffe bringen und bestiegen das Fahrzeug. Als die Woge schon um den Kiel schlug und der Wind die Segel schwellte, brachten sie den Göttern ein Trankopfer dar und fuhren bei günstiger Luft die ganze Nacht pfeilschnell dahin.

Mit Sonnenaufgang lag Nestors Stadt Pylos vor den Augen der Schiffenden. Dort brachte gerade das Volk, in neun Rotten geschart, dem Meeresgotte neun schwarze Stiere zum Opfer dar, verbrannte sie dem Gott und schmauste von den Überbleibseln. Da landeten die Männer aus Ithaka, und Telemach, von Athene als Mentor geführt und zu keckem Gruße aufgemuntert, eilte unter die Versammlung des pylischen Volkes. Hier saß Nestor mit seinen Söhnen; Freunde rüsteten das Mahl, Diener steckten das Fleisch an Spieße und brieten es. Als nun die Pylier Fremdlinge ans Ufer steigen und herannahen sahen, eilten sie ihnen sogleich in dichten Haufen entgegen, boten ihnen die Hände zum Gruß und nötigten den Telemach und seinen Führer zu sitzen. Insbesondere ergriff sie Peisistratos, der Sohn Nestors, beide bei der Hand, ermunterte sie freundlich, am Gastmahl teilzunehmen, und wies ihnen am Ufersande des Meeres auf dickwolligen Vliesen zwischen seinem Vater Nestor und seinem Bruder Thrasymedes den Ehrensitz an. Dann legte er ihnen von dem besten Fleische vor, füllte zwei goldene Becher mit Wein, trank ihnen unter Handschlag zu und sprach zu der verstellten Athene: »Bring dem Poseidon das Trankopfer mit Gebet, o Fremdling, und laß auch deinen jüngeren Freund also tun! Bedürfen doch alle Sterblichen der Götter!« Athene nahm den Becher, flehte vom Meeresgotte Segen auf Nestor, seine Söhne und alle Pylier herab und bat um Vollendung dessen, weswegen Telemach zu Meere dahergekommen. Dann schüttete sie von dem Trank zu Boden und hieß ihren jungen Begleiter ein Gleiches zu tun.

Darauf wandte man sich zu Trank und Speise, und als Hunger und Durst gestillt waren, begann der greise Nestor das freundliche Gespräch und forschte nach dem Geschlecht und der Absicht der Fremden. Telemach beantwortete ihm beides, und als er auf seinen Vater Odysseus zu reden gekommen war, sprach er mit Seufzen: »Vergebens suchten wir bisher sein Schicksal zu erkunden. Wir wissen nicht, kam er auf dem Festlande von Feinden um, oder hat ihn die Brandung des Meeres verschlungen. Darum flehe ich dich, mir seinen traurigen Tod zu verkündigen, magst du nun Augenzeuge gewesen sein oder ihn nur von einem Wanderer vernommen haben. Schone mich nicht aus Mitleid, sondern erzähle mir nur alles getreulich!«

»Lieber Jüngling«, antwortete Nestor, »weil du jener Zeit der Trübsal gedenkst, so höre alles, wie es ergangen.« Der Alte holte dann nach Greisensitte weit aus, meldete von dem Tode der größten Helden noch unter Ilions Mauern selbst, von dem Hader der beiden Atriden, endlich von seiner eigenen Rückfahrt; aber von Odysseus wußte er so wenig als der fragende Telemach selbst. Dagegen erzählte er ihm weitläufig den Tod des Agamemnon zu Mykene und die Rache des Orestes. Endlich riet er ihm, nach Sparta zum Fürsten Menelaos zu gehen, der erst neulich von fern entlegenen Menschen, an deren Küste ihn der Sturm geschleudert, zurückgekehrt sei. Da dieser am längsten unter allen Griechenhelden auf der Fahrt gewesen, sei es auch am ehesten glaublich, daß er irgendwo etwas von dem Geschicke des Odysseus vernommen.

