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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 128
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Jammer Achills

Antilochos fand den Helden vorn an den Schiffen nachdenklich sitzend, im Geiste das Geschick übersinnend, dessen Vollendung er noch nicht kannte. Als er die Griechen aus der Ferne flüchtig herannahen sah, sprach er unmutig zu sich selbst: ›Wehe mir, was schwärmen doch die Achiver voll Angst durchs Gefilde den Schiffen wieder zu? Werden doch die Götter nicht mir zum Grame das Unglück verwirklichen, das meine Mutter mir einst verkündigt hat, daß der tapferste der Myrmidonen, solang ich noch lebte, das Leben durch die Hand der Trojaner lassen müsse!‹

Während er noch solches erwog, kam Antilochos weinend mit der Schreckensbotschaft und rief ihm schon von ferne zu: »Wehe mir, Pelide, möchte es doch nie geschehen sein, was du jetzt vernehmen mußt. Unser Patroklos ist gefallen; sie kämpfen um seinen nackten Leichnam, die Waffen hat ihm Hektor abgezogen.« Nacht wurde es vor den Augen Achills, als er dieses hörte; mit beiden Händen griff er nach dem schwarzen Staube und bestreute Haupt, Antlitz und Gewand. Dann warf er sich selbst, so riesig er war, zu Boden und raufte sich das Haupthaar aus. Jetzt stürzten auch die Sklavinnen, die Achill und Patroklos erbeutet hatten, aus dem Zelte hervor, mit wankenden Knien rannten sie herbei, als sie ihren Herrn zu Boden gestreckt sahen; und da sie innewurden, was geschehen war, schlugen sie wehklagend an ihre Brust. Auch Antilochos vergoß bittre Tränen, jammernd und die Hände des Helden festhaltend; denn er fürchtete, dieser möchte sich mit dem Schwerte die Kehle durchstechen.

Achill selbst heulte so fürchterlich in die Lüfte hinaus, daß seine Mutter im Abgrunde des Meeres, neben ihrem grauen Gatten sitzend, die Stimme des Weinenden vernahm und selber so laut zu schluchzen anfing, daß ihre silberne Grotte sich bald mit den Nereiden füllte, die alle zugleich an die Brust schlugen und die Wehklage mit der Schwester begannen. »Wehe mir Armen«, rief diese ihren Geschwistern zu, »wehe mir unglücklicher Mutter, daß ich einen so edeln, so tapfern, so herrlichen Sohn gebar! Er wuchs empor wie eine Pflanze von Gärtnershand gepflegt, dann sandt ich ihn zu den Schiffen gen Troja; aber nie sehe ich ihn wieder, nie kehrt er in den Palast des Peleus zurück; und solange er das Sonnenlicht noch sieht, muß er solche Qual dulden, und ich kann ihm nicht helfen! Dennoch will ich mein geliebtes Kind zu schauen gehen, will hören, welcher Kummer ihn betraf, während er ungefährdet vom Kampfe bei den Schiffen sitzt!« So sprach die Göttin und stieg mit den Schwestern durch die gespaltenen Wogen hinan zum Gestade, tauchte bei den Schiffen ans Land und eilte dem schluchzenden Sohne zu. »Kind, was weinst du«, rief sie, indem sie unter Wehklagen sein Haupt umschlang, »wer betrübt dir dein Herz? Rede, verhehle mir nichts! Ist es doch alles geschehen, wie du gewollt hast: die Männer Griechenlands sind um die Schiffe zusammengedrängt und schmachten trostlos nach deiner Hilfe!« Endlich begann Achill unter schweren Seufzern: »Mutter, was hilft mir das, seit mein Patroklos, der mir lieb war wie mein Haupt, in den Staub gesunken ist! Meine eigenen köstlichen Waffen, das Ehrengeschenk, das dem Peleus die Götter bei deiner Hochzeit dargebracht, hat ihm sein Mörder Hektor vom Leibe gezogen. O wohntest du doch lieber immer im Meere und hätte Peleus ein sterbliches Weib, so müßtest du nicht unsterbliches Leid tragen um deinen gestorbenen Sohn; denn nie kehrt er zur Heimat wieder! Ja das Herz selbst verbietet mir, lebend umherzuwandeln, wenn mir nicht Hektor, von meiner Lanze durchbohrt und sein Leben aushauchend, den Raub meines Patroklos büßt!« Weinend antwortete Thetis: »Ach, nur allzubald verblüht dir das Leben, mein Sohn; denn gleich nach Hektor ist dir dein eigenes Ende bestimmt.« Aber Achill rief voll Unmut: »Möchte ich doch auf der Stelle sterben, da das Schicksal mir nicht vergönnt hat, meinen gemordeten Freund zu verteidigen! Ohne meine Hilfe, fern von der Heimat, mußte er sterben; was frommt den Griechen nun mein kurzes Leben? Kein Heil habe ich dem Patroklos, kein Heil unzähligen erschlagenen Freunden gebracht. Bei den Schiffen sitz ich, eine unnütze Last der Erde, so schlecht im Gefecht wie kein anderer Achiver; im Rate besiegen mich ohnedem andere Helden. Verflucht sei der Zorn bei Göttern und Menschen, der zuerst dem Herzen süß eingeht wie Honig und bald wie eine Feuerflamme in der Mannesbrust emporwächst!« Und plötzlich fuhr er, sich ermannend, fort: »Doch Vergangenes sei vergangen: ich gehe, den Mörder des geliebtesten Hauptes zu erschlagen, den Hektor. Mag mein Los mir werden, wann Zeus und die Götter es wollen, wird doch manche Trojanerin über mir mit beiden Händen sich die Tränen des Jammers von der Rosenwange trocknen, und zitternde Seufzer werden ihrer Brust entsteigen. Die Trojaner sollen merken, daß ich lange genug vom Kriege gerastet habe! Verwehre mir den Kampf nicht, liebe Mutter!«

