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Sagen der Chassidim

: Sagen der Chassidim - Kapitel 17
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080313
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17. Blutschande

Einmal sagte der heilige Israel Baal-Schem zu seinen Schülern: »Wir wollen in die Stadt fahren, um einen Trauernden zu trösten, der ein Bastard und ein frommer Gelehrter ist.«

Die Sache verhielt sich so: Es starb ein reicher Mann und hinterließ einen Sohn und eine Tochter; beide waren unverheiratet, und die ganze Erbschaft fiel ihnen zu. Und der Böse Trieb verführte den Jüngling, sich an seiner Schwester zu versündigen und mit ihr wie mit einer Frau zu leben, damit die ganze Erbschaft ihnen beiden bleibe: denn wenn sie einen fremden Mann heiratete, würde ihr Anteil an der Erbschaft diesem zufallen. Und der Böse Trieb verleitete auch das Mädchen. Und sie lebten zusammen, und die Schwester wurde schwanger.

Als die Leute das merkten und darüber zu munkeln anfingen, schämten sich die beiden und bereuten ihre Tat. Es war aber nicht mehr zu helfen, und der Jüngling sagte zum Mädchen: »Wir haben töricht gehandelt, und jetzt gebe ich diesen Rat: sobald du das Kind geboren hast, sollst du mit deinem Teil der Erbschaft in eine fremde und ferne Stadt ziehen, wo man dich nicht kennt. Und wenn wir beide nicht mehr zusammen sind, wird man die ganze Geschichte bald vergessen. Doch bis du das Kind geboren hast, sollst du bei mir bleiben.«

Und der Bruder machte ein Kästchen, um das Kind gleich nach der Geburt hineinzulegen; in das gleiche Kästchen tat er viertausend Rubel und einen Brief folgenden Inhalts: »Hier in diesem Kasten liegt ein jüdisches Kind; es ist geboren an dem und dem Tag. Und der Jude, der das Kind findet, soll es zu sich nehmen und es am achten Tag nach der Geburt beschneiden. Und er soll das Kind einer Amme geben und, nachdem es entwöhnt ist, in seinem Hause wie ein eigen Kind großziehen. Später soll er das Kind durch einen Lehrer unterrichten lassen. Für alle seine Mühe soll der, der das Kind gefunden hat, die Hälfte des Geldes nehmen, das sich im Kasten befindet. Und die andere Hälfte gehört dem Kinde. Wenn das Kind groß geworden ist und bei dem, der es gefunden hat, bleiben will, so soll es bleiben; will es aber fortziehen, so soll man es nicht zurückhalten.«

Als die Schwester einen Knaben gebar, legte man ihn in das Kästchen, ebenso das Geld und den Brief. Und man schickte das Kästchen nachts mit einem zuverlässigen Boten in eine nahe Stadt, damit er es dort vor der Türe des Bethauses niederlege. Wer von den Stadtleuten am nächsten Morgen zuerst zum Beten gehen würde, der würde auch das Kästchen finden und wohl alles erfüllen, was im Briefe stand. So geschah es auch. Der Bote brachte das Kästchen mit dem Kinde in die nächste Stadt, legte es vor die Türe des Bethauses und ging ins Gasthaus, um zu übernachten.

Am nächsten Morgen ging ein Lehrer sehr früh ins Bethaus und fand das Kästchen. Die wunderliche Nachricht verbreitete sich bald in der ganzen Stadt. Der Bote wartete nur darauf. Als das Gerücht, daß der Lehrer ein Kästchen mit einem Kinde und viertausend Rubeln gefunden hatte, auch ihm zu Ohren kam, tat er so, als ob er nichts von der Sache wüßte. Er fuhr heim und erzählte seinem Auftraggeber, daß das Kind von einem Lehrer, der ein sehr ordentlicher Mensch war, gefunden worden sei. Der Vater freute sich darüber sehr.

