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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 139
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Penthesilea

Nach Hektors Bestattung hielten sich die Trojaner wieder hinter den Mauern ihrer Stadt, denn sie fürchteten sich vor der Kraft des unbändigen Peleussohnes und scheuten sich, in seine Nähe zu kommen, wie sich Stiere sträuben, dem Lager eines entsetzlichen Waldlöwen zu nahen. In der Stadt herrschte Trauer und Klage über den Verlust ihres edelsten Bürgers und mächtigsten Beschützers, und der Jammer war so groß, als wenn Troja schon von den Flammen der Eroberer verzehrt würde.

In dieser trostlosen Lage erschien den Belagerten eine Hilfe, von wannen sie nicht erwartet worden war. Vom Thermodonstrome, in der kleinasiatischen Landschaft Pontus, kam mit einem kleinen Haufen von Heldinnen die Amazonenkönigin Penthesilea herangezogen, die Trojaner zu unterstützen. Es trieb sie zu dieser Unternehmung teils die männliche Lust an Kriegsgefahren, die diesem Weibervolke eigen ist, teils eine unfreiwillige Blutschuld, die ihr auf dem Herzen lastete und wegen der sie in ihrem Vaterlande übel angesehen war. Sie hatte nämlich auf einer Jagd, als sie nach einem Hirsch mit ihrem Speere zielte, ihre eigene geliebte Schwester Hippolyte mit dem Wurfgeschosse getötet. Nun begleiteten sie die Rachegöttinnen auf allen Pfaden, und kein Opfer hatte dieselben bis auf diese Stunde versöhnen können. Diesen Qualen hoffte sie am ehesten durch einen den Göttern wohlgefälligen Kriegszug zu entgehen, und so brach sie mit zwölf auserlesenen Genossinnen gen Troja auf, die alle gleich ihr nach Krieg und Männerkämpfen dürsteten. Doch gegenüber ihrer Königin Penthesilea erschienen selbst diese herrlichen Jungfrauen nur wie Sklavinnen. Wie unter den Sternen der Mond am Himmel hervorstrahlt, so überragte an Glanz und Schönheit die Fürstin alle ihre Dienerinnen. Sie war herrlich wie die Göttin der Morgenröte, wenn sie von den Horen umgeben aus den Höhen des Olympos zum Rande der Erde herniederfährt.

Als die Trojaner von den Mauern herab an der Spitze ihrer Jungfrauen die zarte und doch gewaltige Königin in Panzer und Schienen von Erz gehüllt, einer Göttin ähnlich, einherschreiten sahen, strömten sie von allen Seiten voll Bewunderung herbei und konnten sich, als die Jungfrauenschar näher heranzog, an der Schönheit ihrer Fürstin mit Blicken nicht genug ersättigen; denn in ihren Zügen war das Schreckliche wunderbar mit dem Lieblichen verbunden: ein holdseliges Lächeln schwebte auf ihren Lippen, und wie Sonnenstrahlen leuchteten unter langen Wimpern ihre lebensvollen Augen; ihre Wangen bedeckte eine sittsame Röte, und über das ganze Antlitz verbreitete sich mädchenhafte Anmut, beseelt von kriegerischem Feuer. So betrübt das Volk Trojas vorher gewesen war, so fröhlich jauchzte es jetzt bei diesem Anblicke. Selbst das trauernde Herz des Königes Priamos wurde wieder etwas freudiger gestimmt, und als er die herrliche Penthesilea ansah, da wurde ihm zumute wie einem Halbverblendeten, dem ein wohltätiger Lichtstrahl ins kranke Auge dringt. Aber seine Freude war nur mäßig und gedämpft durch die Erinnerung an den Verlust soviel trefflicher, nicht minder schöner Söhne. Doch führte er die Königin in seine Wohnung ein, ehrte sie wie eine eigene Tochter und bewirtete sie aufs köstlichste. Die auserlesensten Geschenke wurden für sie auf sein Geheiß herbeigebracht, und noch mehrere versprach er ihr für die Zukunft, wenn es ihr glücken sollte, die Trojaner der Gefahr zu entreißen. Die Amazonenkönigin aber erhub sich von dem Ehrenstuhl, auf dem sie Platz genommen, und vermaß sich eines Schwures, der noch keinem Sterblichen in den Sinn gekommen war; sie verhieß dem Könige den Tod des göttergleichen Achill: ihn und alle Scharen der Argiver wollte sie vertilgen, und ihr Feuer sollte alle feindlichen Schiffen fressen! So schwor die Törin, welche den lanzenschwingenden Helden und seinen furchtbaren Arm noch nicht kannte. Als Andromache, Hektors trauernde Witwe, dieses Versprechen mit anhörte, da dachte sie bei sich selber: ›O du Arme, du weißt nicht, was du gesprochen hast und wessen du dich im Stolze vermissest! Wie sollte dir die Kraft zu Gebote stehen, die zum Kampfe mit dem männermordenden Helden erforderlich ist? Bist du von Sinnen, Verlorene, und siehest das Ziel des Todes nicht, vor dem du jetzt schon stehest? Schauten doch auf meinen Gatten Hektor, wie auf einen Gott, alle Trojaner hin, und doch hat der Speer des Peliden seinen Hals durchbohrt! O möchte mich die Erde verschlingen!‹

