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Sagen der Chassidim

: Sagen der Chassidim - Kapitel 22
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080313
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22. Starkes Gottvertrauen

Der heilige Maggid Dojw-Ber von Mizricz strafte einmal einen Chassid vor der ganzen Gemeinde, weil er zu wenig Gottvertrauen zeigte. Der Chassid sagte: »Lehrt mich, Rabbi, wie man Gottvertrauen erlangt, vielleicht werde ich es lernen können.« Der Rabbi antwortete darauf: »Fahre nach Hause und bereite dich auf eine weite Reise vor; dann komme wieder her, und ich schicke dich an einen Ort, wo du lernen wirst, was Gottvertrauen heißt.« Der Mann fuhr nach Hause, packte seine Sachen zusammen und kam wieder zum heiligen Maggid, der ihm befahl: »Reise nach Berditschew und kehre bei dem und dem Manne ein, der als sehr reich bekannt ist; von diesem reichen Manne kannst du lernen, was Gottvertrauen ist. Du sollst aber gut aufpassen, denn der Reiche ist sehr verschlossen.«

Der Chassid fuhr nach Berditschew und kehrte beim Reichen ein. Dieser nahm ihn sehr freundlich auf und fragte ihn nach seinem Begehren. Der Chassid erwiderte: »Der heilige Maggid von Mizricz hat mich mit einem geheimen Auftrag hergeschickt und hat mir befohlen, bei Euch einzukehren.« Der Reiche gab ihm ein Zimmer in seinem Hause und befahl seinen Dienern, alle seine Wünsche zu erfüllen.

Der Gast verbrachte eine Woche im Hause des Reichen und sah, daß dieser auf großem Fuße lebte, sehr viel Almosen gab und große Geschäfte führte: täglich kamen Leute mit seinen Schuldscheinen, die er immer sofort und bar bezahlte. Der Chassid sagte sich: »Es ist gar nicht schwer, Gottvertrauen zu haben, wenn man so reich ist!« Er konnte auch gar keine Beweise für dieses Gottvertrauen entdecken. Nur eine Sache erschien ihm wunderlich: der Reiche hatte viele Diener, einen Buchhalter, einen Kassierer und einen Schreiber, und doch verwahrte er den Schlüssel von einem bestimmten Zimmer immer bei sich und vertraute ihn selbst seinem Weibe und seinen Kindern nicht an. Der Gast fragte das Hausgesinde, und man sagte ihm, daß in diesem Zimmer die Geldtruhe des Reichen stehe, und darum erlaube er niemandem, das Zimmer zu betreten.

Der Gast konnte seine Absichten nicht länger verheimlichen und erzählte dem Reichen, wozu ihn der heilige Maggid hergeschickt hatte und daß er bei seinem Gastgeber noch nichts von Gottvertrauen habe wahrnehmen können. Der Reiche führte ihn in das verschlossene Zimmer und sagte ihm: »Schau dir gut die Geheimnisse des Zimmers an, denn hier ist der Schatz, aus dem ich Gold schöpfe.«

Der Gast sah sich im Zimmer um und sah nichts als einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und ein kleines Kästchen. Der Reiche öffnete das Kästchen, und der Gast sah, daß darin nur ein Büchlein lag, in dem der Reiche seine Ausgaben für milde Werke verzeichnete, und außerdem einige Rechnungen; sonst lag darin nichts. Er dachte anfangs, daß das Kästchen ein verborgenes Fach habe, konnte aber ein solches nicht finden. Und der Reiche sagte: »Mein ganzes Hausgesinde glaubt, daß ich hier einen Schatz verwahre, aus dem ich Gold schöpfe. Du siehst aber selbst, daß ich nichts besitze. Mein Gottvertrauen ist so stark, daß, wenn ich eine Schuld oder sonst etwas zu zahlen habe, ich mich in diesem Zimmer einschließe, mich auf diesen Stuhl setze und mit großer Zerknirschung bete: &›Schöpfer der Welt, ich muß heute soundso viel zahlen, und ich hoffe auf dich, daß du mir helfen wirst, damit ich mein Versprechen erfülle!‹ Und so geschieht es immer: der Herr hilft mir im selben Augenblick. Du begreifst jetzt wohl, daß der heilige Maggid dich nicht umsonst zu mir geschickt hat, damit du von mir Gottvertrauen lernst. Wohl ist dem Menschen, der auf Gott und nicht auf Menschen vertraut!«