Der Lehrer, der das Kind fand, erfüllte alles, was im Briefe stand. Er ließ das Kind am achten Tage beschneiden, nahm eine Amme auf und zog das Kind wie ein eigenes groß. Der Knabe selbst wußte nichts davon und hielt den Lehrer für seinen richtigen Vater. Als der Knabe drei Jahre alt war, begann man ihn zu unterrichten. Er hatte treffliche Fähigkeiten und lernte besser als alle andern Kinder. Deswegen waren alle Kinder neidisch, und als es sich einmal traf, daß der Knabe sich mit einem andern Knaben zankte, sagte ihm dieser: »Glaube nicht, daß du ein Sohn des Lehrers bist: du bist ein Bastard, und der Lehrer fand dich in einem Kästchen vor dem Bethause liegen. Das hörte ich von meinem Vater und auch von andern Leuten!«

Diese Worte drangen dem Knaben tief ins Herz. Er grämte sich sehr und trat vor den Lehrer und sagte ihm: »Warum hat mich der Knabe so beschämt? Er sagte mir, daß ich gar nicht dein Sohn bin, sondern ein Bastard. Sage mir die volle Wahrheit und verheimliche nichts!« Der Lehrer versuchte anfangs zu leugnen, doch der Knabe drang auf ihn sehr ein; schließlich erzählte er ihm die ganze Wahrheit und zeigte ihm auch den Brief, der im Kästchen gelegen war. Der Knabe war sehr bestürzt, als er das alles hörte. Und er sagte dem Lehrer: »Ich werde dein Haus verlassen. Nimm dir die Hälfte des Geldes, das im Kästchen lag, und die andere Hälfte will ich mitnehmen.«

Der Lehrer widersprach ihm nicht und gab ihm das Geld. Der Knabe zog in eine andere Stadt, wo es eine berühmte Lehrstätte gab, und widmete sich ganz der Wissenschaft. Er sagte niemandem, wer er war und woher er stammte. In kurzer Zeit war er der beste Schüler in der ganzen Stadt. Später zog er in eine andere Stadt, wo es eine noch berühmtere Lehrstätte gab, und studierte dort weiter. Bald wurde er sehr gelehrt und kannte den ganzen Talmud und viele geheime Bücher.

Nun kehren wir zur Mutter des Kindes zurück. Sie verließ bald nach der Niederkunft die Stadt, wie es ihr Bruder geraten hatte, und zog in eine andere Stadt in einem fremden Lande, wo man sie nicht kannte und nichts von ihrem Fehltritt wußte. Sie gab sich für eine Witwe aus und wollte eine neue Heirat, entsprechend ihrem Vermögen, eingehen. Man schlug ihr verschiedene gute Partien mit reichen, gelehrten und vornehmen Leuten vor, doch die meisten gefielen ihr nicht; und die Partien, die ihr gefielen, kamen nicht zustande. Die Jahre gingen hin, und die Frau beschloß, in eine Stadt mit einer großen und berühmten Lehrstätte zu fahren und sich dort unter den Studierenden einen passenden Mann auszuwählen. Sie wollte einen gelehrten, frommen und auch geschäftstüchtigen, wenn auch ganz armen Jüngling finden.

Sie fuhr in die Stadt, wo ihr Sohn studierte, ging zum Rektor der Lehrstätte und erzählte ihm, sie sei eine reiche und vornehme Witwe aus der und der Stadt und wolle einen mit allen Vorzügen ausgezeichneten, wenn auch armen Jüngling heiraten; er möchte ihr einen solchen Jüngling empfehlen. Für seine Bemühungen versprach sie ihm ein schönes Geldgeschenk. Der Rektor ging auf ihre Bitte ein und wählte von allen seinen Schülern den besten aus, d. h. den Sohn der angeblichen Witwe. Die Frau gefiel dem Jüngling sehr gut, und auch er gefiel ihr, und sie verlobten sich. Die Frau gab dem Jüngling Geld, damit er sich standesgemäß kleide, und bald darauf feierten sie Hochzeit nach dem Gesetze Mosis und Israels. Nach der Hochzeit zogen sie in die Stadt, in der die Frau zuletzt gewohnt hatte. Doch jedesmal, wenn es zwischen ihnen zu der großen Sünde der Blutschande kommen sollte, richtete es der Herr so ein, daß die Frau von einer Unreinheit befallen wurde und der Mann sie nicht berühren durfte. Der Gatte wunderte sich sehr darüber und begann sie auszufragen, aus welcher Stadt und aus welcher Familie sie stamme. Die Weiber haben ja im allgemeinen wenig Verstand, und so erzählte die Frau ihrem Mann, den sie sehr liebte, die ganze Wahrheit: daß sie vor vielen Jahren von ihrem leiblichen Bruder ein Kind geboren, daß sie es in einem Kästchen mit einem Brief in eine andere Stadt geschickt hatte und so weiter.

