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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 4
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4. Noch ein Fall von Seelenwanderung

Rabbi Jizchak Luria, der Begründer der Kabbala, war einmal zu einer Hochzeit geladen. Der Bräutigam war ein berühmter junger Gelehrter, ein sehr frommer Mann, heilig und rein von Sitten, ausgezeichnet durch Gottesfurcht und alle Tugenden. Nach der Trauung war ein großes Festmahl. Als der Neuvermählte sich ein Stückchen Huhn nahm, blieb ihm ein Knochen im Halse stecken, so daß er daran erstickte und starb.

Alle Anwesenden jammerten und weinten, nur Rabbi Jizchak allein weinte nicht und schien sogar erfreut. Alle waren darob sehr erstaunt und fragten den heiligen Rabbi, warum er so froh sei. Darauf antwortete der Heilige:

»Wisset, daß die Seele des jungen Mannes soeben nach allen Verwandlungen für immer erlöst wurde. Der junge Mann war schon in einem früheren Dasein ein frommer, reiner und heiliger Mann gewesen, ausgezeichnet durch alle Tugenden, und hatte bei Lebzeiten alle Makel, die seiner Seele von früheren Verwandlungen anhafteten, reingewaschen. Und daß dieser heilige Mann dennoch eine neue Verwandlung durchmachen mußte, hatte folgende Ursache.

Der Mann war in seinem vorigen Dasein ein Stadtrabbiner und hatte als solcher über verschiedene rituelle Fragen zu entscheiden. Um jene Zeit irrte aber in der Welt eine unerlöste Seele umher. Da erging ein Beschluß des himmlischen Gerichtshofes, daß diese Seele in einen reinen, koscheren Vogel kommen soll; und daß, wenn der Vogel die Gnade findet, von einem heiligen und frommen Mann am Sabbat oder bei einem Fest verzehrt zu werden, sie endgültig erlöst werden soll. Und so geschah es: die Seele kam in ein Huhn, das von einem gottesfürchtigen Gelehrten zum Sabbat gekauft wurde. Der Seele war dadurch eine große Gnade geschehen, und sie glaubte sich schon erlöst. Doch die Köchin des Gelehrten hatte irgendeinen Zweifel, ob das Huhn ordnungsgemäß geschächtet sei und ob man es essen dürfe. Sie ging darum, wie es üblich ist, zum Stadtrabbiner, damit er über diese Frage entscheide. Der Stadtrabbiner untersuchte das Huhn nicht sorgfältig genug und entschied, daß man es nicht essen dürfe, obwohl er bei näherer Untersuchung hätte zugeben müssen, daß es durchaus koscher sei. So blieb die arme Seele unerlöst und mußte noch weiter in der Welt umherirren. Sie trat vor den himmlischen Gerichtshof und erhob Anklage gegen den heiligen Rabbiner: dieser hätte die Schuld, daß sie noch unerlöst sei; denn sie habe wirklich die Gnade gehabt, von einem gottesfürchtigen Mann zum Sabbat gekauft zu werden, sie sei auch wirklich koscher gewesen und hätte somit die sichere Aussicht gehabt, erlöst zu werden; doch der fromme Rabbiner habe durch sein Urteil die Sache verdorben; der himmlische Gerichtshof möge ihn daher verurteilen.

Und der himmlische Gerichtshof beschloß, daß der fromme Rabbiner noch eine Verwandlung durchmachen müsse, um in seinem neuen Dasein die Seele zu erlösen. Und die unerlöste Seele kam wieder in einen Vogel, nämlich in das Huhn, das der fromme Gelehrte bei seiner Hochzeit verzehren sollte. Als der Gelehrte das Huhn zu verzehren begann, wurde die arme Seele sofort erlöst; auch er selbst hatte nichts mehr auf dieser Welt zu tun, da er den Zweck dieses Daseins erfüllt hatte. Selig ist seine Seele, die in jungen Jahren alles erfüllt hat, was sie zu erfüllen hatte!«

Daraus kann man lernen, daß man nicht trauern soll, wenn ein frommer Mann in jungen Jahren stirbt. Denn der Herr ist gerecht und weiß, was für die Menschenseele gut ist. Dasselbe zeigt uns auch folgendes Gleichnis:

Ein König hatte eine Tochter, die er sehr liebte. Er wollte, daß sie alle Weisheit der Welt erlerne, und schickte sie daher in ein fernes Land, wo sie bei Weisen lernen sollte. Die andern Schüler und Schülerinnen der Weisen gewannen sie sehr lieb und lebten mit ihr freundschaftlich wie mit einer Schwester. Als die Königstochter ausgelernt hatte, ließ sie ihr Vater, der König, wieder abholen, denn er wollte, daß sie in seinem Königsschlosse unter Würdenträgern, Prinzen und Prinzessinnen wohne und nicht in der Fremde, unter einfachen Leuten. Doch die Königstochter hatte sich an das fremde Land gewöhnt und ihre Freunde liebgewonnen, und ebenso hatten diese sie liebgewonnen. Die Trennung fiel allen sehr schwer, und die Königstochter weinte sehr, weil sie von ihren Freunden wegziehen mußte, und die Freunde weinten, weil sie sie verließ. Ein Weiser sagte aber ihnen: »Was weint ihr jetzt? Ihr solltet euch doch freuen, daß sie ausgelernt hat und ins Königsschloß zurückkehren darf, um an der Seite des Königs zu sitzen! Ihr wißt ja, daß sie eine Königstochter ist und daß der König sie hergeschickt hat, damit sie Weisheit lerne, um später zwischen Würdenträgern und Prinzessinnen sitzen zu können. Da sie das nun erreicht hat und zum Königshofe kommt, sollt ihr nicht weinen! Ihr müßt euch freuen, daß eure geliebte Schwester zu solchen Ehren kommt, und wenn es euch auch dünkt, daß die Trennung zu schnell gekommen ist und daß sie noch länger bei euch hätte bleiben sollen. Wißt aber, daß sie in der kurzen Zeit so viel gelernt hat, wie andere in vielen Jahren lernen. Darum sollt ihr nicht trauern und nicht weinen!«

Die heilige Menschenseele ist die Königstochter; sie ist vom Schöpfer – gelobt sei Er, und gesegnet sei sein Name! – auf diese Welt gesandt, um Thora zu lernen und göttliche Gebote zu erfüllen; und wenn sie das alles erfüllt hat, nimmt sie der Herr wieder zu sich, und wenn das auch in ihren jungen Jahren geschieht, darf der Mensch dagegen nicht murren, denn der Herr ist gerecht, und seine Urteile sind gerecht. Der Herr sei uns gnädig und lasse uns viele gute und gottgefällige Werke tun. Amen.

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