Und wie sie so sprachen, klopfte ein Diener an die Türe und sagte dem Reichen, daß ein Bote vom Gutsherrn mit einem Wechsel über eine große Summe gekommen sei und daß er auf das Geld warte. Der Reiche befahl, daß der Bote bis zum Abend warten solle. Darauf wandte er sich wieder zu seinem Gast und sagte ihm: »Ich muß heute noch eine Schuld von tausend Dukaten bezahlen und habe keinen Pfennig. Ich hoffe aber auf den Schöpfer, daß er mir bald helfen wird. Wollen wir hinausgehen, und du wirst bald sehen, welche Wunder der Schöpfer denen tut, die auf ihn vertrauen.«

Sie gingen beide in das Wohnzimmer. Der Reiche setzte sich vor den Tisch und begann Rechnungen nachzuprüfen. Der Gast saß ihm gegenüber und sah zu. Da kam wieder der Diener herein und meldete, daß ein Schiffskapitän gekommen sei und den Reichen sprechen möchte. Er befahl ihn vorzulassen. Der Schiffskapitän trat ein und sagte: »Ich möchte Euch zehntausend Dukaten in Verwahrung geben, denn ich bekam heute den Befehl, in den Krieg zu fahren. Ich will kein Geld mitnehmen, denn vielleicht falle ich in einer Schlacht. Kinder habe ich nicht, und da ich gehört habe, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid, will ich das Geld Euch in Verwahrung geben, bis ich wiederkehre. Für Eure Mühewaltung schenke ich Euch tausend Dukaten. Und ich bitte Euch, wenn ich nicht zurückkehre, das Geld für gottgefällige Werke zu verwenden, die mir auf jener Welt nützen können.«

Der Reiche nahm das Geld im Empfang, gab dem Kapitän einen Schuldschein auf neuntausend Dukaten, begleitete ihn hinaus und wünschte ihm, daß der Herr ihn unversehrt heimbringen möchte. Der Gast saß indessen sehr verwundert da. Der Reiche kam zurück und sagte: »Also siehst du selbst, wie der Allmächtige hilft, wenn man auf ihn vertraut. Nun ist es Zeit, daß du heimfährst. Miete dir einen Wagen, und der Herr wird dich wohlbehalten nach Hause bringen und dir Gottvertrauen geben.« Der Gast sagte, daß er gar kein Geld für die Reise hätte. Der Reiche lachte darüber: »Du hast wohl noch nicht genügend gelernt!« Und er schenkte ihm zweihundert Dukaten, nahm von ihm Abschied und wünschte ihm noch einmal, daß seine Reise nicht umsonst sein sollte.

Der Chassid verließ Berditschew und wunderte sich sehr darüber, daß man so große Geschäfte führen könne, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen. Unterwegs hörte er plötzlich ein fürchterliches Geschrei. Er sprang aus dem Wagen, lief hin und sah, daß man zwei Weiber, mit Ketten gefesselt, führte; ihre Kinder liefen ihnen nach und schrien jämmerlich. Der Mann fragte die Weiber, wohin man sie führe, und sie gaben ihm weinend zur Antwort: »Wir sollen gehenkt werden, weil wir seit zwei Jahren dem Gutsherrn keine Pachtzinsen zahlen konnten. Unsere Männer sind entflohen, und nun führt man uns zum Galgen.« Der Mann bekam großes Mitleid mit den Frauen und sagte ihnen: »Hört auf zu weinen, ich werde mit Gottes Hilfe für euch bezahlen.« Und er wandte sich zu den Schergen und sagte: »Führt mich zu eurem Herrn, ich will die Schuld dieser Weiber bezahlen.« Man brachte ihn vor den Gutsherrn, und er fragte, wie groß die Schuld der Weiber sei, und man antwortete ihm: »Zweihundertundfünfzehn Dukaten.« Der Mann versuchte etwas davon abzuhandeln, doch der Gutsherr wollte keinen Pfennig nachlassen. Der Chassid gab also dem Gutsherrn die zweihundert Dukaten, die er besaß, und für den Rest von fünfzehn Dukaten gab er ihm als Pfand seinen Gebetmantel, seine Gebetriemen und die übrigen Habseligkeiten, die er bei sich hatte.

