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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 48
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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48. Die drei Geschichten des Rabbi Levi-Jizchok

Ein Mann mußte einmal aus seiner Stadt fliehen, weil er dem Gutsherrn den Pachtzins nicht bezahlen konnte. Er ließ seine ganze Familie (er hatte auch viele unverheiratete Töchter) zurück und verbrachte zwölf Jahre als Lehrer in der Fremde. Als er zwölf Jahre von seiner Heimat weggeblieben war und mit dem Stundengeben neunhundert Rubel verdient hatte, beschloß er, heimzureisen und seine Töchter zu verheiraten. Wie er durch Berditschew kam, ging er in das Bethaus des heiligen Rabbi Levi-Jizchok. Und er sah, mit welcher Andacht der Rabbi betete, und er fühlte, wie sein Herz sich an den heiligen Rabbi heftete. Nach dem Beten begrüßte der Rabbi den Fremden und lud ihn zu sich zum Essen ein.

Nach dem Essen sagte der Rabbi zum Lehrer: »Ich will dir drei Geschichten erzählen, wenn du sie mir gut bezahlst. Du mußt mir für jede Erzählung dreihundert Rubel im voraus geben.« Der Lehrer war erstaunt, doch er sagte sich: »Komme, was kommen mag. Ich kann mir ja auch sagen, daß ich um dreihundert Rubel weniger verdient habe.« Und er zahlte dem Rabbi dreihundert Rubel. Der Rabbi erzählte ihm darauf die erste Geschichte:

»Merke dir: wenn ein Mensch zwischen zwei Wegen zu wählen hat, so soll er den Weg zur rechten Hand wählen.«

Und gleich darauf sagte der Rabbi zum Lehrer: »Wenn du die zweite Geschichte hören willst, mußt du mir wieder dreihundert Rubel im voraus bezahlen.« Der Lehrer war sehr erstaunt über die erste Geschichte. Wer weiß, wie die zweite Geschichte sein wird! Da er aber den Rabbi mit seiner ganzen Seele liebte, zahlte er ihm die dreihundert Rubel, und Rabbi Levi-Jizchok erzählte die zweite Geschichte:

»Merke dir: ein alter Mann und ein junges Weib bedeuten einen halben Tod.«

Und der Rabbi fragte wieder: »Willst du auch die dritte Geschichte hören? Dann mußt du mir wieder dreihundert Rubel zahlen.« Der Lehrer raufte sich die Haare: was hat er da für Geschichten zu hören bekommen? Wie wird er nun nach Hause zu seinem Weibe und seinen erwachsenen Töchtern zurückkehren? Er hat ja jetzt im ganzen nur noch dreihundert Rubel. Soll er das Geld dem Rabbi geben? Oder soll er damit nach Hause fahren? Und was nützen ihm jetzt die dreihundert Rubel? Und er entschloß sich, die letzten dreihundert Rubel dem Rabbi zu geben, und Rabbi Levi-Jizchok erzählte ihm die dritte Geschichte:

»Merke dir: du sollst nichts glauben, was du nicht mit eigenen Augen gesehen hast.«

Und dann sagte ihm der Rabbi: »Jetzt gehe in Frieden. Der Herr gebe dir Glück!« Der Lehrer verließ den Rabbi ohne einen Pfennig Geld. Alles, was er während der zwölf Jahre zusammengespart hatte, hatte er nun für die drei schönen Geschichten ausgegeben. Soll er mit diesen Geschichten seine hungernde Familie speisen und seine Töchter verheiraten? Doch er hatte starkes Zutrauen zum Rabbi und sagte sich schließlich, daß an den drei Geschichten doch etwas sein müsse. Und er merkte sich gut die drei Geschichten. Nun ging er aus der Stadt und überlegte sich, ob er die Arbeit von vorne beginnen oder heimfahren sollte.

Wie er so ging und sich den Kopf zerbrach, holten ihn einige Männer ein und fragten ihn, ob er nicht eine Räuberbande gesehen hätte, die eben vorbeigelaufen sei, und welchen Weg die Räuber eingeschlagen hätten? Die Räuber hätten irgendwo eine sehr große Summe geraubt. Der Lehrer hatte zwar gar keine Räuber gesehen, aber ihm fiel die erste Geschichte des Rabbi Levi-Jizchok ein, und er sagte den Leuten, daß die Räuber nach rechts gelaufen wären. Die Verfolgenden schlugen den Weg nach rechts ein, ereilten die Räuber und nahmen ihnen das Geraubte weg. Dem Lehrer zahlten sie aber als Lohn sechshundert Rubel. Nun erkannte er den Wert der ersten Geschichte.