So dachte Andromache bei sich. Indessen war der Tag zu Ende gegangen, und nachdem die Heldinnen sich vom Zuge erholt und mit Speise und Trank gelabt hatten, wurde der Fürstin und ihren Begleiterinnen von den Dienstmägden des Palastes ein behagliches Lager bereitet, auf welchem Penthesilea bald in einen tiefen Schlummer sank. Da nahete ihr auf Athenes Befehl ein verderbliches Traumbild. Ihr eigener Vater erschien ihr im Schlafe und drang in sie, den Kampf mit dem schnellen Achill zu beginnen. Der Jungfrau, wie sie das täuschende Gesicht erblickte, schlug das Herz im Busen, und sie hoffte noch am heutigen Tage das Ungeheure zu vollführen. Erwacht, sprang sie vom Lager und legte sich die schimmernde Rüstung, die ihr Ares selbst geschenkt hatte, um die Schultern, paßte sich die goldenen Schienen an, umhüllte sich mit dem strahlenden Panzer und warf das Wehrgehäng, an welchem in einer Scheide von Silber und Elfenbein das mächtige Schwert hing, sich über die Achsel. Dann nahm sie ihren Schild, welcher schimmerte wie der Mond, wenn er aus dem Spiegel des Meeres aufsteigt, und setzte den Helm aufs Haupt, von dem eine goldgelbe Mähne herabfloß. In die Linke nahm sie zwei Speere, und in die Rechte eine zweischneidige Axt, welche ihr einst die verderbliche Göttin der Zwietracht als Kriegswaffe geschenkt hatte. Als sie so in der blinkenden Rüstung zum Palaste hinausstürmte, glich sie einem Blitzstrahle, den die Hand des Zeus vom Olymp auf die Erde herabschleudert.