Als der junge Mann das alles hörte, begriff er, daß es seine eigene Mutter war; denn er hatte ja noch den Brief bei sich, den man damals im Kästchen gefunden hatte. Und er dankte dem Herrn, daß er die Sünde zwischen Mutter und Sohn nicht zugelassen hatte. Seiner Frau sagte er aber nichts davon, daß er ihr Sohn war. Und er entschloß sich, von ihr zu entfliehen. Er nahm etwas Geld mit und verließ das Haus. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum ihr Mann sie verlassen hatte, und sie weinte bittere Tränen.

Der junge Mann beschloß, von nun an ohne Obdach zu leben und im Lande herumzuirren, um die Sünde abzubüßen. Auch hatte er keine Freude am Leben mehr. Und er tat so. Er gab sich nirgends für einen Witwer, sondern nur für einen gewöhnlichen Bettler aus. Einmal kam er in ein Dorf und hielt sich dort im Wirtshause zwei Wochen auf. Der Gastwirt wunderte sich sehr, daß der junge Mann sich so lange in einem Dorfe, wo er nichts zu tun hatte, aufhielt, und auch darüber, daß er jeden Tag für zwei Stunden das Haus verließ und irgendwohin verschwand. Der Gastwirt ging ihm einmal nach und merkte, daß der junge Mann in einen nahen Wald ging. Er folgte ihm in den Wald und sah, daß der Mann vor einem Baume stand und sich mit dem Kopf gegen den Baumstamm schlug. Der Gastwirt fürchtete, daß der junge Mann sich etwas antun würde; darum lief er hinzu, faßte ihn bei den Händen und sagte ihm: »Warum tut Ihr das? Darf man denn sein Leben solcher Gefahr aussetzen? In der Schrift heißt es doch: &›Ihr sollt eure Seelen schonen.‹ Ihr seht mir nicht so aus, als ob Ihr in Eurem Leben eine so schwere Sünde begangen habt, daß Ihr für sie so schwer büßen müßtet.«

Der junge Mann kam zur Besinnung, gab aber dem Wirt keine Antwort. In den nächsten Tagen blieb er zu Hause. Dann sagte er zu seinem Gastwirt: »Ich habe bei mir eine Summe Geld. Ich will Euch das ganze Geld schenken, wenn Ihr mir den Keller, den Ihr unter Euerem Hause habt, auf ewig vermietet. Ich will mit meinen Gebetriemen, meinem Gebetmantel, einem Brot und einem Krug Wasser in den Keller gehen, und Ihr sollt den Keller von außen verschließen und den Schlüssel auf den Misthaufen werfen, so daß ihn niemand findet. Ihr sollt niemals nachschauen, ob ich noch am Leben bin, und den Keller niemals aufsperren. Wenn Ihr mir versprecht, diese Bedingungen genau zu erfüllen, und mir die Hand darauf gebt, schenke ich Euch mein ganzes Geld.« Der Gastwirt ging darauf ein und versprach, alles zu erfüllen. Der junge Mann gab ihm sein ganzes Geld, nahm seine Gebetriemen, den Gebetmantel, ein Brot und einen Krug Wasser und ging damit in den Keller. Der Gastwirt verschloß den Keller und warf den Schlüssel auf den Misthaufen. Es verging eine lange Zeit, und der Gastwirt dachte nicht mehr an den jungen Mann; er sah auch nie im Keller nach und hielt so sein Versprechen ein.

