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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 8
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8. Wie der Baal-Schem ins Heilige Land reisen wollte

Der heilige Baal-Schem wollte mit seiner Tochter und mit Rabbi Hirsch Sofer ins Heilige Land reisen und kam gerade vor dem Pessachfeste in Konstantinopel an. Da ihn dort noch niemand kannte, wurde er nirgends eingeladen und hatte nichts, um das Fest feiern zu können. Am Vorabend des Festes fragte ihn seine Tochter: »Was werden wir an den Feiertagen tun? Wir haben ja nichts von den Sachen, die man zum Feste braucht!« Und der Baal-Schem erwiderte darauf: »Der Herr, gesegnet sei sein Name, wird uns helfen.«

Den ganzen letzten Tag vor dem Feste verbrachte der heilige Rabbi im Bethause, und seine Tochter blieb in der Wohnung, die sich der Rabbi in Konstantinopel gemietet hatte. Und als es schon dunkelte, kam ein polnischer Jude gefahren und fragte überall nach: »Wo wohnt hier Rabbi Israel Baal-Schem aus Polen?« Und man zeigte ihm das Haus. Er fuhr mit seiner Frau hin und fragte des Rabbis Tochter, wo ihr Vater sei. »Im Bethause«, antwortete sie. Darauf fragte er: »Ist es mir nicht möglich, mit euch das Fest zu verbringen? Ich habe alles, was notwendig ist, mit auf meinem Wagen. Ich möchte das Pessachfest gern mit dem heiligen Rabbi feiern.« Und sie antwortete: »Ihr könnt dableiben, mein Vater wird nichts dagegen haben.«

Der Gast ließ alles von seinem Wagen heruntertun, packte aus und zündete zu Ehren des Festes viele Lichter an. Auch bereitete er einen schönen Ehrensitz für den heiligen Rabbi. Darauf ging er ins Bethaus, und als er wieder zurückkam, warteten sie noch eine Weile auf den Baal-Schem, der im Bethause zurückgeblieben war; denn er pflegte sehr lange zu beten.

Als der heilige Baal-Schem spät am Abend aus dem Bethause zurückkam, sagte er zu niemandem ein Wort, sondern sprach sofort das Kidduschgebet über den Wein und setzte sich zum Pessachmahl, wie es sich gehört. Erst nach dem zweiten Becher Wein begrüßte er den Gast und sagte ihm: »Ich kenne dein Verlangen: du hast keine Kinder. Da du mir aber diese Freude verschafft hast, schwöre ich dir, daß du noch in diesem Jahre ein Kind bekommen wirst, einen Sohn von deinem Weibe, das neben dir sitzt!«

Und der Gast sagte: »Mein halbes Vermögen würde ich darum geben!« Und sie saßen noch länger beisammen und waren guter Dinge.

Da hörte aber der Baal-Schem eine Stimme vom Himmel, daß er, Rabbi Israel Baal-Schem, seines Anteiles am ewigen Leben verlustig geworden sei, weil er geschworen habe, daß sein Gast einen Sohn gebären werde; dieser Mann sei aber von Geburt auf zeugungsunfähig und seine Frau unfruchtbar. Doch da er es schon einmal geschworen habe, wolle man im Himmel nicht, daß er meineidig werde; also werde man die Zeugungsunfähigkeit des Mannes und die Unfruchtbarkeit der Frau rückgängig machen; doch er, Baal-Schem, habe sein Seelenheil verscherzt.

Als der Baal-Schem dieses Urteil hörte, war er nicht im mindesten bestürzt, er war sogar erfreut und sagte zu sich selbst: »Nun kann ich dem Allmächtigen noch besser dienen, als ich es bisher getan habe, nämlich ganz ohne Lohn, wie es auch geschrieben steht: &›Seid wie die Knechte, die ihrem Herrn ohne Lohn dienen!‹« Und er sagte zu seinem Gast: »Ich wußte zwar nicht, daß du zeugungsunfähig bist. Sei aber unbesorgt: meine Worte werden mit Gottes Hilfe in Erfüllung gehen.«

Und da der Baal-Schem beschlossen hatte, auch fernerhin dem Herrn, ganz ohne Lohn, zu dienen und sich darüber sogar freute, erging ein neuer Befehl vom Himmel, ihm alle seine Verdienste und auch seinen Anteil am ewigen Leben wiederzugeben.