Der Lehrer setzte seinen Weg fort und kam abends zu einem Gasthause. Der Gastwirt war ein alter Mann und hatte eine junge Frau. Der Lehrer wollte im Gasthause übernachten, doch die Frau des Gastwirts ließ ihn nicht herein. Er suchte ein anderes Gasthaus im gleichen Dorfe, fand aber keins und kehrte zum ersten zurück. Das Gasthaus war aber schon versperrt, und der Lehrer legte sich draußen unter dem Dachvorsprunge schlafen. Denn er wußte, daß die Wirtin ihn nicht hereinlassen würde und daß der Wirt selbst krank in einem andern Zimmer lag. Gegen Mitternacht hörte der Lehrer, wie ein Wagen vorfuhr, dem einige Männer entstiegen. Sie klopften an, und die Wirtin ließ sie sofort ein. Dann hörte er, wie einer von den Leuten flüsterte: »Draußen liegt ein Mann. Vielleicht stellt er sich nur schlafend, um uns zu belauschen!« Ein anderer meinte: »Der Mann ist sicher betrunken.« Sie gingen hinaus und stießen den Lehrer hin und her; da er nicht erwachte, sagten sie sich, daß er gewiß betrunken sei. Sie kehrten in die Stube zurück und hielten Rat. Da erinnerte sich der Lehrer an die zweite Geschichte des Rabbi. Und als er sah, daß die Männer zum Zimmer gingen, wo der alte Mann schlief, um ihn im Einverständnis mit der Wirtin zu erschlagen, machte er großen Lärm und weckte den Mann. Die Mörder entflohen. Der Lehrer erzählte dem Wirt, was er gesehen und gehört hatte, und der Wirt fragte ihn: »Welchen Lohn willst du dafür, daß du mir das Leben gerettet hast?« Und der Lehrer antwortete: »Dreihundert Rubel, und außerdem den Lohn im Jenseits.«

Der Wirt gab ihm die dreihundert Rubel. Der Lehrer hatte also das ganze Geld, das ihm die drei Geschichten gekostet hatten, wieder.

Wie er sich seiner Heimat näherte, begann er sich bei den Leuten nach seiner Familie und seinem Hause zu erkundigen; doch er sagte niemand, wer er war. Er war ja zwölf Jahre ausgeblieben, und niemand erkannte ihn. Und man erzählte ihm, daß der Mann seit zwölf Jahren verschollen sei und daß die Frau inzwischen den rechten Weg verlassen habe und liederlich geworden sei. Doch der Lehrer erinnerte sich an die dritte Geschichte des Rabbi Levi-Jizchok, daß er nichts glauben solle, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Und er begriff, daß der Rabbi diesen Fall gemeint hatte. Und er verkleidete sich als Bettler und bat seine Frau um Unterkunft. Die Frau ließ ihn ein. Abends stellte sich der Mann betrunken, fiel unter den Tisch und tat so, als ob er schliefe. Nun hörte er, wie nachts jemand ans Fenster klopfte, und er sah, wie seine Frau einen schönen Jüngling einließ und sich mit ihm in einem andern Zimmer einschloß. Erst am Morgen ging der Jüngling fort. Und das wiederholte sich drei Nächte nacheinander. Der Lehrer wußte gar nicht, was er darüber denken sollte, denn er sah darin eine Bestätigung dessen, was ihm die Leute erzählt hatten. Aber er gedachte wieder der Worte des Rabbi Levi-Jizchok, daß er nur das glauben solle, was er mit eigenen Augen gesehen hätte. Und er wußte, daß der Rabbi in seinem heiligen Geiste alles vorausgesehen hatte und daß die dritte Geschichte sich auf diesen Fall bezog. Darum ging er von seinem Hause weg, kam nach einigen Tagen wieder, doch diesmal in seiner wahren Gestalt, und gab sich seinen Angehörigen zu erkennen. Die Freude war sehr groß. Die Frau rief nur in einem fort: »Mein Mann! Mein Mann!« Auch die Kinder freuten sich über die Rückkehr des Vaters. Doch der Lehrer schrie seine Frau an: »Was freust du dich so über meine Rückkehr? Die Leute erzählen ja über dich dies und das. Auch ich selbst habe mich davon überzeugt, denn ich sah, wie du an drei Nächten hintereinander einen Jüngling einließest.«

Die Frau antwortete aber darauf: »Du hättest nicht so voreilig urteilen sollen. Du erinnerst dich wohl noch, daß wir, als du von uns weggingst, noch ein kleines Söhnchen hatten? Dieses Kind nahm der Gutsbesitzer zu sich als Pfand für den Pachtzins, den du ihm schuldetest. Und das Kind ist beim Gutsbesitzer aufgewachsen. Ich überredete unsern Sohn, jede Nacht zu mir zu kommen, damit ich ihn in der Heiligen Schrift unterrichte und beten lehre. Sonst würde er ja als Christ aufwachsen. Und wenn du mir nicht glaubst, so kannst du dich mit eigenen Augen überzeugen: übernachte hier, und du wirst sehen, daß ich die Wahrheit spreche.« So war es auch. Der Jüngling klopfte nachts ans Fenster, und die Mutter ließ ihn ein und unterrichtete ihn wie jede Nacht. Nun begriff erst der Mann die Worte des Rabbi und erkannte den Jüngling als seinen Sohn. Die Freude darüber war sehr groß. Und der Mann bezahlte dem Gutsherrn seine Schuld, bekam seinen Sohn zurück und lebte mit seiner Frau vom Rest des Geldes.

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