Athene billigte als Mentor den Vorschlag und erwiderte hierauf: »Der Abend ist unter unsern Gesprächen eingebrochen; erlaube jetzt, o lieber Greis, meinem jungen Freunde, dich in deinen Palast zu begleiten und dort zu ruhen. Ich selbst will nach unsrem Schiffe sehen und meine Genossen ermuntern, alles Nötige anzuordnen. Dann will ich mein Nachtlager auch daselbst nehmen. Am andern Morgen fahre ich zum Volk der Kaukonen, wo ich eine Schuld einzufordern habe. Meinen Freund Telemach aber sende du selbst« – Nestor hatte dies so angeboten – »mit deinem Sohne auf einem wohlgezimmerten Wagen, mit deinen leichtfüßigsten Rossen bespannt, nach Sparta.« So sprach Athene, und siehe da, plötzlich verwandelte sie sich in einen Adler und flog empor zum Himmel. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor ergriff den Jüngling Telemach bei der Hand und sprach: »Du darfst nicht verzagen und nicht trostlos werden, mein Lieber, da schon in deiner Jugend beschirmende Götter dich begleiten! Denn kein anderer war dein Genosse als Zeus' Tochter, Athene, die auch deinen tapfren Vater vor allen andern Argivern immer besonders geehrt hat!« Dann richtete der Greis ein frommes Gebet an die Göttin, gelobte, ihr ein jähriges Rind am andern Morgen zu opfern, und führte mit Söhnen und Eidamen seinen Gast zur Nachtruhe nach Pylos in den Königspalast. Hier wurde noch einmal ein Trankopfer dargebracht und ein Umtrunk getan. Alsdann begab sich ein jeder zur Ruhe. Telemach erhielt seine Lagerstatt in einem zierlichen Bettgestelle unter der hohen Halle des Hauses, und neben ihm legte sich der tapfere Peisistratos, Nestors Sohn, zur Ruhe.

Kaum schimmerte die Morgenröte in den Palast, so erhob sich der rüstige Greis Nestor vom Lager, trat vor die Schwelle und setzte sich auf die schönen weißen Marmorquadern nieder, die als Ruhesitze an den Flügeltoren des Palastes angebracht waren und wo schon vor alters sein Vater Neleus oft gesessen. Um ihn versammelten sich seine sechs Söhne, und der letzte, Peisistratos, brachte auch den Gast aus Ithaka mit, der den König Nestor begrüßte, dann aber die Versammlung wieder verließ. Nun wurde die Kuh herbeigeholt, die Nestor als Opfer der Athene gelobt hatte; der Goldschmied Laërkes wurde gerufen, der die Hörner des Rinds vergolden mußte; die Mägde im Palast rüsteten ein Festmahl, setzten Stühle, brachten Holz und frisches Wasser herbei. Vom Schiffe herauf kamen Telemachs Freunde. Die Söhne Nestors führten die Kuh an den vergoldeten Hörnern herzu, ein anderer trug Wasserbecken und Opfergerste herbei, der vierte brachte die Axt, das Opfer zu schlachten, ein fünfter hielt die Schale hin, um das Blut des Tieres aufzufangen. Als das Opfertier den Streich mit der Axt erhalten hatte, schlachtete es unter dem Flehen der Gemahlin und der Töchter Nestors der sechste Sohn Peisistratos. Die besten Stücke wurden der Göttin verbrannt und dunkler Wein daraufgeschüttet; das übrige ward an Spieße gesteckt und gebraten.

Telemach war bei dem Opfer nicht zugegen gewesen; er hatte sich entfernt, um sich von der Reise im warmen Bade zu erholen, und trat jetzt in den schönen Leibrock gekleidet und in einen prächtigen Mantel gehüllt unter die Versammelten wieder ein. Nun setzte man sich zum Schmaus und Becher, und nach dem fröhlichen Mahle schirrte man die schönsten Rosse vor den Wagen, der den jungen Gastfreund nach Sparta bringen sollte. Die Schaffnerin legte Brot, Wein und andere Speisen hinein, und Telemach bestieg den Wagensitz. Neben ihm setzte sich Peisistratos in den Sessel, faßte die Zügel und schwang treibend die Geißel. Die Rosse flogen dahin; bald lag die Stadt Pylos hinter ihnen, und den ganzen Tag ging es im Fluge fort, ohne daß die Tiere zu ruhen begehrten.

Als die Sonne sich zum Untergang neigte und die Pfade schattiger wurden, kamen sie nach der Stadt Pherai, wo ein edler Griechenheld, namens Diokles, der Sohn des Orsilochos, hauste. Dieser nahm die reisenden Fürstensöhne gastlich auf, und sie ruheten in seiner Burg die Nacht über. Am andern Morgen fuhren sie weiter durch üppiges Weizenfeld, und endlich mit dem Abendschatten kamen sie zu der großen, zwischen Bergen gelegenen Stadt Lakedaimon oder Sparta.

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