Jauchzend vor Lust eilte sie zu den Mauern der Stadt hinaus und ermunterte die Trojaner zum rühmlichen Kampfe. Auf ihren Ruf versammelten sich auch sogleich die tapfersten Männer, die vorher dem Achill nicht mehr entgegenzusehen gewagt hatten. Penthesilea selbst aber schwang sich im Drange der Kriegslust auf ein schönes, schnellfüßiges Pferd, ein Geschenk der Gemahlin des thrakischen Königes Boreas, das so rasch flog wie die Harpyien. Auf diesem Rosse jagte sie hinaus aufs Schlachtfeld und alle ihre Jungfrauen, gleichfalls zu Rosse ihr nach. Ganze Scharen troischen Volkes begleiteten sie. König Priamos, der im Palaste zurückblieb, hob seine Hände gen Himmel und betete zu Zeus: »Höre, o Vater, und laß Achajas Scharen am heutigen Tage vor der Tochter des Ares in den Staub sinken, sie selbst aber glücklich in meinen Palast zurückkehren. Tue es deinem gewaltigen Sohne Ares zu Ehren; tu es ihr selbst zu Liebe, die einem Gotte entstammt und euch unsterblichen Göttern so ähnlich ist; tu es auch um meinetwillen, der ich so vielfach gelitten, so viele schöne Söhne unter den Händen der Griechen habe dahinsinken sehen! Tu es, solange noch vom edeln Blute des Dardanos etwas übrigbleibt und die alte Stadt Troja noch unzerstört ist!« Kaum hatte er ausgebetet, so stürmte ihm zur Linken ein kreischender Adler durch die Luft, der eine zerrissene Taube in den Krallen hielt. Ein Schauer der Furcht durchbebte das Gebein des Königes bei diesem Vorzeichen, und die Hoffnung entsank seiner Brust.

Inzwischen sahen die Griechen in ihrem Schiffslager die Trojaner, an deren Mutlosigkeit sie sich seit einigen Tagen gewöhnt hatten, zu ihrem Staunen heranziehen wie reißende Tiere, die sich vom Gebirge herunter auf Schafherden stürzen. Einer sprach voll Bewunderung zum andern: »Wer hat doch wohl die Troer wieder vereinigt, die seit Hektors Tode alle Lust verloren zu haben schienen, uns je wieder zu bekämpfen? Das muß wohl ein Gott sein, der sich ihrer annimmt. Wohl! Sind wir doch auch nicht ohne Götter; und haben wir sie bisher bezwungen, so wird es uns auch heute gelingen!« So warfen sie sich in die Waffen und strömten kampflustig von den Schiffen heraus. Bald begann die blutige Schlacht, Speer streckte sich gegen Speer, Harnisch stieß auf Harnisch, Schild prallte an Schild und Helm an Helm, der Boden Trojas färbte sich einmal wieder rot vom Blute; Penthesilea wütete unter den griechischen Helden, und ihre Kriegerinnen wetteiferten mit ihr in Tapferkeit. Sie selbst erlegte den Molion und sieben andere Helden; als aber die Amazone Klonia den Menippos, den Freund des gewaltigen Podarkes, niederschlug, ergrimmte dieser und durchbohrte die Hüfte der Männin mit seiner Lanze; zu spät hieb ihm Penthesilea die zum Stoß ausholende Hand ab; ihre Kriegerin war in den Tod gesunken, und jenen retteten die entführenden Freunde. Jetzt wandte sich das Glück zu den Griechen, Idomeneus traf die Amazone Bremusa rechts in die Brust mit dem Speere, Meriones erschlug Euandra und Thermodoa, unter Ajax, des Oïleus Sohn, sank Derione; der Tydide hieb Alkibia und Derimacheia nieder, indem sein Schwert beiden die Häupter mitsamt dem Genicke von den Schultern trennte. Darauf kehrte sich der Kampf gegen die Trojaner. Sthenelos tötete den Kabeiros aus Sestos, und vergebens schnellte Paris seinen Pfeil auf den Mörder ab. Er flog vorüber und traf, von den grausamen Parzen abgelenkt, einen andern Griechen, den Helden Euenor von Dulichion, zum Tode. Sein Schicksal regte den Anführer der Dulichier, Meges, den mutigen Sohn des Königes Phyleus, auf; rasch wie ein Löwe sprang er heran, daß die Troer bestürzt vor ihm flohen. Er erschlug zwei ihrer besten Bundesgenossen, den Itymoneus und Agelaos von Milet, und auch Trojaner, soviel sein Speer erreichen konnte. Andre erlegten andre; denn ein furchtbares Schlachtgetümmel durchtobte die Reihen, und von beiden Seiten sanken an diesem Tage viele Helden in den Staub.

