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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 125
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Die Griechen von Poseidon gestärkt

Während so draußen das Treffen tobte, saß der greise Nestor geruhig in seinem Zelte beim Trunk, den verwundeten Helden und Arzt Machaon bewirtend. Als nun aber der Streitruf immer lauter hallte und näher in ihre Ohren drang, überantwortete er seinen Gast der Dienerin Hekamede, ihm ein warmes Bad zu bereiten, ergriff Schild und Lanze und trat hinaus vor das Zelt. Hier sah er die unerfreuliche Wendung, die der Kampf genommen hatte, und während er in Zweifel stand, ob er in die Schlacht eilen oder den Völkerfürsten Agamemnon aufsuchen sollte, mit ihm zu beraten, begegnete ihm, von den Schiffen am Meeresgestade zurückkommend, dieser selbst mit Odysseus und Diomedes, alle drei auf ihre Lanzen gestützt und an Wunden krank. Sie kamen auch nur, der Schlacht wieder zuzuschauen, ohne Hoffnung, selbst an dem Kampfe teilnehmen zu können. Sorgenvoll traten sie mit Nestor zusammen und berieten das Geschick der Ihrigen. Endlich sprach Agamemnon: »Freunde, ich hege keine Hoffnung mehr. Da der Graben, der uns so viele Mühe gekostet, da die Mauer, die unzerbrechlich schien, den Schiffen nicht zur Abwehr gereicht haben und der Kampf längst mitten unter diesen wütet, so gefällt es wohl Zeus, uns Griechen alle, wenn wir nicht freiwillig abziehen, ferne von Argos, hier in der Fremde, ruhmlos dem Verderben preiszugeben. Laßt uns deswegen mit den Schiffen, die wir zunächst am Meeresstrande aufgestellt haben, auf der hohen See vor Anker gehen und die Nacht dort erwarten. Wendet sich alsdann Trojas Volk zurück, so wollen wir auch die übrigen Schiffe in die Wogen ziehen und noch bei Nacht der Gefahr entrinnen.« Mit Unwillen hörte Odysseus diesen Vorschlag. »Atride«, sprach er, »du verdientest ein feigeres Kriegsvolk anzuführen als das unsrige. Mitten im Treffen ermahnest du, die Schiffe ins Meer hinabzuziehen, daß die armen Griechen in Angst umschauen, der Streitlust vergessen und verlassen auf der Schlachtbank zurückbleiben?« »Ferne sei das von mir«, erwiderte Agamemnon, »daß ich wider Willen der Argiver und ohne sie zu hören solches tun wollte! Auch gebe ich meinen Rat gerne auf, wenn einer besseren vorzubringen weiß.« »Der beste Rat ist«, rief der Tydide, »daß wir sogleich in die Schlacht zurückkehren, und wenn wir auch nicht selbst zu kämpfen vermögen, doch die andern als ehrliche Volksführer zur Tapferkeit ermahnen.«

Dieses Wort hörte mit Wohlgefallen der Beschirmer der Griechen, der Meergott, der schon lange das Gespräch der Helden belauscht hatte. Er trat in Gestalt eines greisen Kriegers zu ihnen, drückte dem Agamemnon die Hand und sprach: »Schande dem Achill, der sich jetzt der Griechenflucht erfreuet! Aber seid getrost; noch hassen euch die Götter nicht so, daß ihr nicht bald den Staub von der Trojanerflucht aufwirbeln sehen solltet!« So sprach der Gott und stürmte von ihnen weg durchs Gefilde, indem er seinen Schlachtruf in das Heer der Griechen hineinschallen ließ, der wie zehntausend Männerstimmen brüllte und jedes Helden Herz mit Mut durchdrang.

