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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 146
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Philoktet auf Lemnos

Die Helden landeten auf der unbetretenen, unbewohnten Küste der wüsten Insel Lemnos. Hier hatte vor mehr als neun Jahren, nach dem Ausspruche der Heerführer, Odysseus den Sohn des Pöas, Philoktet, dessen unheilbares Übel den Griechen seine Gegenwart unerträglich machte, in einer Höhle mit zwei Mündungen ausgesetzt, wo er des Winters im Sonnenstrahle Schutz vor der Kälte und des Sommers an einer andern Stelle Schatten und Kühlung finden konnte; in der Nähe rieselte eine lebendige Quelle. Die beiden Helden hatten diese Stelle bald wiedergefunden, und Odysseus traf noch alles wie das erstemal. Aber die Wohnung war leer, nur eine breite Streu aus Laub, wie von einem Ruhenden zusammengedrückt, ein kunstlos geschnitzter Becher aus Holz und etwas Feuergeräte deuteten auf einen Bewohner; und in der Sonne lagen Lumpen voll Eiters ausgebreitet, die nicht zweifeln ließen, daß der kranke Philoktet noch der Bewohner sei. Das erste, was sie taten, war, daß ein Diener auf die Lauer ausgesandt wurde, damit der Kranke sie nicht überraschen könnte. »Benützen wir«, sprach Odysseus zu dem jungen Sohne des Achill, »die Abwesenheit des Mannes, um unsern Plan mit ihm zu verabreden, denn nur durch Täuschung können wir uns seiner bemächtigen. Bei eurer ersten Zusammenkunft darf ich nicht zugegen sein; haßt er mich doch tödlich, und mit Recht! Sobald er dich nun fragt, wer du seiest und von wannen du kommest, sagst du ehrlich, du seiest der Sohn des Achill. Dann aber dichtest du noch weiter hinzu, du habest dich zürnend von den Griechen abgewandt und seiest auf der Fahrt nach der Heimat begriffen. Denn diese, die dich von Skyros nach Troja flehend herbeigeholt, um ihnen die Stadt erobern zu helfen, hätten dir die Waffen deines Vaters verweigert und sie mir, denn Odysseus, gegeben. Häufe nur so viel Schimpf auf mich, als dir einfällt; mich kränkt es nicht, und ohne diese List bekommen wir den Mann und die Pfeile nicht. Darum mußt du darauf denken, wie du ihm dies unbesiegbare Geschoß entwenden magst.« Hier fiel ihm Neoptolemos ins Wort: »Sohn des Laërtes«, sprach er, »eine Tat, die ich ohne Abscheu nicht hören kann, vermag ich auch nicht zu tun; weder ich noch mein Vater sind zu böser Kunst geboren worden. Gerne bin ich bereit, den Mann mit Gewalt zu fangen; nur erlaß mir die Arglist! Wie sollte auch der einzelne Mann, der dazu nur auf einem Fuße stehen kann, uns, die vielen, überwältigen?« »Mit seinen unentfliehbaren Pfeilen«, erwiderte Odysseus ruhig. »Ich weiß wohl, mein Sohn, daß dir die Gabe der Täuschung nicht eingepflanzt ist, und auch ich selbst, der ich von einem redlichen Vater stamme, war in der Jugend mit der Zunge langsam und rasch mit der Hand. Erst die Erfahrung mußte mich belehren, daß die Welt weniger durch die Taten als durch Worte gelenkt wird. Wenn du nun bedenkst, daß der Bogen des Herakles allein Troja zu bezwingen vermag und du durch diese Tat den Ruhm der Klugheit wie der Tapferkeit davontragen, auch durch den Erfolg vollkommen gerechtfertigt erscheinen wirst, so weigerst du dich gewiß nicht länger der kurzen Trugworte!«

Neoptolemos gab den Gründen seines älteren Freundes nach, und dieser entfernte sich nun, wie verabredet war. Auch dauerte es nicht lange, bis von weitem der Schmerzensruf des leidenden Philoktet sich hören ließ. Dieser hatte nämlich von ferne das Schiff am hafenlosen Strande erblickt und kam auf Neoptolemos und seine Begleiter herzugeeilt. »Wehe mir«, rief er ihnen zu, »wer seid ihr, die ihr an dieser unwirtbaren Insel gelandet? Zwar erkenne ich an euch die geliebte Griechentracht, doch möchte ich auch den Laut eurer Sprache vernehmen. Bebet vor meinem verwilderten Aussehen nicht zurück, bedauert vielmehr mich unglücklichen, von allen Freunden verlassenen, gepeinigten Mann und antwortet, wenn ihr anders nicht mit feindlichen Absichten erschienen seid!«