Penthesilea aber stürmte noch immer unbezwungen unter die Griechen, wie eine Löwin unter einer Rinderherde wütet, und diese wichen, von Schrecken ergriffen, zurück, wo sie nahte. Trunkenen Mutes rief ihnen die Siegerin entgegen: »Heute noch, ihr Hunde, sollet ihr die Schmach des Priamos mir büßen. Raubtieren und Vögeln sollt ihr zum Fraße modern, und keiner von euch soll Weib und Kind zu Hause wiederschauen, kein Erdhügel je über euren Gebeinen sich erheben! Wo ist Diomedes, wo Ajax, Telamons Sohn, wo der Pelide Achill, die besten unter eurem Heere? Warum kommen sie nicht und messen sich mit mir? Aber freilich, sie wissen, daß sie vor mir zerschmettert und zu Leichen werden müßten!« So rief sie und drang voll Verachtung auf die Argiver ein; bald wütete sie mit der Axt, bald mit dem Wurfspieß, und den Köcher voll Geschosse trug ihr, falls sie sein bedürftig wäre, ihr gelenkiges Roß. Ihr nach drängten sich die Söhne des Priamos und die Ersten der Trojaner. Diesem Andrange vermochten die Griechen nicht zu widerstehen; wie Blätter im Winde oder wie Regentropfen fielen sie gedrängt nacheinander, bald war das Gefilde mit argivischen Leichen bedeckt, und die Rosse der troischen Streitwagen zertraten verfolgend Gefallene und Tote wie gedroschenes Korn. Den Trojanern war nicht anders zu Sinne, denn als ob eine der Unsterblichen sichtbar vom Himmel herabgestiegen wäre, um ihnen die Scharen der Feinde bekämpfen zu helfen, und in der törichten Freude ihres Herzens glaubten sie schon an deren gänzliche Vernichtung.

Aber noch war das Getöse des Kampfes weder zu dem gewaltigen Ajax noch zu dem Göttersohn Achill gedrungen. Beide lagen fern am Grabe des Patroklos und gedachten hier ihres erschlagenen Freundes; so war es vom Geschicke verordnet, welches der Amazonenfürstin ein paar Stunden der Ernte gönnen wollte und sie mit Ruhm bekränzt zum Tode trieb. Auf den Mauem der Stadt standen die trojanischen Frauen und bewunderten jubelnd die Heldentaten ihrer Mitschwester. Eine von ihnen, Hippodameia, die Gattin des tapfern Trojaners Tisiphonos, fühlte sich plötzlich von Kampflust ergriffen: »Freundinnen«, sprach sie, »warum kämpfen nicht auch wir, unsern Männern gleich, fürs Vaterland, für uns und für unsere Kinder? Stehen wir doch nicht so ferne von dem kräftigen Geschlecht unserer Jünglinge: dieselbe Kraft wie ihnen ward auch uns verliehen; unsere Augen spähen nicht weniger scharf; unsere Knie wanken so wenig wie die ihrigen; Licht, Luft und Nahrung gehört uns wie ihnen; warum sollte nicht auch die Feldschlacht uns verliehen sein? Seht ihr denn nicht dort das Weib, das hoch hervorragt vor allen Männern? Und doch ist es nicht einmal von unserem Stamme! Es kämpft für einen fremden König, für eine Stadt, die nicht seine Heimat ist, und tut es unbekümmert um die Männer, faßt sich einen Mut im Herzen und sinnt auf Unheil gegen die Feinde. Wir aber hätten für unser eigenes Glück zu fechten, und eigenes Unglück hätten wir zu rächen. Wo ist eine von uns, die in diesem unseligen Kriege nicht ein Kind oder einen Gatten oder einen Vater verloren hätte oder um Brüder oder andere nahe Verwandte trauerte? Und wenn unsere Männer unterliegen, was steht uns allen Besseres bevor als die Knechtschaft? Darum lasset uns den Kampf nicht länger aufschieben; lieber wollen wir sterben, denn als Beute von den Feinden hinweggeführt werden mit unsern unmündigen Kindern, wenn die Gatten tot sind und die Stadt hinter uns in Flammen steht!«

