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Sagen der Chassidim

: Sagen der Chassidim - Kapitel 19
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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19. Baal-Schem als Ehestifter

Der heilige Rabbi Awrohom-Jaakow von Sadagora erzählte einmal folgende Geschichte:

Vor Zeiten, als Polen noch von eigenen Königen regiert wurde, hatte jeder Gutsherr auf seinem Gute die gleiche Gewalt wie ein Kaiser. Er tat, was er wollte, wie Gutes so auch Böses. Er durfte strafen und er durfte begnadigen. In einem Dorfe wohnte um diese Zeit ein jüdischer Pächter, der dem Gutsherrn die Pachtrate nicht rechtzeitig bezahlen konnte. Der Gutsherr wartete einige Jahre; der Pachtzins wuchs immer an, und die Schuld des Pächters betrug schließlich vierhundert Rubel. Da der Jude diese Summe nicht bezahlen konnte, ließ ihn der Gutsherr samt Weib und Kindern in den Kerker werfen. Sie sollten soundso lange im Kerker sitzen und nichts als trockenes Brot und Wasser bekommen.

Später sagte sich der Gutsherr, daß er davon doch gar nichts haben würde, wenn der Pächter im Kerker verschmachtete. Darum beschloß er folgendes: er ließ den Pächter, dessen Weib und Kinder in Ketten legen und befahl seinem Verwalter, die Gefesselten durch die nächsten größeren Städte zu führen. In jeder Stadt sollte er das Volk zusammentrommeln und einen Aufruf vorlesen, den der Gutsherr selbst verfaßt und unterschrieben hatte: »Wenn sich kein Jude findet, der die Gefangenen für dreihundert Rubel auslöst, so werden sie sämtlich erschlagen werden.« Der Verwalter tat so, wie ihm geheißen: er brachte die mit Ketten beladenen Gefangenen in die nächste größere Stadt und ließ Trommel schlagen; als viel Volk zusammengekommen war, las er den Aufruf des Gutsherrn vor. Die Gefangenen weinten und flehten die Juden der Stadt an, daß sie mit ihnen Mitleid haben und sie auslösen, denn der Gutsherr würde sie sonst erbarmungslos umbringen lassen. Die Leute, die das hörten, hatten alle Mitleid mit den armen Gefangenen, doch es fand sich unter ihnen und selbst unter den reichsten Leuten der Stadt niemand, der das Lösegeld erlegen wollte: jeder seufzte über die Armen und ging weiter. Die Gefangenen weinten und jammerten, doch niemand wollte ihnen helfen.

In dieser Stadt lebte ein armer, einfacher Jüngling. Er war Diener bei einem reichen Manne und hatte während seiner Dienstzeit hundertundfünfzig Rubel zusammengespart. Als der Jüngling von den armen Gefangenen hörte, daß sie nur noch diesen einen Tag zu leben haben, entbrannte sein Herz in Mitleid, und er beschloß, seine ganzen Ersparnisse zu opfern, um die Menschen vom sicheren Tode zu retten. Da aber seine ganzen Ersparnisse nur die Hälfte des nötigen Lösegeldes ausmachten, beschloß er, sich an ein armes Mädchen zu wenden, das er kannte und das als Dienstmädchen gleichfalls hundertundfünfzig Rubel zusammengespart hatte. Er ging also zu dem Mädchen und sagte: »Ich habe mich entschlossen, meine ganzen Ersparnisse für das gottgefällige Werk der Erlösung von Menschenseelen vom sicheren Tode zu opfern, und ich rate dir, daß auch du deine Ersparnisse für das gleiche gottgefällige Werk opferst. Denn wir beide sind ja einfache Menschen und haben noch nichts Gottgefälliges getan. Und da uns der Herr, gelobt sei sein Name, die Gelegenheit geboten hat, dieses seltene gottgefällige Werk zu tun, wollen wir diese Gelegenheit ergreifen.« Das gute Mädchen erklärte sich dazu bereit und brachte sofort ihre hundertundfünfzig Rubel. Er tat sie zu seinem Gelde und bezahlte dem Verwalter das ganze Lösegeld von dreihundert Rubeln. Der Verwalter befreite sofort die Gefangenen, und sie gingen heim und dankten Gott für ihre Befreiung.