Um diese Zeit starb in einer großen Stadt ein berühmter und frommer Rabbi. Und er hinterließ keinen Sohn, der sein Amt übernehmen könnte. Die Gemeinde beschloß, zwei gelehrte und kluge Männer als Boten auszusenden, damit sie das ganze Land bereisen und einen Gelehrten suchen, der würdig wäre, das Amt des Rabbi in ihrer Stadt zu übernehmen. Die Boten fuhren von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, hielten sich überall einige Tage auf und fragten nach einem frommen und gelehrten Mann. So kamen sie auch in jenes Dorf und in das Wirtshaus, in dessen Keller vor Jahren der junge Mann eingeschlossen wurde. Die Boten übernachteten im Wirtshause und kamen am nächsten Morgen mit dem Gastwirt ins Gespräch. Sie fragten ihn auch, ob er nicht einen frommen und gelehrten Mann wüßte, der würdig wäre, in ihrer Stadt Rabbi zu sein. Da erinnerte sich der Gastwirt an den jungen Mann, den er in seinen Keller eingesperrt hatte, und es schien ihm, daß dieser der geeignete Mensch sei. Den Boten erzählte er aber davon kein Wort. Doch die Boten, die kluge Männer waren, merkten gleich, daß der Gastwirt verlegen wurde und daß er etwas wußte. Sie begannen ihn zu bitten, daß er ihnen sage, was er wisse, doch der Gastwirt wollte nichts sagen.

Einer von den Boten ging auf den Hof hinaus und trat vor den Misthaufen. Da sah er einen Schlüssel liegen. Er hob den Schlüssel auf, brachte ihn in die Stube und sagte zum Gastwirt: »Es ist doch sonderbar, daß ein Schlüssel, der wohl zu einer Stube gehört, auf dem Misthaufen liegt!« Der Gastwirt nahm den Schlüssel in die Hand und erkannte, daß es der Schlüssel vom Keller war. Und er erschrak sehr, weil er begriff, daß es eine himmlische Fügung war. Die Boten sahen, daß sich sein Gesicht veränderte, als er den Schlüssel wiedererkannte, und baten ihn sehr, daß er ihnen alles erzähle. Und er erzählte ihnen die ganze Geschichte vom jungen Mann, der ihm so fromm und gottesfürchtig schien und der sich mit seinen Gebetsachen, einem Brot und einem Krug Wasser im Keller einsperren ließ: »Es ist kaum möglich, daß er noch am Leben ist. Und wenn er noch am Leben ist, so ist es ein Zeichen, daß er ein göttlicher Mensch ist.«

Die Boten und der Gastwirt gingen zum Keller, sperrten ihn auf und begannen die Stufen hinabzugehen. Da kam ihnen aber der junge Mann, angetan mit Gebetmantel und Gebetriemen, selbst entgegen und begrüßte sie. Die Boten sprachen ihn mit Rabbi an und legten ihm ihre Bitte vor, in ihre Stadt als Rabbi zu kommen; sie sagten ihm, daß sie auf alle seine Bedingungen eingehen würden. Der junge Mann antwortete ihnen: »Ich will Euer Rabbi sein. Doch es ist mir unmöglich, gleich auf der Stelle zu Euch zu reisen. Aber ich verspreche Euch, an dem und dem Tag dieses und dieses Monats zu Euch zu kommen.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von ihnen, stieg wieder in den Keller hinab und befahl dem Gastwirt, den Keller wieder zu verschließen.

Die Boten reisten heim und freuten sich, daß sie einen so heiligen und göttlichen Mann als Rabbi gewonnen hatten. Der festgesetzte Tag rückte heran. Die vornehmsten Leute der Stadt gingen dem neuen Rabbi entgegen und empfingen ihn mit den größten Ehren. Und man führte ihn in einen Festsaal, den man für ihn vorbereitet hatte. Die Leute hatten schon von den Boten gehört, daß der Rabbi in einem Keller gelebt hatte und daß er ein göttlicher Mann ist; darum blickten sie zu ihm mit Ehrfurcht empor. Und er regierte als Rabbi, und man folgte ihm in allen Dingen, weil man sah, daß alle seine Entschlüsse stets in Erfüllung gingen. Auch aus fremden Städten reisten die Leute zu ihm, damit er sie segne, denn sein Ruhm war groß im ganzen Lande.