So sprach Hippodameia und erregte die Begierde nach Kampf in ihnen allen. Sie legten Wolle und Webekorb zur Seite, zerstreuten sich wie ein Bienenschwarm in ihre Häuser und griffen nach den Waffen. Unfehlbar wären alle ein Opfer ihres unsinnigen Eifers geworden, wenn nicht die Schwester der Königin Hekabe, Theano, die Gemahlin Antenors, welche weiser war als alle anderen, sich ihrem unsinnigen Beginnen widersetzt hätte. Diese suchte sie mit verständigen Worten zu beschwichtigen. »Was wollt ihr anfangen, ihr Unvernünftigen«, rief sie den schon Ausziehenden entgegen; »gegen die Danaer wollt ihr ziehen, die in Waffen und im Kampfe geübten Männer? Wie möget ihr hoffen, euch mit ihnen messen zu können? Habt ihr denn je Kriegswerk getrieben wie die Amazonen, habt Rosse tummeln gelernt und anderes Tun der Männer? Dazu ist jenes Wunderweib noch eine Tochter des Kriegsgottes, ihr aber seid alle Kinder von Sterblichen. Deswegen sollt ihr Weiber bleiben, euch ferne vom Schlachtgetümmel halten und im innern Hausraume der Spindel pflegen; den Krieg aber mögt ihr den Männern lassen. Noch sind ja diese aufrecht und umringen schirmend eure Stadt; noch ist es nicht so weit gekommen, daß sie der Hilfe ihrer Weiber bedürften und diese zur Verteidigung der Stadt aufrufen müßten!«

Den klugen Worten der bejahrten Troerin schenkten die aufgeregten Frauen allmählich Gehör, kehrten auf die Mauer zurück und sahen bald wieder, wie zuvor, von ferne der Schlacht zu. Indessen mordete Penthesilea fort, und die Scharen der Argiver erbebten vor ihr; die Helden begannen zu fliehen und zerstreuten sich da- und dorthin, die einen, nachdem sie die Wehre von den Schultern auf den Boden geworfen, die andern in voller Waffenrüstung: Rosse und Wagen flogen hier- und dorthin ohne Führer; überall hörte man Gewinsel der Sterbenden, denn alles sank zusammen vor dem Schlachtspeer der Amazone.

Immer vorwärts drangen die Trojaner; schon waren sie ganz nahe an den Schiffen der Griechen angekommen und machten Anstalt, diese zu verbrennen. Da hörte endlich Ajax, der gewaltige Sohn des Telamon, das Kriegsgeschrei, hob sein Haupt vom Grabhügel des Patroklos empor und sprach zu Achill: »Kampfbruder, mir drang ein unendliches Getöse zu den Ohren, gleich als hätte sich irgendwo ein gefährlicher Kampf erhoben. Laß uns gehen, daß die Trojaner uns nicht zuvorkommen und doch einmal die Schiffe verbrennen!« Diese Worte regten den Peliden auf, und jetzt wurde auch sein Ohr von dem Jammergeschrei erreicht. Eilig warfen sich beide in ihre schimmernde Rüstung und gingen, in Waffen leuchtend und von Streitlust brennend, der Gegend zu, von welcher der Hall des Kampfes ihnen entgegenlärmte.

