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Sagen der Chassidim

: Sagen der Chassidim - Kapitel 41
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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41. Von übertriebener Frömmigkeit

Es war einmal ein alter, reicher Mann, der einen einzigen Sohn hatte. Als er die Stunde nahen fühlte, wo er von der Welt Abschied nehmen mußte, rief er seinen Sohn herbei und sagte ihm: »Mein geliebter Sohn! Dank dem Ewigen kann ich dir ein großes Vermögen hinterlassen, von dem du und die Deinigen euer ganzes Leben lang genug zu essen und zu trinken haben werdet. Ich will dir aber noch ein Vermächtnis geben: nimm dich in acht vor Heuchlern, das ist vor Menschen, die übertriebene Frömmigkeit zeigen, dabei aber unreinen Herzens sind. Sie sind wie ein gefärbtes Kleid, das von außen schön aussieht, aber inwendig voller Fehler ist. Solche Menschen sind die größten Bösewichter. Darum sage ich dir, daß du dich vor ihnen in acht nehmen sollst.«

Der alte Vater starb, und der Sohn erbte ein großes Vermögen. Er heiratete bald darauf eine arme Waise, die sehr schön von Gestalt war und als sehr fromm und keusch galt.

Eine lange Zeit nach der Hochzeit sagte der Mann eines Tages zu seinem Weibe: »Steh auf, und wir wollen etwas ausgehen, um zu sehen, was es alles auf Gottes Welt gibt.« Das Weib antwortete: »Ich will nicht unser Haus verlassen und auf die Straße treten, denn ich möchte nicht, daß mich jemand sieht. Ich werde mich grämen, wenn die Menschen, die mich erblicken, mit den Augen sündigen. Auch will ich keinen fremden Mann sehen, damit ich nicht an jemand andern denke.« Als der Mann diese Worte hörte, erbebte ihm das Herz, und er sagte sich: »Vielleicht gehört sie zu jenen Menschen, vor denen mich mein Vater warnte? Solche Menschen erscheinen fromm und keusch, doch wer kennt ihr Herz?«

Der Mann wollte nun sein Weib auf die Probe stellen, und er sagte ihr: »Ich muß in eine ferne Stadt reisen, um ein großes Geschäft abzuschließen. Bereite mir Speise vor für den Weg!« Und das Weib sagte ihm: »Reise in Frieden!« Und sie bereitete ihm Wegzehrung vor. Der Mann ging indessen zu einem Schlosser und ließ sich mehrere Schlösser mit je zwei Schlüsseln machen. Er brachte die Schlösser an den Türen seines Hauses an und übergab den einen Schlüsselbund seinem Weibe; er sagte ihr aber nichts davon, daß er noch einen zweiten Schlüsselbund zu den gleichen Schlössern hatte. Dann nahm er Abschied und verließ das Haus. Das Weib glaubte, daß er wirklich nach der fernen Stadt weggereist sei, von der er ihr erzählt hatte.

Als der Mann eine halbe Meile weit aus der Stadt herausgefahren war, ließ er den Fuhrmann umkehren. Er kehrte in die Stadt zurück und wartete, bis es ganz finster wurde. Etwa eine Stunde nach Anbruch der Nacht ging er leise zu seinem Hause, öffnete mit seinen Schlüsseln das Tor und alle Türen und kam so zur Schlafkammer seiner Frau. Und er sah, daß die Frau mit einem Nichtjuden sündigte. Als das Weib ihren Mann plötzlich eintreten sah, sagte sie zum Nichtjuden, mit dem sie sündigte: »Sei stark und mutig wie ein Löwe, ziehe dein Schwert und töte meinen Mann!« Der Mann sah, daß der Buhle seiner Frau gegen ihn das Schwert erhob, erschrak sehr und flüchtete aus seinem Hause. Und er lief auf den Markt, um abzuwarten, bis der Morgen anbricht. Vor großem Kummer befiel ihn aber der Schlaf, und er schlief mitten auf dem Markte ein.

