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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 130
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Achill und Agamemnon versöhnt

Als die Versammlung vollzählig war, stand Achill auf und sprach: »Sohn des Atreus, hätte lieber Artemis' Pfeil an jenem Tage die Tochter des Brises bei den Schiffen getötet, an dem ich sie mir aus dem zerstörten Lyrnessos zur Beute erlesen, ehe so viele Argiver, dieweil ich zürnte, von den Feinden gebändigt, den Staub mit den Zähnen knirschen mußten! Vergessen sei das Vergangene, wenn es uns auch in der Seele kränkt: mein Zorn wenigstens ist besänftigt. Auf nun, zum Gefecht! Ich will versuchen, ob die Trojaner noch Lust haben, bei den Schiffen zu ruhen!«

Unermeßlicher Jubel der Griechen erfüllte bei diesen Worten die Luft. Und jetzt erhub sich Agamemnon der Völkerfürst und sprach, aufgestanden von seinem Sitze, doch ohne wie andere Redner in den Kreis vorzutreten: »Bändiget eure Zungen! Wer vermag bei solchem Getümmel zu reden oder zu hören? Ich will mich dem Sohne des Peleus erklären, ihr andern merkt's und beherziget meine Worte. Oft schon haben mich die Söhne Griechenlands über mein Betragen an jenem Unglückstage gestraft. Doch war die Schuld nicht mein: Zeus, die Parze und die Erinnys schickten mir damals in der Volksversammlung die verderbliche Verblendung zu. So mußte ich fehlen. Aber solange Hektor um die Schiffe her die Scharen der Argiver vertilgte, ward ich unaufhörlich an meine Schuld gemahnt, und ich wurde es inne, daß Zeus mir die Besinnung hinweggenommen hatte. Nun will ich gerne büßen, was ich gefehlt, und biete dir Sühnung, Achill, soviel du begehrst. Zieh in den Kampf, und ich bin erbötig, dir alle die Geschenke reichen zu lassen, die dir Odysseus, von mir in dein Zelt abgesandt, jüngst noch verheißen hat. Oder wenn du lieber willst, so bleib noch so lange, bis meine Diener aus dem Schiffe sie hergebracht haben, damit du mit eigenen Augen sehest, wie ich mein Versprechen erfülle.«

»Ruhmvoller Völkerfürst Agamemnon«, antwortete der Held, »mag es dir gut dünken, mir die Geschenke, wie es ziemlich ist, zu reichen oder sie zu behalten: es gilt mir gleich. Jetzt aber laß uns ohne Verzug der Schlacht gedenken, denn noch ist vieles ungetan, und mich verlangt darnach, daß man den Achill wieder im Vordertreffen gewahr werde!« Aber der kluge Odysseus tat Einrede und sprach: »Göttergleicher Pelide, treibe doch die Achiver nicht so ungespeist vor Troja hin! Laß sie sich vorher bei den Schiffen mit Speise und Wein erquicken, denn nur das gibt Kraft und Stärke! Inzwischen mag Agamemnon das Geschenk in unsern Kreis bringen, daß alle Danaer es mit Augen schauen und dein Herz sich dran erfreue. Und darauf soll er selbst dich in seinem Gezelte feierlich mit einem köstlichen Mahl bewirten.« »Freudig habe ich dein Wort vernommen, Odysseus«, antwortete der Atride; »du aber, Achill, wähle dir selbst die edelsten Jünglinge aus dem ganzen Heere, daß sie dir alle Geschenke aus meinem Schiffe herbeibringen; und Talthybios, der Herold, schaffe uns einen Eber herbei, daß wir Zeus und dem Sonnengott opfern und ohne Fährde den Bund der Eintracht beschwören.« »Tut ihr, wie ihr wollt«, sprach Achill; »mir soll weder Trank noch Speise durch die Kehle gleiten, solang mir der Freund zerfleischt im Zelte daliegt. Mich verlangt nur nach Mord und Blut und Geröchel der Sterbenden!« Aber Odysseus sprach besänftigend zu ihm: »Erhabenster Held aller Griechen, du bist viel stärker als ich und viel tapferer im Speerkampf; am Rate jedoch möchte ich es dir vielleicht zuvortun, denn ich habe länger gelebt und mehr erfahren. So füge sich denn diesmal dein Herz meiner Ermahnung. Die Danaer müssen ja ihre Toten nicht mit dem Bauch betrauern; wie einer gestorben, beerdigt man ihn und beweint ihn einen Tag: wer aber entronnen ist, der stärke sich mit Trank und Speise, damit wir um so rastloser kämpfen mögen!«

