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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 34
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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34. Eine Bekehrung

Rabbi Pinchos von Korez hatte in vielen Städten Anhänger, die durch jährliche Zahlungen für seinen Lebensunterhalt sorgten. Der Rabbi stellte alljährlich eine Liste zusammen mit den Beiträgen, die jeder einzelne zu zahlen hatte, und zwei seiner Schüler bereisten mit dieser Liste die Städte und Dörfer und sammelten die Gelder ein. Einmal setzte der Rabbi auf seine Liste statt eines gewissen reichen Mannes, der ihm immer viel zu zahlen pflegte, dessen Sohn. Die Schüler wunderten sich darüber sehr. Doch als sie in die Stadt kamen, wo der Reiche wohnte, erfuhren sie, daß er soeben gestorben war und sein Sohn das ganze Vermögen geerbt hatte. Dieser Sohn zahlte dem Rabbi den Betrag, der auf der Liste stand.

Einige Jahre später setzte der Rabbi auch diesen Sohn nicht mehr auf seine Liste. Die Schüler erschraken sehr, denn sie erinnerten sich noch, was geschehen war, als der Rabbi den Vater nicht eingetragen hatte. Wie sie in die Stadt kamen und sich bei den Leuten nach dem Manne erkundigten, sagten die Leute: »Sprecht lieber nicht von ihm: er ist mit seiner ganzen Familie dem jüdischen Glauben abtrünnig geworden und hat in Kleidung und Essen alle Gebräuche der Christen angenommen.« Und als die Schüler fragten, wieso das geschehen sei, gab man ihnen zur Antwort: »Das kommt davon, daß sein Vater nur mit christlichen Gutsbesitzern zu handeln pflegte. Als der junge Mann alle Geschäfte übernahm, gewöhnte er sich auch alle Sitten der Gutsbesitzer an.«

Nach einigen Jahren setzte der Rabbi diesen Mann wieder auf seine Liste. Die Schüler wunderten sich darüber sehr, denn sie hatten jedes Jahr gehört, daß der Betreffende sich vom jüdischen Glauben immer mehr und mehr entfernte. Als sie in die Stadt kamen und sich nach dem Manne erkundigten, sagte man ihnen, daß er sich ganz plötzlich bekehrt hätte, daß er und seine Angehörigen sich wieder nach jüdischer Sitte kleideten und daß ihre ganze Lebensführung rein und jüdisch geworden sei; doch die Ursache dieser Bekehrung wußte niemand anzugeben. Die Schüler begaben sich sofort zum Manne; er ging ihnen entgegen, empfing sie mit großen Ehren und fragte, mit welcher Summe er auf der Liste stünde. Und die Schüler sagten ihm: »Wir wollen dich nach einer geheimen Sache fragen. Solange du nicht auf der Liste des Rabbi standest, hörten wir, daß du auf schlechten Wegen wandeltest. Und nun hat dich der Rabbi wieder auf seine Liste gesetzt.« Der Mann antwortete:

»Ich will euch die ganze Wahrheit sagen, wie sich alles zugetragen hat. Eines Tages schlief ich bei mir zu Hause ein, und es träumte mir, daß ich auf einer Reise sei: denn ich bin ja gewohnt, in meinen Geschäften viel zu reisen. Und es träumte mir, daß ich Hunger bekommen hätte. Schließlich kam ich in eine Stadt, kehrte in ein Gasthaus ein und ließ mir sofort Essen geben, sogar eine Speise, die uns Juden verboten ist. Kaum hatte man mir das Essen aufgetragen, als zu mir ein Mann kam und mir sagte: &›Ich komme, Euch vors Gericht zu rufen, denn es ist jemand da, der eine Klage gegen Euch hat.‹ Ich sagte darauf: &›Wenn jemand von mir etwas zu fordern hat, so soll er zu mir kommen und mir meinen Schuldschein vorzeigen. Dann werde ich ihn bezahlen; aber vors Gericht gehe ich nicht.‹ Doch der Mann erwiderte: &›Wenn sich jemand mit Euch vor dem Gerichte auseinandersetzen will, so ist es doch besser, wenn Ihr mir folgt und hingeht.‹ Da der Mann mir große Ehrfurcht einflößte, ließ ich mein Essen stehen und ging zum Gericht. Vor der Gerichtsstube kam mir ein Diener entgegen und sagte mir: &›Es ist wahr, daß man Euch vors Gericht geladen hat. Doch der Gerichtshof hat jetzt keine Zeit. Geht nach Hause und kommt später wieder.‹ Ich ging also in mein Gasthaus zurück und ließ mir wieder mein Essen geben. Doch bevor ich es noch anrührte, kam der Mann wieder und rief mich wieder zum Gericht. Ich wurde zornig und sagte ihm, daß ich soeben dort gewesen sei und daß man mich nach Hause geschickt habe. Der Mann hatte aber auf mich solchen Einfluß, daß ich mein Essen wieder stehen ließ und zum Gericht ging. Dort kam mir wieder der Diener entgegen und sagte mir, daß der Gerichtshof noch immer keine Zeit habe und daß ich später wiederkommen solle. Ich wurde sehr böse; wie ich aber ins Gasthaus zurückkam und mir das Essen wieder auftragen ließ, kam der gleiche Mann zum drittenmal und rief mich wieder vors Gericht. Diesmal wollte ich schon um keinen Preis mitgehen; da mich aber der Mann versicherte, daß man mich nun bestimmt vorlassen würde, und da er mir großes Vertrauen einflößte, ging ich schließlich doch mit. Nun ließ man mich wirklich vor. Ich kam in einen sehr schönen Saal, und um einen Tisch herum saßen mehrere Greise von sehr ehrwürdigem Aussehen. Einer von ihnen sagte mir: &›Es ist hier jemand da, der eine Klage gegen dich vorbringen will.‹ Aus einer Seitentüre trat nun ein Mensch herein, der alle meine Sünden und Vergehen, die ich je begangen, und besonders diejenigen, die ich in den letzten Jahren begangen hatte, aufzuzählen begann. Viele von den Sünden hatte ich schon vergessen, doch der Mann erinnerte mich an jede einzelne von ihnen, so daß ich nichts zu leugnen vermochte. Als er fertig war, stand ich da und zitterte. Da sprach einer der Greise zu den andern: &›Was wollen wir über ihn beschließen?‹ Und ein anderer sagte: &›Soll er nur dableiben und warten, bis wir einen Beschluß gefaßt haben.‹ Obwohl alles im Traume war, begriff ich doch ihre Absicht: daß mein Schlaf ein ewiger Schlaf sein solle. Ich begann zu weinen und sagte, daß ich ja noch nicht alt sei und daß ich alle meine Sünden noch abbüßen könne. Und einer von den Greisen trat für mich ein und sagte, daß man mich ins Leben zurückschicken solle; ich werde die Sünden noch abbüßen. Ich sah den Greis an und erkannte den heiligen Rabbi Pinchos von Korez. Er sagte noch, daß ich ihn immer mit reichen Gaben bedacht hätte und daß er darum für mich eintreten müsse. Die andern Greise mußten schließlich dem heiligen Rabbi Pinchos nachgeben. Also verkündeten sie ihren Spruch: &›Bringt ihn zurück!‹ Und in diesem Augenblicke fiel ich vom Bette und erwachte. Ich behielt aber das ganze schreckliche Gesicht in Erinnerung. Wie wäre es nun möglich, daß ich nicht Buße täte und mich nicht bekehrte?«

Diese Geschichte zeigt, welche Gewalt der heilige Rabbi Pinchos von Korez hatte, selbst vor dem himmlischen Gerichtshofe. Seine Verdienste mögen uns und allen Juden beistehen. Amen.

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