Und der Jüngling sprach zum Mädchen: »Auch wir müssen dem Herrn danken, weil er uns dieses gottgefällige Werk verrichten ließ. Da du aber auf meinen Rat dein letztes Geld weggegeben hast, so ist es meine Pflicht, nun auch für dich zu sorgen. Und ich rate dir dieses: ich habe in einer nahen Stadt einen Onkel, und wenn wir beide zu ihm kommen, so wird er sich bemühen, dir und mir irgendwelche Stellungen zu verschaffen.« Das Mädchen willigte ein. Sie nahmen ihre kleinen Bündel mit ihrem ganzen Hab und Gut und machten sich auf den Weg nach der nächsten Stadt, wo der Onkel des Jünglings lebte. Sie gingen zu Fuß und kamen gegen Abend zu einer Herberge. Sie beschlossen, da zu übernachten.

Ob des seltenen gottgefälligen Werkes, das diese beiden einfachen und armen jungen Leute getan hatten, gab es im Himmel ein großes Rauschen und Frohlocken, und der Name des höchsten Gottes wurde in allen Regionen geheiligt. Darum wurde vom Himmel dem heiligen Israel Baal-Schem befohlen, daß er sich sofort zu der Herberge begebe, wo die jungen Leute übernachteten, daß er Hochzeitskleider für den Jüngling und für das Mädchen mitnehme und die beiden nach dem Gesetze Mosis und Israels verheirate. Der Baal-Schem tat, wie ihm geheißen. Er nahm Kleider für den Bräutigam und für die Braut, machte sich auf den Weg und kam am gleichen Abend zu der Herberge. Der Wirt empfing ihn mit Ehrfurcht und sagte ihm: »Rabbi, übernachtet diese Nacht in meiner Herberge!« Der Baal-Schem trat ein, und der Wirt gab ihm ein Zimmer.

Der Baal-Schem rief den Wirt zu sich herein und befahl ihm, sofort ein Hochzeitsmahl vorzubereiten, denn er werde noch diese Nacht in seiner Herberge ein junges Paar verheiraten. Der Wirt machte sich sofort an die Arbeit und richtete ein Mahl für ein Brautpaar und zehn Hochzeitsgäste. Er war so mit dieser Arbeit beschäftigt, daß er sich gar nicht fragte, wo das Brautpaar sei.

Als der Jüngling und das Mädchen vor der Herberge anlangten, setzten sie sich draußen hin, um etwas auszuruhen. Da sie beide gewohnt waren, im Hause und in der Küche zu arbeiten, boten sie dem Gastwirt, als sie seine Vorbereitungen zum Festmahle sahen, ihre Hilfe an. Sie wollten sich nützlich machen, um dafür einen Bissen Brot und Unterkunft zu bekommen. Der Jüngling half dem Wirt bei der Arbeit, und das Mädchen ging in die Küche und half kochen, braten und backen. Nach einigen Stunden trat der Wirt vor den Rabbi und meldete: »Rabbi, das Hochzeitsmahl ist fertig.« Der Baal-Schem fragte ihn, ob er viel fremde Gäste in der Herberge hätte. Der Wirt antwortete, es sei niemand da, außer einem jungen Diener und einem jungen Dienstmädchen. Und der Baal-Schem befahl dem Wirt: »Bringe mir die beiden her!« Als sie zum heiligen Rabbi ins Zimmer kamen, gab er ihnen die mitgebrachten Hochzeitskleider, ließ sie die Kleider anziehen und sich setzen. Er sagte ihnen, daß bald ihre Hochzeit gefeiert werden würde. Die Braut und der Bräutigam saßen so an die zwei Stunden. Da kamen zur Herberge einige Kutschen, und ihnen entstiegen sieben Männer von ehrwürdigem Aussehen. Mit dem Rabbi, dem Bräutigam und dem Gastwirt waren es also genau zehn Männer, wie es sich bei einer Trauung gehört. Der Wirt war darüber sehr erstaunt. Die sieben Gäste waren aber unsere heiligen Väter: Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aharon, David und der Prophet Elias.