Durch die gebrochenen Reihen der Argiver zuckte eine Freude, als sie die beiden tapfersten Männer heraneilen sahen. Diese aber stürzten sich sogleich mit brennendem Eifer in den Kampf und fingen an, unter dem trojanischen Heere zu würgen. Ajax warf sich auf die Männer, und seinen ersten Speerstößen erlagen vier Trojaner. Achill aber kehrte sich gegen die Amazonen, und vier der Jungfrauen erlagen seinen Streichen: dann stürzten sich beide miteinander auf die Masse des feindlichen Heeres, und mit geringer Mühe waren die noch jüngst so dicht stehenden Reihen der Feinde gelichtet.

Als Penthesilea dies inneward, stürzte sie unmutig ihren beiden Feinden entgegen, wie ein Panthertier den Jägern entgegeneilt. Jene aber reckten sich, daß ihre ehernen Panzer klirrten, und hielten ihre Lanzen empor. Die Amazone warf ihren Speer zuerst auf Achill. Der Schild des Helden fing ihn auf, daß er zersplitternd abprallte, als wäre er auf einen Felsen gestoßen. Mit der zweiten Lanze zielte sie jetzt auf Ajax, und zugleich rief sie beiden Helden zu: »Wenn auch mein erster Wurf mißlang, dieser zweite soll euch Prahlern Kraft und Leben rauben, die ihr euch rühmet, die Stärksten im Heere der Danaer zu sein, aber jetzt nur hergekommen seid, um zu erfahren, daß ein Weib mehr vermag als ihr beide zusammen!« So rief sie und brachte durch ihre Rede die Helden zum Lachen. Ihre Lanze aber erreicht die silberne Beinschiene des Ajax, und so gerne sie in seinem Blute geschwelgt hätte, vermochte sie doch nicht einmal seine Haut zu ritzen, denn die Waffe prallte von der ehernen Fußbekleidung ab. Ajax, ohne sich viel um die Amazone zu bekümmern, stürzte sich auf die Schlachtreihen der Trojaner und überließ dem Achill die Feindin, denn er zweifelte in seinem Geiste keinen Augenblick, daß dieser allein mit ihr fertig werden würde, so bald wie ein Habicht mit einer Taube.

Penthesilea, als sie sah, daß auch ihr zweiter Wurf ohne Erfolg geblieben, stieß einen lauten Seufzer aus; Achill aber maß sie mit seinen Blicken und rief ihr zu: »Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können, dich so übermütig uns entgegenzuwerfen und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen, uns, die wir vom Blute des Donnerers selbst entsprossen sind und vor welchen Hektor bebte und erlegen ist? Der Wahnsinn muß aus dir gesprochen haben, als dein Mund uns heute mit dem Tod bedrohte; denn siehe, dein eigenes letztes Stündlein ist gekommen.« Mit diesen Worten drang er auf sie ein, die unbezwingliche Lanze, das Werk des Zentauren Chiron, seines Erziehers, schwingend. Ihr Wurf traf die Kriegerin oberhalb der rechten Brust, so tief, daß alsbald das schwarze Blut aus der Wunde strömte und alle Kraft ihre Glieder verließ. Die Axt fiel ihr aus der Hand, und ihr Auge hüllte sich in Finsternis. Doch erholte sie sich noch einmal und sah ihrem Feinde, der eben heranstürmte, sie vom flüchtigen Rosse zu ziehen, fest ins Antlitz. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie ihr Schwert aus der Scheide ziehen und sich wehren oder vom Rosse steigen und zu dem Sieger flehend ihm Gold und Erz genug für ihr Leben versprechen sollte. Aber Achill ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen. Im Zorn über ihren Stolz durchbohrte er Roß und Reiterin mit einem Stoße. Alsbald glitt diese herab und sank in den Staub und ins Verderben, am Speer zuckend und mit dem Rücken an das flüchtige Streitroß angelehnt, das sterbend auf den Knien lag, sie selbst einer schlanken Tanne gleich, die der Nordwind geknickt hat.