Neoptolemos antwortete, wie Odysseus ihn gelehrt hatte; da brach Philoktet in ein Freudengeschrei aus: »O teuerwerte griechische Laute, wie nach so langer Zeit tönet ihr in mein Ohr! O Sohn des liebsten Vaters! Geliebtes Skyros! Guter Lykomedes! Und du, Pflegekind des Alten, was sprichst du da? So haben dich die Danaer denn auch nicht anders behandelt als mich! Wisse, ich bin Philoktet, der Sohn des Pöas, derselbe, den die Atriden und Odysseus einst, ganz verlassen, von entsetzlicher Krankheit gequält, auf unsrem Zuge nach Troja hier aussetzten. Sorglos schlief ich am Strande der See unter diesem hohen Felsendache; da entflohen sie treulos, hinterließen mir nur kümmerliche Lumpen wie einem Bettler und die notdürftigste Kost, wie sie einst ihnen aufgespart sein möge! Wie meinst du, liebes Kind, daß ich aus meinem Schlaf erwacht sei? mit welchen Tränen, welchem Angstgeschrei, als ich von dem ganzen Schiffszuge, der mich hierhergeführt, keine Seele mehr erblickte, keinen Arzt, keine Hilfe für mein Übel; gar nichts mehr ringsum außer meinem Jammer, aber diesen freilich im Überfluß! Seitdem sind mir Armen Tage um Tage und Jahre um Jahre verlaufen, und unter diesem engen Dache bin ich mein einziger Pfleger gewesen. Mein Bogen hier verschaffte mir die nötigste Nahrung; aber wie jammervoll mußte ich mich, wenn mir eine Beute aus den Lüften zufiel, nach der Stelle hinschleppen, den kranken Fuß nachziehend! Und sooft ich einen Trunk aus der Quelle suchen, sooft ich von Winter zu Winter zur Feuerung meiner Höhle mir Holz im Walde fällen wollte, das alles mußte ich, mit Mühe aus meiner Höhle hervorkriechend, selbst besorgen. Wiederum fehlte es mir an Feuer; wie lange währte es, bis ich den rechten Stein fand, der, an Eisen geschlagen, den Funken sprühte, welcher mich bis diese Stunde erhalten hat. Denn als ich einmal dies Bedürfnis hatte, fehlte mir nichts mehr, mein Leben zu fristen, als Gesundheit. Jetzt höre aber auch von der Insel etwas, lieber Sohn! Wisse, es ist der armseligste Fleck auf der Erde: niemals nahet sich ihr freiwillig ein Schiffer; es fehlt an Landungsplätzen, fehlt an Gelegenheit, Waren umzutauschen, fehlt an allem Umgange mit Sterblichen. Wen die Fahrt hierhertreibt, der landet nur gezwungen. Solcherlei Schiffer beklagen mich dann zwar wohl, reichen mir auch wohl Speise oder ein Kleid, aber heimgeleiten will mich keiner; und so schmachte ich denn hier in Not und Hunger schon ins zehnte Jahr; und das alles haben Odysseus und die Atriden mir zuleide getan, denen die Götter mit Gleichem vergelten mögen!«

Neoptolemos geriet bei dieser Erzählung in wilde Bewegung seines Innern; doch drängte er dieselbe zurück, der Ermahnung des Odysseus eingedenk. Er berichtete dem jammernden Helden den Tod seines Vaters und was er sonst über Landsleute und Freunde zu hören wünschte und knüpfte daran mit aller Wahrscheinlichkeit die Lüge, die Odysseus ihn gelehrt. Philoktet hörte unter lauten Bezeugungen der Teilnahme und Überraschung zu; dann faßte er den Sohn des Achill bei der Hand, weinte bitterlich und sprach: »Nun, liebes Kind, beschwöre ich dich bei Vater und Mutter, laß mich nicht in meinen Qualen zurück. Ich weiß wohl, daß ich eine lästige Ladung bin! Dennoch entschließe dich, nimm mich mit, wirf mich, wohin du wills, ans Steuerruder, an den Schnabel des Schiffes, in den untersten Raum, wo ich deine Schiffsgenossenschaft am wenigsten quäle! Laß mich nur nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit; führe mich als Retter nach deiner Heimat: von der bis zum Öta und dem Lande, wo mein Vater wohnte, ist die Fahrt nicht mehr weit. Zwar habe ich oft schon Gelandeten manche herzliche Bitten an ihn mitgegeben, aber niemand brachte mir Kunde von ihm, und er ist wohl schon lange tot; nun, ich wäre froh, wenn ich nur an seinem Grabe ruhen dürfte.«

