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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 6
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6. Auferweckung der toten Braut

Der heilige Baal-Schem war einmal mit seinen Leuten auf der Reise. Da befahl er plötzlich, einen neuen, ihnen unbekannten Weg zu fahren, und niemand begriff, was er vorhatte. So fuhren sie eine ganze Woche, und an einem Mittwochabend hielten sie bei einem Wirtshause, wo sie auch zur Nacht blieben. Der Wirt fragte sie, wer sie seien, und der Baal-Schem antwortete: »Ich bin ein berühmter Prediger. Ich hörte, daß ein sehr reicher Mann in Berlin seine Hochzeit feiert, und will auf Sabbat hinkommen; vielleicht werde ich dort etwas Geld verdienen können.« Und der Wirt entgegnete: »Was sprecht Ihr? Von hier bis Berlin sind noch fünfzig Meilen. Wie wollt Ihr es machen, um noch bis Sabbatanbruch hinzukommen?« Und der Baal-Schem darauf: »Ich habe ein sehr gutes Pferd und werde vor Sabbatanbruch in Berlin sein.« Der Wirt lachte und sagte: »Das ist ganz unmöglich! Außer Ihr werdet durch die Lüfte fliegen.« Und der Baal-Schem wiederholte: »Ich sage Euch, daß wir zu Sabbat in Berlin sein werden.«

Der Wirt erinnerte sich, daß er in einer Stadt, die einige Meilen weit auf der nach Berlin führenden Straße lag, zu tun hatte, und er sagte sich: »Ich will doch lieber zusammen mit dem Prediger bis zur Stadt, in der ich zu tun habe, fahren. So werde ich vor Sabbat ankommen. Denn bis Berlin wird der Prediger sicher nicht kommen.« Und er sagte zum Rabbi: »Vielleicht könnt Ihr mich mitnehmen? Auch ich habe in Berlin zu tun.« Und der Baal-Schem versprach, ihn mitzunehmen.

Am nächsten Morgen betete der Rabbi ebensolange wie immer und ließ sich dann Essen kochen. Der Wirt sagte: »Was säumt Ihr noch, wenn Ihr zu Sabbat in Berlin sein wollt?« Doch der Baal-Schem beeilte sich gar nicht. Erst gegen Abend fuhren sie ab, und der Wirt fuhr mit. Sie fuhren die ganze Nacht durch, und als der Wirt am Morgen sich umsah, erkannte er die Gegend bei Berlin, und bald waren sie wirklich in Berlin. Der bestürzte Wirt wußte nicht, was er sich davon denken sollte.

Der heilige Baal-Schem zog in eine Herberge, die sehr weit von der Wohnung des Reichen lag, der Hochzeit feierte. Und der Wirt ging in der Stadt herum und wußte nicht, was er da tun sollte. Plötzlich hörte er die Leute erzählen, daß die Braut des Reichen in Ohnmacht gefallen sei und daß man sie nicht zur Besinnung bringen könne. Alle Leute liefen hin, und der Wirt lief auch hin. Und er sah, daß die Braut wie tot dalag und daß viele Ärzte sich um sie zu schaffen machten. Der Bräutigam war mehr tot als lebendig und wußte nicht, was er anfangen sollte. Doch der Wirt, der mit dem Baal-Schem angekommen war, sagte ihm: »Sei unbesorgt. Ich bin gestern nachts aus einer Stadt fortgefahren, die fünfzig Meilen von hier liegt, und war schon heute früh hier. Schicke nach dem Mann, der mich hergebracht hat: ich hörte, daß er auch Krankheiten heilt; vielleicht wird er deiner Braut helfen können.«

Und der Bräutigam lief zum Baal-Schem und bat ihn, er möchte sich seine Braut ansehen, und versprach ihm viel Geld. Doch der Rabbi wollte das Geld nicht nehmen. Er ging aber mit, und wie er die Braut ansah, sagte er zum Bräutigam: »Schicke sofort auf den Friedhof, daß man ihr ein Grab vorbereite!« Er befahl auch der Beerdigungsbrüderschaft, sich der Leiche anzunehmen. Und er sagte: »Ich werde mit euch zum Grabe gehen, und ihr werdet sehen, was geschehen wird.« Und er befahl, die für die Trauung vorbereiteten Kleider ebenfalls auf den Friedhof mitzunehmen.

Man machte alles so, wie er sagte. Im Trauerzuge ging auch der Baal-Schem, und ihm folgte die ganze Gemeinde, um zu sehen, was auf dem Friedhofe geschehen würde. Als man am Grabe anlangte, ließ der Baal-Schem die tote Braut ins Grab betten; das Grab sollte man aber nicht zuschütten. Dann mußten sich zwei starke Männer am Grabe, das Gesicht zur Toten gewandt, hinstellen, und er sagte ihnen: »Sobald ihr in ihrem Gesichte eine Veränderung sehen werdet, sollt ihr sie sofort aus dem Grabe herausziehen.« Er selbst beugte sich, auf seinen Stock gestützt, über das Grab und blickte auf die Tote.

Als sie so eine halbe Stunde gestanden hatten, bemerkten plötzlich die beiden Männer, daß das Gesicht der Braut sich zu röten begann. Der Baal-Schem gab ihnen ein Zeichen, und sie zogen sie sofort aus dem Grabe heraus. Der Baal-Schem schrie sie an: »Geh zur Trauung!« Und man führte sie zum Trauhimmel, und der heilige Baal-Schem mußte bei der Trauung den Segen sprechen. Als die Braut seine Stimme hörte, hob sie ihren Schleier auf und sagte: »Das ist der Mann, der mich vom Tode errettet hat!« Der Baal-Schem schrie sie aber an, und sie wurde still.

Nach der Trauung erzählte die Braut, wie es sich zugetragen hatte. Der reiche Mann war nämlich schon einmal verheiratet gewesen, und zwar mit der Muhme seiner jetzigen Braut. Als die Muhme erkrankt war und den Tod vor Augen sah, begriff sie, daß ihr Mann nach ihrem Tode das junge Mädchen heiraten würde, das sie in ihrem Hause großgezogen hatte. Sie war auf sie eifersüchtig und bat ihren Mann, ihr zu versprechen, das Mädchen nicht zu heiraten. Er versprach es ihr. Doch sie glaubte es ihm noch nicht, und er mußte ihr seine Hand darauf geben, und ebenso das junge Mädchen.

Sobald sie aber gestorben war, achteten beide auf das gegebene Versprechen nicht, sondern verlobten sich. Als das Mädchen schon unter dem Trauhimmel stand, wollte die Verstorbene sie töten, weil sie das Versprechen nicht gehalten hatte. Und als man sie ins Grab gebettet hatte, wurde der Fall vom himmlischen Gerichtshof dem heiligen Baal-Schem zur Entscheidung übergeben. Und der Baal-Schem entschied, daß die Lebenden recht haben. Denn sie mußten der Sterbenden das Versprechen geben, damit sie in ihrer Sterbestunde nicht unnötig leide. Mit den Worten: »Geh zur Trauung!« hatte er sie lebendig gemacht. Als sie später unter dem Trauhimmel stand und er den Segensspruch sprach, hatte sie seine Stimme wiedererkannt. Darum lüftete sie den Schleier, um ihn zu sehen.

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