Als die Trojaner den Fall ihrer Heldin gewahr wurden, stürzten sie voll Betäubung zurück nach den Toren der Stadt, wehklagend über den Tod der Amazone und ihrer eigenen vielen Stammesverwandten. Der Sohn des Peleus aber rief mit Frohlocken: »So liege du denn, du armes Geschöpf, den Raubvögeln und Hunden zur Weide! Wer hat dich auch mit mir kämpfen geheißen? Du hofftest wohl unermeßliche Gaben aus der Hand des Königs Priamos als Kampfpreis zu empfangen, dafür, daß du so viele Griechen erschlagen hast? Aber ein anderer Lohn wurde dir zuteil!« So sprach er und zog ihr und dem Pferde den Speer aus dem Leibe, und noch zuckten beide. Dann nahm er ihr den Helm vom Haupte ab und betrachtete das Antlitz der Verschiedenen. Obgleich von Blut und Staub bedeckt, waren doch ihre edeln Züge auch im Tode noch voll Anmut, und die Griechen, die den Leichnam umringten, mußten alle über die überirdische Schönheit der Jungfrau staunen, die, ähnlich der nach heißer Gebirgsjagd schlummernden Artemis, in voller Waffenrüstung dalag. Achill selbst, als er sie länger betrachtete, fühlte sich von überschleichendem Schmerze bestrickt und mußte sich gestehen, daß die Fürstin, anstatt von ihm getötet zu werden, viel eher verdient hätte, als herrliche Gattin mit ihm in Phthia einzuziehen.

In den tiefsten Schmerz aber versank der Vater der Amazone, der Kriegsgott, über ihren Tod. Wie ein Blitz mit rollendem Donner stürzte er sich bewaffnet vom Olymp herunter auf die Erde und schritt über die Gipfel und Schluchten des Berges Ida hin, daß Gebirg und Tal unter seinem Schritte erbebten. Und sicherlich hätte er den Griechen das Verderben gebracht, wenn ihn nicht Zeus, der Freund der Danaer, durch ein furchtbares Gewitter gewarnt hätte, das sich Schlag auf Schlag über seinem Haupte entlud und in welchem er die Stimme seines allmächtigen Vaters vernahm, so daß Ares, so sehr er sich nach dem Kampfe sehnte, es doch nicht sogleich wagte, dem Willen des Donnerers entgegenzuhandeln, und mitten auf dem Wege nach dem Schlachtfelde stillestand. Er war unschlüssig, ob er zum Olymp zurückkehren sollte oder, dem Vater trotzend, hingehen und seine Hände in das Blut des Achill tauchen. Zuletzt gedachte er jedoch der vielen Söhne Zeus' selbst, die nach dem Ratschlusse des Vaters sterben mußten und die er selbst nicht imstande gewesen, vor dem Tode zu schützen. So besann er sich denn des Besseren; kannte er ja doch seinen allgewaltigen Vater und wußte, daß, wer sich ihm widersetzt, vom Blitze gebändigt und zu den Titanen in die Unterwelt hinabgeschleudert wird.

Um den Leichnam Penthesileas drängten sich inzwischen die Danaer und fingen an, die Tote ihrer Waffen zu berauben. Achill aber stand mit ganz verwandeltem Gemüte daneben, er, der noch soeben ihren Leib den Hunden und Vögeln zum Fraße hatte preisgeben wollen. Mit tiefer Wehmut blickte er auf die Jungfrau hernieder, und es nagte ihm keine geringere Qual am Herzen als einst, da er um seinen liebsten Freund, den erschlagenen Patroklos, jammerte.

