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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 40
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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40. Bekehrung eines Denunzianten

In einer Stadt lebte einmal ein Denunziant, von dem alle Leute sehr zu leiden hatten. Der Denunziant war beim Gutsherrn, dem die Stadt gehörte, sehr beliebt. Er fürchtete sich aber, allein durch die Stadt zu gehen, weil er in der Stadt nur Feinde hatte. Darum gab ihm der Gutsherr zwei Kosaken mit, die ihn überall zu begleiten hatten.

Einmal erfuhr der Denunziant von einer Sache, von der er wußte, daß, wenn er sie dem Gutsherrn anzeigte, dieser ihn reich belohnen würde. Er spannte seinen Wagen ein und fuhr zum Gutsherrn; die beiden Kosaken fuhren mit. Als sie eine Meile weit gefahren waren, wurde es schon dunkel; bis zum Gutshofe war aber noch eine halbe Meile Wegs. Darum kehrte der Denunziant in ein Wirtshaus ein, um das Nachmittagsgebet zu sprechen. Wie er aber im Gebet der Achtzehn Segenssprüche zur Stelle kam: »Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt«, fiel ihm plötzlich sein Vorhaben ein: er fuhr doch zum Gutsherrn, um einige Juden anzuzeigen, die der Gutsherr grausam bestrafen würde. Während er das Gebet: »Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt«, sprach, hatte er die Absicht, eine neue Sünde zu begehen! Und als er noch mehr darüber nachdachte, begriff er, daß er gar tief in die Sünde hineingeraten war. Und er weinte sehr und leistete das Gelübde, nie wieder einen Juden beim Gutsherrn anzugeben, selbst wenn ihn dieser dafür in Stücke schneiden würde. Und dann sprach er das Gebet der Achtzehn Segenssprüche zu Ende.

Als die beiden Kosaken den Mann so stehen und weinen sahen, glaubten sie, er sei betrunken. Sie fragten im Wirtshause nach, doch man sagte ihnen, daß er noch keinen Tropfen Branntwein getrunken habe. Sie sprachen ihn an, doch er antwortete nicht, sondern fuhr fort zu beten und zu weinen. Sie warteten, bis er mit dem Gebet zu Ende war, und fragten ihn: »Was hast du?« Und er antwortete: »Mein Kopf tut mir weh, und ich will nach Hause zurückfahren.« Doch die Kosaken sagten: »Das geht nicht. Du mußt mit uns zum Gutsherrn fahren und ihm alles sagen, was du ihm zu sagen hast.« Der Mann versuchte die Kosaken mit Geld zu bestechen, sie wollten aber nichts annehmen und brachten ihn zum Gutsherrn. Wie er vor den Gutsherrn trat und dieser ihn fragte: »Nun, was gibt es Neues?«, antwortete er ihm: »Ich weiß nichts Neues: doch ich will bei dir Weizen kaufen.« Aber die Kosaken sagten dem Gutsherrn: »Als er mit uns von zu Hause wegfuhr, sagte er uns, daß er dir viel Neues zu erzählen habe. Später begann er in einem Wirtshause zu beten, zu weinen und zu jammern. Und dann sagte er uns, er wolle nach Hause zurückkehren.«

Als der Gutsherr dies alles hörte, geriet er in Zorn und begann den Juden zu schlagen, damit er ihm die Wahrheit sage. Doch der Jude nahm alle Schläge hin und sagte kein Wort. Nun versuchte der Gutsherr ihn im Guten zu überreden, doch der Mann wollte nichts sagen. Der Gutsherr befahl, ihm fünfzig Stockschläge zu geben, er nahm aber auch die Stockschläge hin und sagte nichts. Der Gutsherr ließ ihn hinauswerfen, die beiden Kosaken mußten aber bleiben, damit der Jude ohne Begleitung heimfahre. Der Jude setzte sich auf seinen Wagen, fuhr heim und freute sich über alles, was er erlitten.

Wie er durch einen Wald fuhr, hörte er plötzlich ein Jammern und Schreien um Hilfe. Er fuhr auf das Geschrei hin und erblickte eine nackte jüdische Frau. Sie stand da und schrie jämmerlich. Er fragte sie: »Was ist mit Euch?« und sie antwortete: »Ich fuhr mit meinem Mann aus. unserm Dorfe hierher, weil es bei uns im Dorfe kein Bad gibt. Ich habe mich ausgekleidet und bin in den Teich gegangen, um zu baden. Inzwischen ist das Pferd mit dem Schlitten, auf dem meine Kleider lagen, durchgegangen. Mein Mann lief weg, um das Pferd einzufangen. Als er lange nicht zurückkehrte, ging ich ihn suchen und verirrte mich dabei im Walde. Und nun bin ich halb erfroren.« Der Jude zog seinen Schafspelz aus, gab ihn der Frau, nahm sie zu sich auf den Wagen und brachte sie in ihr Dorf. Dann fuhr er, ihren Mann suchen, fand ihn und sagte ihm: »Euer Weib ist schon zu Hause.« Der Mann freute sich darüber und dankte ihm. Und dann fuhr ein jeder zu sich nach Hause.

Wie der bekehrte Denunziant nach Hause gekommen war, erkrankte er plötzlich sehr schwer. Die Leute der Stadt wußten nichts von seiner Bekehrung und freuten sich sehr, als sie von seiner Erkrankung hörten, denn er hatte ihnen früher viel Böses getan. Sie meinten, er würde sterben, und sie wollten ihm nach seinem Tode Schimpf und Schande antun.

Der Mann starb auch wirklich am Abend desselben Tages. Doch der Rabbi der Stadt war ein heiliger Mann, und er wollte nicht leiden, daß man dem Denunzianten nach seinem Tode Schimpf antue. Darum ließ er in der Stadt ansagen, daß kein Mensch sich dergleichen erlauben dürfe. Die Leute mußten sich fügen, doch bei der Beerdigung ging die ganze Stadt mit, und alle dankten Gott, daß sie nun vom Denunzianten erlöst seien.

Am nächsten Morgen kam in die Stadt der Mann, dessen Frau der Denunziant gerettet hatte, und befragte den Rabbi, ob er mit ihr noch weiter zusammenleben dürfe, denn sie hätte eine ganze Nacht mit dem Denunzianten allein verbracht; dieser war aber bei Lebzeiten ein großer Sünder gewesen; und der Mann wußte nicht, ob der Denunziant sich nicht an seiner Frau versündigt habe. Der Rabbi konnte ihm keinen Rat geben und betete zu Gott, daß er ihm die Antwort im Traume eingeben möchte. Und vom Himmel ward ihm der Bescheid, daß die Frau rein sei; da der Denunziant Buße getan habe, hätte man ihm zur Belohnung die Gelegenheit verschafft, eine Menschenseele vom Tode zu retten; da man aber fürchtete, der Mann könnte wieder auf Abwege geraten, habe man seinen Tod beschleunigt. Nun sei er im Paradiese.

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