So sprach er und wandelte, Nestors Söhnen, dann auch dem Meges, Meriones, Thoas, Melanippos und Lykomedes sich beigesellend, mit diesen der Lagerhütte Agamemnons zu. Dort nahmen sie die versprochenen Geschenke: sieben Dreifüße, zwölf Rosse, zwanzig Becken, sieben untadelige Weiber und die rosige Brisëis als achte. Odysseus wog die zehn Talente Goldes dar und schritt mit ihnen voran, die Jünglinge mit den andern Geschenken folgten. So stellten sie sich in den Volkskreis; Agamemnon erhub sich von seinem Sitze, der Herold Talthybios aber faßte den Eber, richtete ihn zum Opfer zu, betete und zerschnitt ihm die Kehle. Dann warf er den geschlachteten wirbelnd in die Meerflut, den Fischen zum Fraß. Nun stand Achill auf und sprach vor den Argivern: »Vater Zeus, wie große Verblendung sendest du doch oft den Männern zu! Gewiß hätte mir der Sohn des Atreus nicht den Zorn so fürchterlich im Herzen aufgeweckt oder nicht so unbeugsam mit Gewalt das Mädchen mir entführt, wenn du nicht den Tod vielen Danaern hättest bereiten wollen! Doch nun laßt uns zum Mahle gehen und uns dann zum Angriffe rüsten.«

Nachdem der Held so gesprochen, trennte sich die Versammlung. Als die Tochter des Brises, holdselig wie Aphrodite, in das Zelt ihre früheren Gebieters trat, und den Helden Patroklos mit seinen tiefen Speerwunden auf den Teppichen ausgestreckt daliegen sah, zerschlug sie sich Brust und Wangen und warf sich weinend über ihn. »Ach mein teurer Patroklos«, rief sie, »der du mein liebreichster Freund im Elende warst, blühend verließ ich dich im Zelte, tot finde ich dich wieder! So verfolgt mich immer Unheil auf Unheil. Meinen Bräutigam sah ich vor unserer Stadt vom Speer getötet, drei leibliche, herzlich geliebte Brüder riß mir derselbe Unglückstag von der Seite weg. Dennoch, als Achill meinen Freund erschlagen und meine Heimat verheert hatte, wolltest du mich nie weinen sehen; du versprachst, mich dem Peliden zu vermählen, sobald du mich auf den Schiffen nach Phthia gebracht hättest, und dort unter den Myrmidonen meine Hochzeit zu feiern. Nie werd ich aufhören, dich zu beweinen, du Freundlicher.« So sprach sie weinend, und ringsum seufzten mit ihr die gefangenen Weiber, zum Schein um den Patroklos, im Herzensgrund aber jede über ihr eigenes Elend.

Die edelsten Danaerfürsten umringten indessen den Peliden, indem sie ihn flehentlich baten, sich doch des Mahles zu erfreuen. Doch er weigerte sich dessen unter Seufzen. »Wenn ihr wirklich Liebe zu mir heget«, sprach er »so verlanget nicht, mir das Herz zu erfrischen, ihr Freunde; mein Kummer duldet es nicht. Laßt mich bleiben, wie ich bin, bis die Sonne ins Meer sinkt.« Mit diesen Worten entließ er die andern Fürsten, und nur die beiden Atriden, Odysseus, Nestor, Idomeneus und Phönix blieben zurück. Sie alle waren vergebens bestrebt, den Trauernden aufzuheitern, doch dieser blieb regungslos; und wenn er einmal sprach, so flog sein Atem schneller, und seine Rede galt dem toten Freunde. »Ach wie oft hast du mir«, sagte er,»vordem selber, wenn das Heer der Griechen zur Schlacht hinausdrang, in geschäftiger Hast das labende Frühstück nach dem Zelt gebracht! Jetzt liegst du erschlagen hier, und mich vermag von all dem reichlichen Vorrat nichts zu erquicken; Herberes hätte mich nicht treffen können, selbst nicht die Botschaft vom Tode meines Vaters Peleus oder meines lieben Sohnes Neoptolemos, der mir in Skyros erzogen wird, wenn er anders noch lebt. Früher tröstete mich immer noch die Hoffnung, ich würde allein hier sterben dürfen, du aber werdest nach Phthia heimkehren und meinen Sohn von Skyros abholen, ihn in alle meine Habe einzusetzen; denn daß mein Vater Peleus, immer den schrecklichen Boten erwartend, der ihm meinen frühen Tod zu verkündigen käme, längst von Alter und Traurigkeit niedergebeugt gestorben sei, das ahnt mir ja im Geiste.« So sprach er weinend, und die Fürsten im Kreise seufzten mit, denn jeder dachte daran, was er im eigenen Hause von Geliebten zurückgelassen. Mitleidig sah Zeus von seiner Höhe auf die Trauernden herab, wandte sich schnell zu seiner Tochter Pallas und sagte: »Kümmert sich denn dein Herz gar nicht mehr um den edlen Helden, trautes Töchterchen, der dort, während die andern zum Frühmahl hingingen, um seinen Freund wehklagend dasitzt, ohne Speise und Trank zu berühren? Auf, labe ihm sogleich die Brust mit Nektar und Ambrosia, daß ihm in der Schlacht kein Hunger nahe!«