Unter den herbeiströmenden Griechen näherte sich auch der häßliche Thersites und fiel den Helden mit schmähenden Reden an: »Bist du nicht ein Tor«, rief er ihm zu, »daß du dich um die Jungfrau abhärmen magst, die uns allen doch so vielfaches Unheil bereitet hat? Du zeigst dich fürwahr als einen weibischen Lüstling, daß dich eine Sehnsucht nach der Schönheit dieser Erschlagenen beschleicht! Hätte dich doch ihre Lanze in der Schlacht getötet, du Unersättlicher, der du meinst, daß alle Weiber deine Beute werden müßten!« Wütender Zorn bemächtigte sich des Helden, als er aus dem Munde eines Elenden solche Schmähworte hören mußte. Er versetzte dem häßlichen Schelter mit der bloßen Faust einen solchen Streich auf die Wange, daß ihm die Zähne aus dem Munde fielen, ein Blutstrom hervorschoß und Thersites, sich auf dem Boden krümmend, seine feige Seele aushauchte. Da war unter den Umstehenden keiner, der ihn bedauert hätte, denn sein einziges Geschäft war gewesen, andere zu schmähen, indes er selbst im Felde und im Rate sich immer nur als einen armseligen Wicht bewies. Achill aber sprach voll Unmut: »Hier magst du denn im Staube liegen und deine Torheit vergessen lernen! Denn Torheit ist es, wenn der Schlechtere sich dem Besseren gleichstellen will! Wie mich, hast du schon früher den Odysseus gereizt; aber er war zu großmütig, dich zu bestrafen. Jetzt erfuhrest du, daß der Sohn des Peleus sich nicht ungestraft schelten läßt. Geh jetzt und schmähe bei den Schatten!«

Nur einer war unter dem ganzen griechischen Heere, dem der Tod des Thersites die Galle aufregte: Diomedes, des Tydeus Sohn, und zwar deswegen, weil der Erschlagene aus einem Blute mit ihm entsprungen war, denn sein Großvater Öneus und des Thersites Vater waren Brüder gewesen. Darum zürnte jetzt Diomedes, und er hätte die Waffen gegen Achill erhoben, wenn nicht die edelsten Danaer ins Mittel getreten wären, denn auch der Pelide war bereit, ihm für das Blut seines Vetters mit dem Schwerte Genugtuung zu geben. So aber ließen sich beide beschwichtigen.

Die Atriden selbst erlaubten nun, voll Mitleid und Bewunderung für die getötete Jungfrau, daß dem Könige Priamos, der durch eine feierliche Botschaft sich die Leiche erbeten hatte, um sie in der Gruft des Königes Laomedon zu bestatten, ihr Leichnam ausgeliefert werde. Priamos aber errichtete ihr vor der Stadt einen mächtigen Scheiterhaufen und legte den Leib der Jungfrau samt vielen herrlichen Gaben darauf. Dann entzündete er den Holzstoß, daß er hoch emporloderte, und als der Leichnam verzehrt war, löschten die umstehenden Trojaner den Brand mit süß duftendem Weine. Sodann sammelten sie die Gebeine Penthesileas, legten dieselben in ein Kästchen und trugen sie wehklagend und in feierlichem Aufzug in die Gruft des Königes Laomedon, die sich an einem hervorragenden Turme der Stadt befand. Neben ihr wurden ihre zwölf Begleiterinnen, die alle ebenfalls in der Männerschlacht geblieben waren, beigesetzt, denn auch ihnen hatten die Söhne des Atreus diese Ehre gegönnt. Auf der andern Seite begruben auch die Griechen ihre Toten und bejammerten vor allen den Podarkes, der seinem Bruder Protesilaos, welchen Hektor erschlagen hatte, nun im Schlachtentode gefolgt war. Abgesondert von den andern wurde ihm ein eigener Grabhügel erhöhet, der ein weithin sichtbares Denkmal bildete. Zuletzt scharrten sie auch den häßlichen Thersites ein, und nun kehrten sie wieder zu ihren Schiffen zurück, alle voll Danks im Herzen gegen den gewaltigen Achill, der auch diesmal der Retter der Griechen war.

Als die Nacht einbrach, lagerten sich im geräumigen Zelte der Atriden die vornehmsten Helden zum Schmause, und auch die andern Griechen freuten sich, da und dort hingestreckt, des erquickenden Mahles, bis der Morgen wieder anbrach.

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