Nun wollen wir auf die Mutter des Rabbi zurückkommen. Sie saß eine lange Zeit als verlassene Frau da und konnte kein einziges Rabbinergericht finden, das ihren verschollenen Mann für tot und die Ehe für aufgehoben erklären wollte. Sie konnte also nicht wieder heiraten und mußte ihr Leben vertrauern. Weder ihr Reichtum noch ihr Leben freute sie. Als sie einmal hörte, daß in eine große Stadt ein neuer Rabbi eingezogen sei, von dem man verschiedene Wunder erzählte, kam ihr der Gedanke, zu diesem Rabbi zu reisen und ihm ihren Fall zu erzählen; vielleicht würde er ihr helfen können: er würde ihr seinen Segen geben, und ihr verschollener Mann würde bald zu ihr zurückkehren; oder er würde ihr sagen, wo sich ihr Mann befindet. Sie reiste also in die große Stadt und kehrte in ein Gasthaus ein. Beim Gastwirt erkundigte sie sich nach dem neuen Rabbi, und dieser berichtete ihr von einigen Wundern, die der Rabbi verrichtet hatte; er sagte ihr auch, daß der Rabbi erst seit kurzem in dieser Stadt sei, daß viele Leute zu ihm mit ihren Anliegen kämen und daß er allen helfe. Der Gastwirt riet der Frau, zum Rabbi zu gehen und Geld mitzunehmen, um es seinen Dienern zu geben, damit sie sie vorließen.

Doch der Rabbi erfuhr durch seinen heiligen Geist, daß seine Mutter in die Stadt gekommen war und ihn besuchen wollte. Und er gab seinen Dienern den strengsten Befehl: falls eine Frau kommt, die so und so aussieht und zum Rabbi vorgelassen zu werden verlangt, soll man sie um nichts in der Welt vorlassen; selbst wenn sie noch so sehr weinen oder Geld anbieten würde. So geschah es auch. Die Frau zog ihre teuersten Kleider an und ging zum Rabbi. Und sie bot seinen Dienern viel Geld, wenn sie sie vorlassen würden. Doch die Diener stießen sie zurück. Als sie sah, daß alle andern Leute, wie Männer so Weiber, vorgelassen wurden, war sie sehr betrübt und fing zu weinen an und sagte: »Warum bin ich ärger als alle andern Juden?« Und die Diener mußten ihr erzählen, daß der Rabbi selbst ihnen befohlen hatte, sie um nichts in der Welt vorzulassen. Sonst hätten sie sie ganz gewiß vorgelassen; sie könnten also nichts dafür.

Die Frau kam sehr betrübt in ihr Gasthaus zurück und erzählte dem Gastwirt von ihrem großen Kummer. Der Mann hatte Mitleid mit ihr und gab ihr den Rat, es am nächsten Tage wieder zu versuchen, doch nicht in ihrer reichen Kleidung, sondern in ärmlichen Kleidern: dann würden sie die Diener nicht wiedererkennen. Sie tat so und ging am andern Tag in ärmlicher Kleidung wieder hin. Und es gelang ihr zugleich mit den andern Leuten zum Rabbi zu kommen.

Als der heilige Rabbi fühlte, daß seine Mutter zu ihm gekommen war, stand er erschrocken auf und begann zu weinen und zu schreien: »Herr der Welt, warum tust du mir das an?« Die Leute konnten gar nicht verstehen, warum der Rabbi so weinte und schrie. So weinte er vor dem Herrn, gelobt sei sein Name. Die Frau verlor im gleichen Augenblick die Besinnung, fiel zu Boden und starb. Alle Leute, die dabei waren, erschraken. Und man hob die Frau auf, trug sie in ein anderes Zimmer und versuchte sie wieder zur Besinnung zu bringen. Doch sie war tot. Der Rabbi ließ sie begraben und verrichtete alle Trauergebräuche, die man nach dem Tode einer Mutter verrichtet.

Das erfuhr der Baal-Schem durch seinen heiligen Geist und reiste mit seinen Schülern hin, um den Rabbi, der ein frommer Gelehrter und ein Bastard war, in seiner Trauer zu trösten. Die Verdienste der beiden Heiligen mögen uns beistehen. Amen.

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