Sie verbrachten alle zusammen die beiden ersten Pessachtage, und am ersten Zwischenfeiertage reiste der Gast sehr vergnügt nach Hause ab. Der Baal-Schem wollte an diesem selben Tage nach dem Heiligen Lande weiterreisen. Da es aber gerade kein Schiff gab, sagte er zu Rabbi Hirsch Sofer: »Wenn du willst, breite ich mein Tuch auf dem Wasser aus, und wir fahren darauf über das Meer ebenso schnell wie mit einem Schiff. Du mußt nur während der Fahrt ununterbrochen die göttlichen Worte im Sinne haben, die ich dich zuvor lehren werde. Wenn du aber auch nur für einen Augenblick diese Worte vergißt, sind wir verloren. Doch da es sich um eine Reise ins Heilige Land handelt, will ich gern mein Leben aufs Spiel setzen.«

Aber Rabbi Hirsch Sofer wollte nicht zugeben, daß der heilige Baal-Schem sein Leben aufs Spiel setze, und sagte: »Nein, ich will nicht. Wollen wir lieber warten, bis es ein Schiff gibt.« Und wie sie weiter durch den Hafen von Konstantinopel gingen, fanden sie auch wirklich ein gutes Schiff, das gerade nach dem Heiligen Lande abgehen sollte.

Sie bezahlten dem Kapitän die Überfahrt und gingen alle aufs Schiff. Das war am Abend des ersten Zwischenfeiertages von Pessach. Und am nächsten Morgen erhob sich ein Sturm, das Schiff wurde durch den Wind von der Fahrtrichtung abgetrieben, und niemand wußte, wohin es trieb. Der Baal-Schem betete sehr inbrünstig zu Gott, und am zweiten Tage legte sich der Sturm, und das Schiff kam zu einer Insel. Der Kapitän ließ die Anker werfen, und alle Fahrgäste gingen ans Ufer. Auch der Baal-Schem und Rabbi Hirsch lustwandelten auf der Insel; sie gingen aber zu weit und verirrten sich, so daß sie den Rückweg nicht mehr finden konnten. Und der Baal-Schem sagte: »Das ist nicht ohne Grund, das muß irgendeine Bedeutung haben!« Und wie sie weitersprachen, wurden sie von Räubern überfallen, die sie fesselten, um sie nachher umzubringen. Die Räuber spürten aber Hunger; darum legten sie die Gefesselten nebeneinander auf den Boden, setzten sich ihnen gegenüber und begannen zu essen.

Da sagte Rabbi Hirsch Sofer zum heiligen Baal-Schem: »Warum handelt Ihr jetzt nicht so, wie Ihr könnt? Ist denn jetzt die Zeit zu schweigen?« Und der heilige Baal-Schem antwortete darauf: »Ich weiß gar nicht, was ich tun soll, denn mir ist meine ganze Kraft genommen worden. Wenn du noch etwas von dem, was ich dich gelehrt habe, weißt, so erinnere mich bitte daran!« Und Rabbi Hirsch sagte: »Ich habe alles vergessen. Nur das Alphabet weiß ich noch.« Da rief der Baal-Schem aus: »Was schweigst du? Sprich doch mit mir das Alphabet!«

Und Rabbi Hirsch Sofer begann das hebräische Alphabet aufzusagen: »Aleph, Bejs, Gimmel usw.« Und der Baal-Schem sprach es mit großer Inbrunst und sehr laut nach. Er sagte: »Das sind die heiligen Buchstaben, mit denen die heilige Thora geschrieben ist!« Und während er die Buchstaben aufsagte, gewann er seine Kräfte wieder, so daß er die Fesseln hätte zerreißen können. Doch in diesem Augenblick begann eine Glocke zu läuten, und die Räuber liefen erschrocken davon. Es kam ein alter Schiffskapitän, der ihre Fesseln löste und sie auf sein Schiff nahm. Das Schiff brachte sie nach Konstantinopel zurück, und der Baal-Schem begriff, daß es dem Himmel nicht gefällig war, ihn nach dem Heiligen Lande reisen zu lassen. Und sie reisten beide heim. Ihr Segen ruhe auf uns. Amen.

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