Wie ein Adler mit breiten Flügeln schwang sich die Göttin, die längst darnach verlangt hatte, ihrem Freunde zu helfen, durch den Äther, und während das Heer sich eifrig zur Schlacht rüstete, flößte sie Nektar und Ambrosia sanft und unvermerkt in die Brust des Peliden, daß seine Knie ihm nicht im Treffen von Hunger erstarrten. Dann kehrte sie zum Palast ihres allmächtigen Vaters heim. Inzwischen drangen, Helm an Helm, Schild an Schild, Harnisch an Harnisch und Lanzen an Lanzen, die Danaer aus den Schiffen hervor; das ganze Erdreich leuchtete von Erz und dröhnte von Erz unter ihren Fußtritten. Mitten unter den Dahineilenden bewaffnete sich Achill, mit den Zähnen knirschend und Glut in den Augen wie feurige Lohe. Er ergriff das Göttergeschenk, legte zuerst Schienen und Knöchelbedeckung an, dann bekleidete er die Brust mit dem Harnisch, warf das Schwert um die Schulter und ergriff den Schild, der dem vollen Mond ähnlich durch den Äther glänzte. Hierauf setzte er den schweren Helm mit dem hohen goldenen Busch, strahlend wie ein Gestirn, aufs Haupt, und die Mähne flatterte aus gesponnenem Golde von ihm herab. Nun versuchte er sich selbst in der Rüstung, ob sie ihm auch genug anpaßte und sich die Glieder ungehemmt bewegten: und siehe, seine Waffen deuchten ihm wie Flügel und schienen ihn vom Boden emporheben zu wollen. Jetzt zog er den schweren gediegenen Speer seines Vaters Peleus, den kein anderer Danaer schwingen könnte, aus dem schönen Gehäuse; Automedon und Alkimos schirrten die Rosse ein, legten jedem den Zaum ins Maul und spannten die Zügel über den Wagensitz. In diesen sprang Automedon, die blanke Geißel fassend, und in Waffen strahlend schwang sich hinter ihm Achill auf »Ihr unsterblichen Rosse«, rief dieser dem Gespanne seines Vaters zu, »ich sag es euch, bringt mir, nachdem wir uns in der Schlacht gesättigt haben, die Helden, die ihr führet, anders ins Heer zurück, als Patroklos heimgekehrt ist, den ihr tot im Gefilde liegen ließet.« Wie der Held so sprach, ward ihm ein grauenhaftes Wunderzeichen zuteil: sein Roß Xanthos neigte das Haupt tief zur Erde, daß die wallende Mähne ganz aus dem Ringe des Joches hervordrang und bis auf den Boden hinuntersank; und von der Göttin Hera plötzlich mit Sprache begabt, erteilte es ihm unter dem Joch die traurige Antwort: »Wohl, starker Achill, führen wir jetzt dich, den Lebenden, rüstig dahin; aber der Tag des Verderbens ist dir nahe. Nicht unsere Säumnis oder Fahrlässigkeit, sondern das Verhängnis und die Allmacht der Götter hat dem Patroklos das Leben geraubt und dem Hektor Siegesruhm gegeben. Wir können mit Zephyros, dem schnellsten der Winde, um die Wette laufen und ermüden nicht. Dir aber ist vom Geschicke bestimmt, unter der Hand eines Gottes zu erliegen.« So sprach das Roß und wollte noch weitersprechen, aber die Macht der Rachegöttinnen hemmte seinen Laut, und Achill antwortete voll Unmut: »Xanthos, was redest du mir da vom Tode? Es bedarf deiner Weissagung nicht, weiß ich doch selbst, daß mich, ferne von Vater und Mutter, das Schicksal hier wegraffen wird. Doch auch so raste ich nicht, bis Trojaner genug im Kampfe erlegen sind!« So sprach er und lenkte mit lautem Ruf die stampfenden Rosse vorwärts.

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