Neoptolemos gab dem kranken Manne, der sich zu seinen Füßen warf, mit schwerem Herzen die unredliche Zusage und rief: »Sobald du willst, laß uns zu Schiffe gehen; möge nur ein Gott uns schnelle Fahrt aus diesem Lande verleihen, nach dem Ziele, das uns angewiesen ist!« Philoktet sprang auf, so schnell, als das Übel seines Fußes es ihm zuließ, und ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling bei der Hand. In diesem Augenblick erschien der Späher der Helden, als ein griechischer Schiffsherr verkleidet, mit einem andern Schiffer von ihrem Gefolge. Er erzählte, an Neoptolemos gewendet, die erheuchelte Kunde, daß Diomedes und Odysseus auf der Fahrt nach einem gewissen Philoktet begriffen seien, den sie, einer Weissagung des Sehers Kalchas zufolge, fangen und vor Troja bringen müßten, wenn die Stadt erobert werden sollte. Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Pöas ganz dem Neoptolemos in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des Herakles zusammen, übergab sie dem jungen Helden, der sich zum Träger erbot, und schritt mit ihm unter das Tor der Höhle. Da vermochte sich Neoptolemos nicht länger zu halten, die Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über die Lüge, und ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er: »Philoktet, ich kann es dir nicht länger verbergen: du mußt mit mir nach Troja zu den Atriden und Griechen schiffen!« Philoktet bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid ganz die Oberhand über die Seele des Jünglings gewann, sprang Odysseus aus dem Gebüsche, das ihn verborgen hielt, hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden, der doch schon ihr Gefangener sei, zu fesseln. Philoktet hatte ihn auf den ersten Laut erkannt. »O wehe mir«, rief er, »ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist's, der mich ausgesetzt hat, der mich jetzt dahinschleppt, durch dessen Trug mir meine Pfeile gestohlen sind! – Gutes Kind« sprach er dann schmeichelnd zu Neoptolemos, »gib du mir Bogen und Pfeile wieder!« Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: »Nie geschieht solches«, rief er, »und wollte es der Jüngling auch; sondern du mußt mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen Heil und Trojas Untergang!« Damit überließ ihn Odysseus den ihn fesselnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemos mit sich fort. Philoktet blieb mit den Dienern im Eingang der Höhle stehen, klagte über den schamlosen Betrug und schien umsonst die Rache der Götter anzurufen, als er plötzlich die beiden Helden im Wortwechsel miteinander zurückkehren sah und aus der Ferne hörbar die Worte des jüngeren vernahm, welcher zürnend ausrief. »Nein, ich habe gefehlt; ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt! Ich will sie ungeschehen machen, die schändliche Tat, und eh du mich getötet hast, führest du diesen Mann nicht gen Troja!« Beide zogen die Schwerter, Philoktet aber warf sich dem Sohne Achills zu Füßen: »Versprich mir, mich zu retten, wie du willst: so sollen die Pfeile meines Freundes Herakles jeden Einfall von deinem Lande abwehren!« »Folge mir«, sprach Neoptolemos und hub den alten Helden vom Boden auf, »wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimatland.«

Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern der rechtenden Helden; ihre Blicke kehrten sich nach oben, und Philoktet war der erste, der seinen Freund, den vergötterten Herakles, in einer dunklen Wolke schwebend, erblickte.

»Nicht weiter!« rief dieser mit einer hallenden Götterstimme vom Himmel herab. »Höre, Freund Philoktet, aus meinem Munde den Ratschluß des Zeus und gehorche! Du weißt, durch welche Mühsal ich Unsterblichkeit gewann; auch dir ist vom Geschicke bestimmt, aus deinem Jammer verherrlicht hervorzugehen. Mit diesem Jünglinge vor Troja erscheinend, wirst du vor allen Dingen von der Krankheit erlöst; dann haben dich die Götter erwählt, den Paris, den Urheber alles Leids, zu vertilgen; dann stürzest du Troja; das Herrlichste der ganzen Beute wird dein Anteil; beladen mit Schätzen fährst du zurück zu deinem Vater Pöas, der noch lebt. Hast du etwas übrig von der Beute, so opfere es auf dem Scheiterhaufen bei meinem Denkmale. Leb wohl!« Philoktet streckte dem verschwindenden Freunde die Arme nach zum Himmel. »Wohlan«, rief er, »zu Schiff, ihr Helden! Gib mir die Hand, edler Sohn des Achill; und du, Odysseus, schreit immerhin an meiner Seite: du hast gewollt, was die Götter wollen!«

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