Auch die Himmelskönigin Hera, die vom Olymp herab den Kampf überschaute, blieb jetzt nicht untätig, als sie Poseidon, ihren Bruder und Schwager, zugunsten ihrer Freunde sich in die Schlacht mischen sah. Und wie sie ihren Gemahl Zeus so feindselig auf dem Gipfel des Ida sitzend erblickte, zürnte sie ihm in der tiefsten Seele und sann hin und her, wie sie ihn täuschen und von der Sorge für den Kampf abziehen möchte. Ein glücklicher Gedanke stieg ihr plötzlich im Herzen auf. Sie eilte in das verborgenste Gemach, das ihr Sohn Hephaistos im Götterpalaste ihr kunstreich gezimmert und dessen Pforte er mit unlösbaren Riegeln befestigt hatte. Dieses betrat sie und schloß die Türflügel hinter sich. Hier badete und salbte sie mit ambrosischem Öl ihre schöne Gestalt, flocht ihr Haupthaar in glänzende Locken um den unsterblichen Scheitel, hüllte sich in das köstliche Gewand, das ihr Athene zart und künstlich gewirkt hatte, heftete es über der Brust mit goldenen Spangen fest, umschlang sich mit dem schimmernden Gürtel, fügte sich die funkelnden Juwelengehänge in die Ohren, umhüllte das Haupt mit einem durchsichtigen Schleier und band sich zierliche Sohlen unter ihre glänzenden Füße. So von Anmut leuchtend, verließ sie das Gemach und suchte Aphrodite, die Liebesgöttin, auf »Grolle mir nicht, Töchterchen«, sprach sie liebkosend, »weil ich die Griechen und du die Trojaner beschützest; und versage mir nicht, um was mein Herz dich bittet. Leihe mir den Zaubergürtel der Liebe, der Menschen und Götter bezähmt; denn ich will an die Grenze der Erde gehen, den Okeanos und die Tethys, meine Pflegeeltern, aufzusuchen, die in Zwistigkeiten leben. Ich möchte ihr Herz durch freundliche Worte zur Versöhnung bewegen, und dazu brauche ich deinen Gürtel.« Aphrodite, die den Trug nicht durchschaute, erwiderte arglos: »Mutter, du bist die Gemahlin des Götterköniges; nicht recht wäre es, dir eine solche Bitte zu verweigern.« Damit löste sie sich den wunderköstlichen buntgestickten Gürtel, in dem alle Zauberreize versammelt waren. »Birg ihn«, sprach sie, »immerhin in dem Busen, gewiß kehrst du nicht ohne Erfolg von dannen.«

Weiter ging nun die Götterkönigin nach dem fernen Thrakien in die Behausung des Schlafes und beschwor diesen, in der folgenden Nacht dem Göttervater die leuchtenden Augen unter seinen Wimpern tief einzuschläfern. Aber der Schlaf erschrak. Er hatte schon einmal auf Heras Befehl den Sinn des Gottes betäubt, als Herakles von dem verwüsteten Troja heimfuhr und Hera, seine Feindin, ihn auf die Insel Kos verschlagen wollte. Damals hatte Zeus, als er erwachend den Betrug innewurde, die Götter im Saale herumgeschleudert, und den Schlaf selbst hätte er vertilgt, wenn er nicht in die Arme der Nacht geflüchtet wäre, die Götter und Menschen bändigt. Daran erinnerte jetzt der Schlafgott erschrocken die Gemahlin des Zeus, doch diese beruhigte ihn und sprach: »Was denkst du, Schlaf! Meinst du, Zeus verteidige die Trojaner so eifrig, als er seinen Sohn Herakles liebte? Sei klug und willfahre mir: tust du es, so will ich dir der Charitinnen jüngste und schönste zur Gemahlin geben.« Der Gott des Schlummers ließ sie mit einem Schwure beim Styx dies Versprechen bekräftigen und versprach, ihr zu gehorchen.

Nun bestieg Hera im Glanze ihrer Schönheit den Gipfel des Ida, und Inbrunst erfüllte das Herz ihres Gemahls, als er sie erblickte, so daß er auf der Stelle des Trojanerkampfs vergaß. »Wie kommst du hierher vom Olymp«, sprach er, »wo hast du Rosse und Wagen gelassen, liebes Weib?« Mit listigem Sinn erwiderte ihm Hera: »Väterchen, ich will ans Ende der Erde gehen, den Okeanos und die Tethys, meine Pflegeeltern, zu versöhnen.« »Hegst du denn ewige Feindschaft gegen mich?« antwortete Zeus, »diese Ausfahrt kannst du auch später betreiben. Laß uns hier sanft gelagert und einmütig an dem Kampfe der Völker uns ergötzen.« Als Hera dies Wort hörte, erschrak sie; denn sie sah, daß selbst ihre Schönheit und der Zaubergürtel Aphrodites dem Gemahl die Sorge für den Kampf und den Groll gegen die Griechen nicht ganz aus dem Herzen zu scheuchen vermochten. Doch verhehlte sie ihren Schrecken, umschlang ihn freundlich und sprach, seine Wange streichelnd: »Väterchen, ich will ja deinen Willen tun.« Zugleich aber winkte sie dem Schlaf, der ihr unsichtbar gefolgt war und ihres Befehles gewärtig hinter des Göttervaters Rücken stand. Dieser senkte sich auf seine Augenlider, daß Zeus, ohne zu antworten, sein nickendes Haupt in den Schoß der Gemahlin legte und in tiefen Schlummer versank. Eilig schickte jetzt die Himmlische den Gott des Schlafs als Boten nach den Schiffen zu Poseidon und ließ dem Bruder sagen: »Jetzt laß dir's Ernst sein und verleih den Griechen Ruhm; denn Zeus liegt auf dem Gipfel des Ida durch meine Betörung in tiefen Schlaf gesunken!«