»Du hast recht, mein Kind«, antwortete ihm Thetis, »nur daß deine strahlende Rüstung in der Gewalt der Trojaner ist und Hektor selbst in ihr sich brüstet. Doch soll er nicht lange darin frohlocken; denn in aller Frühe, sobald die Sonne aufgeht, bringe ich dir neue Waffen, die Hephaistos selbst geschmiedet. Nur geh mir nicht früher in die Schlacht, als bis du mich mit eigenen Augen zurückkommen sahest.« So sprach die Göttin und hieß ihre Schwestern in den Schoß des Meeres wieder hinabtauchen. Sie selbst eilte hinauf zum Olymp, den Gott der Feuerarbeit Hephaistos aufzusuchen.

In dieser Zeit ereilte den Leichnam des Patroklos, den die Freunde davontrugen, der Kampf der Trojaner noch einmal, und Hektor kam ihm, gleich daherstürmendem Feuer, so nahe, daß er ihn dreimal hinten am Fuße faßte, um ihn wegzuziehen, und dreimal die beiden Ajax ihn von dem Toten hinwegstoßen mußten. Nun wütete er seitwärts durchs Schlachtengewühl, hielt dann wieder von neuem stand und schrie laut auf; zurückweichen wollte er nimmermehr. Vergebens bestrebten sich die beiden gleichnamigen Helden, ihn von dem Leichnam abzuschrecken, wie Hirten bei Nacht umsonst einen hungrigen Berglöwen vom Leibe des zerrissenen Rindes zu verscheuchen bemühet sind. Und wirklich hätte Hektor zuletzt die Leiche geraubt, wäre nicht Iris auf Heras Befehl mit der Botschaft zu dem Peliden geflogen, sich von Zeus und den andern Göttern ungesehen heimlich zu bewaffnen. »Aber wie soll ich denn zur Schlacht gehen«, fragte erwidernd Achill die Götterbotin, »da die Feinde meine Rüstung haben? Auch hat mir meine Mutter alle Bewaffnung verboten, bis ich sie selbst mit einer neuen Rüstung von Hephaistos zurückkehren sehen würde. Ich weiß niemand, dessen Waffen mir gerecht wären, es müßte denn der Riesenschild des Ajax sein; aber der hat und braucht ihn selber zum Schutze meines erschlagenen Freundes!« »Wohl wissen wir«, antwortete ihm Iris, »daß du deiner herrlichen Waffen beraubt bist, aber nahe dich einstweilen nur so dem Graben, wie du bist, und erscheine den Trojanern: vielleicht stehen sie vom Kampfe ab, wenn sie dich von fern erblicken, und den Griechen ist Erholung gegönnt.«

Als Iris wieder entflogen war, erhub sich der göttliche Achill. Athene selbst hängte ihm ihren Ägisschild um die Schulter und umgab sein Gesicht mit überirdischem Glanze. So trat er schnell durch Wall und Mauer zum Graben; doch mischte er sich, der mütterlichen Warnung eingedenk, nicht in den Kampf, sondern blieb von ferne stehen und schrie, und in seinen Ausruf mischte sich der Ruf Athenes, daß er wie eine Kriegsposaune ins Ohr der Trojaner tönte. Als sie die eherne Stimme des Peliden vernahmen, füllte sich ihr Herz mit unheilvoller Ahnung, und Wagen und Rosse wandten sich rückwärts; mit Grauen sahen die Lenker um das Haupt des Peliden die Flamme brennen, und vor seinem dreifachen Schrei vom Graben her zerstob dreimal das Schlachtgewühl der Troer; und zwölf ihrer tapfersten Männer fielen in dem Gewühl unter den Wagen und Lanzen ihrer eigenen Freunde. Jetzt war Patroklos den Geschossen entrissen; die Helden legten ihn auf Betten, und voll Wehmut umringten den Leichnam die Freunde. Als Achill seinen treuen Genossen von den Speeren zerfleischt auf der Bahre liegen sah, mischte er sich zum ersten Male wieder unter die Griechen und warf sich mit heißen Tränen über den Leichnam. Die untergehende Sonne beleuchtete das jammervolle Schauspiel.

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