Nun traf es sich, daß in der gleichen Nacht einige Diebe in die kaiserliche Schatzkammer eingedrungen waren und eine große Menge Gold und Edelsteine gestohlen hatten. Der Kaiser befahl seinen Dienern, alle Gassen und Häuser der Stadt abzusuchen, ob sie nicht eine Spur von den Dieben finden würden. Die Knechte des Kaisers zogen durch alle Gassen und fanden den jungen Mann mitten auf dem Markte liegen und schlafen; sie schleppten ihn ins Gefängnis und sperrten ihn ein. Die Knechte sagten sich, daß der junge Mann, den sie nachts auf dem Markte gefunden hatten, sicher der Dieb sein müsse, der des Kaisers Schatzkammer bestohlen hatte. Und sie fingen ihn zu schlagen an, damit er gestehe, daß er der Dieb sei. Doch er fühlte sich rein von jeder Schuld und litt alle Schläge und Marter, ohne auch ein Wort zu gestehen. Als die Knechte müde wurden, ihn zu schlagen, beschlossen sie, ihn wie einen Dieb zu hängen. Man führte ihn, wie es Sitte ist, durch alle Gassen der Stadt, damit die Leute den Verurteilten sehen und Furcht bekommen. An seiner Seite ging der vornehmste Priester des Landes, den der Kaiser für seinen treuesten Diener hielt. Der Priester suchte den jungen Mann zu überreden, daß er sein Verbrechen beichte und den christlichen Glauben annehme; dann werde er nur in die oberste Abteilung der Hölle kommen. Wie sie so durch die Straßen gingen, kamen sie zu einem Misthaufen, der mitten auf dem Wege lag und in dem es viele Würmer gab. Da sagte der Priester, der zur rechten Hand des Verurteilten ging, zum Henker, der zu dessen linken Hand ging: »Führe ihn nicht durch den Mist, denn er könnte dabei mit seinen Füßen einige der Würmer zertreten. Das wäre aber eine große Sünde, denn es steht geschrieben: &›Der Gerechte erbarmt sich des Viehs.‹ Und der Herr hat Mitleid mit allen seinen Geschöpfen.«

Als der junge Mann diese frommen Worte des Priesters hörte, sagte er sich: »Der Priester gehört sicher zu jenen Heuchlern, vor denen mich mein Vater warnte.« Und er sagte zum Henker, daß er ihn vor den Kaiser führen solle, denn er möchte ihm nun sein Verbrechen gestehen. Man brachte ihn vor den Kaiser, und der junge Mann sagte: »Herr Kaiser! Wisse, daß wir beide– ich und der Priester – die Schatzkammer bestohlen haben.« Man ergriff den Priester, sperrte ihn ins Gefängnis und durchsuchte sein Haus. Und man fand in seinem Hause alles, was aus der Schatzkammer gestohlen war. Da sagte der Kaiser zum jungen Mann: »Du mußt mir erklären, wie du zu der großen Ehre kommst, daß der Priester dich zu seinem Vertrauten gemacht hat, und ihr gemeinsam meine Schatzkammer ausgeraubt habt.«

Und der junge Mann erwiderte: »Herr Kaiser! Glaube mir, daß ich mit dem Diebstahl nichts zu tun habe, denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die dergleichen tun. Die Sache war aber so.« Und er erzählte dem Kaiser vom Vermächtnis seines Vaters, vom Erlebnis mit seiner Frau und von der übertriebenen Frömmigkeit des Priesters. »Der Priester zeigte dieselbe Frömmigkeit wie mein Weib, und darum sagte ich mir, daß er wohl am Diebstahl beteiligt sein müsse.« Der Kaiser schickte sofort seine Diener, damit sie die Frau des jungen Mannes fassen. Man untersuchte die Sache und fand, daß der Mann die Wahrheit gesprochen hatte. Und der Kaiser befahl, die Frau hinzurichten und ihren Leichnam in Stücke zu schneiden und den Priester zu erhängen. Den jungen Mann ließ er aber mit großen Ehren nach seinem Hause geleiten. Und der junge Mann war voller Freude und dankte dem Herrn, daß er ihn vom Tode errettete, indem er ihm den Gedanken eingab, daß der Priester, der übertriebene Frömmigkeit zeigte, der Dieb sein müsse. Dies alles geschah ihm, weil er das Vermächtnis seines Vaters treu bewahrt hatte.

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