Die Weiber wurden freigelassen, und sie lobten den Herrn und dankten dem Mann, der sie vom Tode errettet hatte. Der Chassid reiste weiter; er gedachte der Worte, die ihm der Reiche auf den Weg gegeben hatte, und vertraute auf Gott. Gegen Abend kam er in Chmelnik an und kehrte in ein Wirtshaus ein, um da über Nacht zu bleiben. Bevor er sich schlafen gelegt hatte, kam in das gleiche Wirtshaus ein Kaufmann und legte sich im gleichen Zimmer schlafen. Wie es auf Reisen geht, kamen die beiden ins Gespräch, und der Kaufmann fragte den Chassid, woher er sei. Dieser antwortete, er sei aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Tocz. Da fragte der Kaufmann: »Wie heißt du und wie hieß dein Vater? Denn ich stamme aus derselben Stadt und bin vor fünfundzwanzig Jahren von dort weggezogen.« Der Chassid gab Antwort, und der Kaufmann sagte: »Ich kannte deinen Vater sehr gut. Und wie geht es deinem Bruder? Und wie geht es dir?« Und als er auf alle Fragen Antwort bekommen hatte, sagte er noch: »Ich will dich um etwas bitten: ich habe einen armen Verwandten in der Stadt, durch die du reist. Neulich ist einer unserer gemeinsamen Verwandten gestorben und hat eine große Erbschaft hinterlassen. Seinen Teil der Erbschaft will ich ihm nun durch dich schicken. Ich kenne deine Familie und weiß, daß du fremdes Geld nicht veruntreuen wirst.« Der Chassid übernahm den Auftrag, und der Kaufmann gab ihm eine große Geldsumme und einen Brief an seinen Verwandten. Außerdem gab er ihm für seine Mühe ein schönes Geldgeschenk.

Inzwischen wurde es Tag, und der Kaufmann fuhr weg. Auch der Chassid reiste weiter und kam in die Stadt, wo er das Geld abliefern sollte. Er suchte den Betreffenden, konnte ihn aber nicht finden, und die ältesten Leute, die er befragte, sagten ihm, daß ein solcher Mensch in dieser Stadt niemals gelebt habe. So verbrachte er zwei Tage in der Stadt, forschte überall nach, doch immer ohne Erfolg. Das kränkte ihn sehr. Schließlich fuhr er nach Hause und von dort nach Mizricz zum heiligen Maggid Dojw-Ber. Er erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte, daß er jetzt nicht wisse, was er mit dem Gelde anfangen solle. Der heilige Maggid antwortete ihm: »Das Geld gehört dir. Der Kaufmann, der es dir gab, war kein einfacher Mensch, sondern ein Engel, den man dir geschickt hatte, weil du Menschenseelen vom sicheren Tode errettet hast und weil du stark auf den Herrn hofftest. Nun sollst du mit dem Gelde gute Werke tun, so weit du kannst. Und wenn du immer das gleiche Gottvertrauen haben wirst, wird dich der Herr, gesegnet sei sein Name, nicht verlassen.«

Aus dieser Begebenheit kann man sehen, wie wichtig das Vertrauen auf den Herrn, gesegnet sei sein Name, ist. Die Verdienste der Frommen mögen über uns leuchten, und der Herr schicke uns alles Gute. Amen.

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