Schnell stürzte sich Poseidon jetzt ins vorderste Getümmel und rief in eines Helden Gestalt dem Danaervolke zu: »Wollen wir dem Hektor auch jetzt noch den Sieg lassen, ihr Männer, daß er die Schiffe erobere und Ruhm einernte? Zwar ich weiß, er verläßt sich auf den Zorn des Achill, aber es wäre eine Schmach für uns, wenn wir ohne diesen nicht zu siegen vermochten! Ergreifet eure gewaltigsten Schilde, hüllt euch in die strahlendsten Helme, schwinget die mächtigsten Lanzen, wir wollen gehen, und ich selbst voraus vor euch allen; wir wollen sehen, ob Hektor vor uns besteht!« Die Krieger gehorchten der gewaltigen Stimme des mächtigen Streiters, die verwundeten Fürsten selbst ordneten die Schlacht, verteilten den Männern Waffen, gaben dem Starken starke, den Schwächeren schwache. Dann drang alles vor: der Erderschütterer selbst, ein entsetzliches Schwert wie einen flammenden Blitz in der Rechten schwingend, war ihr Führer. Ihm wich alles aus, und niemand wagte ihm im Kampfe zu begegnen. Zugleich empörte er das Meer, daß es wogend an die Schiffe und Zelte der Danaer anschlug.

Doch ließ sich Hektor durch dieses alles nicht schrecken. Er stürzte mit seinen Trojanern in die Schlacht, wie ein Waldbrand mit sausenden Flammen durch ein gekrümmtes Bergtal prasselt; und ein erneuter Kampf entspann sich zwischen beiden Heeren. Zuerst zielte Hektor auf den großen Ajax mit der Lanze und traf gut; aber Schild- und Schwertriemen, die sich ihm über den Busen kreuzten, beschirmten den Leib, und Hektor, des Speeres verlustig, wich unwillig in die Reihen der Seinigen zurück. Ajax schickte dem Weichenden einen Stein nach, daß er in den Staub stürzte, Lanze, Schild und Helm ihm entflog und das Erz der Rüstung klirrte. Die Griechen jauchzten, ein Hagel von Speeren folgte, und sie hofften den Liegenden wegzuziehen. Aber die ersten Helden der Trojaner vergaßen seiner nicht: Äneas, Polydamas, der edle Agenor, der Lykier Sarpedon und sein Genosse Glaukos, alle hielten die Schilde zur Abwehr vor, erhuben den Betäubten und brachten ihn ungefährdet auf den Streitwagen, der ihn zur Stadt zurückführte.

Als sie den Hektor fliehen sahen, rannten die Griechen noch viel heftiger auf den Feind ein. Um Ajax erhub sich ein Getümmel; denn nach allen Seiten hin traf sein Wurfspieß und seine Lanze. Doch schmerzte auch die Griechen hier und dort ein in ihrer Mitte fallender Held. Den Sturz des Danaers Prothoënor, den Polydamas erlegt hatte, mußte dem Ajax der Sohn des Antenor, Archilochos, büßen; den Böotier Promachos, den der Bruder des Archilochos, Akamas, mit dem Speere niedergestochen, rächte der Grieche Peneleus am Ilioneus; Ajax stieß den Hyrtios nieder; Antilochos den Mermeros und Phalkes; Meriones den Hippotion und Morys; Teucers Pfeil brachte den Prothoon und Periphetes zu Falle; Agememnon durchstach dem Hyperenor die Weiche; am allermeisten aber wütete unter den Trojanern, die schon draußen vor der Mauer über den Graben und durch die Pfähle zu fliehen begannen, der kleine Ajax, der hurtige Lokrer, dessen Augenblick jetzt gekommen war.

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