Der heilige Israel Baal-Schem sprach bei der Trauung die Segenssprüche, und dann setzten sich alle zu Tisch. Man aß und trank mit großer Freude. Nach dem Essen wurden von den Gästen, der Sitte gemäß, die Hochzeitsgeschenke ausgerufen. Der Gastwirt sah der Feier zu und schwieg; doch das Ganze war ihm ein Wunder. Einer der Gäste rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare den Ochsenstall des Gutsherrn. Das schenke ich dem jungen Paare.« Und ein anderer Gast rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare das Schmuckkästchen mit den Perlen und Edelsteinen der alten Gutsherrin. Das schenke ich dem jungen Paare.« Und der Baal-Schem rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare diese Herberge auf ewige Zeiten. Das schenke ich dem jungen Paare.« Dann sprach man das Tischgebet, und alle Gäste nahmen Abschied und fuhren fort. Nur das junge Paar und der Baal-Schem blieben in der Herberge. Die Neuvermählten hielten alle die versprochenen Geschenke für Trug. Denn augenblicklich besaßen sie gar nichts.

Lieber Leser, nun kannst du sehen, wie sehr die Fürsorge des Herrn und seine Wunder jede menschliche Vorstellung übertreffen. Der Gutsherr, dem das Dorf gehörte, hatte einen einzigen Sohn im Alter von zehn Jahren, den er mehr als sich selbst liebte. Nun traf es sich zwei Tage vor der Hochzeit, daß der Knabe plötzlich verschwand. Der Vater war wie irrsinnig. Er ließ die ganze Gegend absuchen, doch das Kind war nirgends zu finden.

Als der junge Ehemann am Morgen nach der Hochzeit aufstand, sagte er zum Wirt: »Ich will Euch um etwas bitten: leiht mir Euer Fuhrwerk, damit ich in die nächste Stadt zu meinem Onkel fahre. Ich will meinen Onkel um eine Stellung für mich bitten, damit ich mein junges Weib ernähren kann. Ich werde bald wiederkommen und Euch das Fuhrwerk zurückgeben.« Da der Wirt sah, wie sehr sich der heilige Baal-Schem um den jungen Mann bemüht hatte, konnte er ihm die Bitte nicht abschlagen und lieh ihm sein Fuhrwerk. Und der junge Mann fuhr von dannen.

Unterwegs mußte er über eine Brücke. Da hörte er von unter der Brücke ein leises Wimmern und Stöhnen. Anfangs erschrak er, dann ging er aber unter die Brücke und sah aus dem Sumpfe den Kopf eines Kindes herausragen. Das Kind war bewußtlos, doch noch am Leben. Der Mann zog es mit großer Mühe aus dem Sumpfe heraus. Es war das Söhnchen des Gutsherrn, das seit drei Tagen verschwunden war. Der Mann hatte Mitleid mit dem Kinde; er reinigte es vom Schmutz und bekleidete es mit seinen eigenen Kleidern. Als der Knabe zu sich kam, sagte er: »Ich bin der Sohn des Gutsherrn. Ich weiß, daß mein Vater mich überall sucht. Bringt mich, bitte, zu meinem Vater.« Der Mann tat so und fuhr mit dem Knaben, der ihm den Weg zeigte, zum Gutshof. Als sie dort ankamen, gab es eine große Freude. Der Knabe rief: »Vater, Mutter, wenn nicht dieser Jude, so wäre ich nicht mehr am Leben!« Die Eltern waren sehr gerührt, und der Gutsherr schenkte dem Manne die Herberge auf ewige Zeiten; und die Gutsherrin schenkte ihm den Ochsenstall mit den Ochsen. Und die Mutter des Gutsherrn, die Großmutter des Kindes, schenkte ihm ihr Schmuckkästchen mit allen ihren Perlen und Diamanten. So gingen die Versprechen der wunderbaren Hochzeitsgäste in Erfüllung. Und das Paar lebte bis an sein Ende in großem Reichtum.

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