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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 31
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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31. Der störrische Rabbi

Rabbi Schmelke von Nikolsburg hatte in seiner Jugend einen Freund, der sehr gelehrt und gottesfürchtig war. Dieser Freund wurde später Rabbiner von Janow. Der Rabbi war sehr fromm und diente eifrig dem Herrn, doch er hatte einen Fehler: er war sehr starrköpfig. Was er sich einmal in den Kopf geschlagen, konnte ihm kein Mensch auf der Welt ausreden.

Einmal verheiratete dieser Rabbi seinen Sohn mit der Tochter eines andern Rabbi aus einer fremden Stadt. Als der Tag der Hochzeit kam, bat der Rabbi die vornehmen Leute und die Gemeindevorsteher seiner Stadt, daß sie mit ihm zur Hochzeit seines ältesten Sohnes fahren. Um den Rabbi zu ehren, ließen alle vornehmen Leute und Gemeindevorsteher ihre Kutschen einspannen und fuhren zur Hochzeit. Der Rabbi fuhr auf einer eigenen, besonders guten Kutsche mit seinem Sohn und dem Vorsteher der Gemeinde; er nahm noch einen gelehrten jungen Mann mit auf seine Kutsche, um unterwegs über göttliche Dinge sprechen zu können. Als die Zeit zum Nachmittagsgebet kam, stieg der Rabbi mit seinen Begleitern vom Wagen, um das Gebet zu verrichten. Es war in einem Walde. Nach dem Gebet ging der Rabbi etwas abseits, während seine Begleiter zum Wagen zurückgingen. Sie warteten auf den Rabbi, doch er kam nicht. Die Sonne ging unter, der Rabbi kam immer nicht. Der Bräutigam, der Gemeindevorsteher und der junge Gelehrte gingen in den Wald, den Rabbi zu suchen: sie dachten sich, daß er irgendwo im Walde das Abendgebet verrichte. Sie konnten ihn aber nicht finden und erschraken sehr, weil es inzwischen dunkel geworden war. Sie gingen zu ihrem Wagen zurück. Indessen kamen noch einige Wagen mit Hochzeitsgästen gefahren, und als die Leute sahen, daß eine Kutsche mitten auf dem Wege steht, hielten sie an und fragten, was los sei. Und man erzählte ihnen, daß der Rabbi verschwunden sei. Die Leute sagten: »Seid unbesorgt: wir sahen, daß ein reicher Mann aus unserer Stadt uns vorausgefahren ist. Er sah wohl den Rabbi im Walde stehen und nahm ihn auf seiner Kutsche mit.«

Als die Begleiter des Rabbi das hörten, beruhigten sie sich, stiegen in ihren Wagen und setzten die Fahrt fort. Unterwegs erkundigten sie sich überall nach dem Rabbi, doch alle Leute meinten, daß er wohl mit dem reichen Manne vorausgefahren sei. Als sie aber in die Stadt kamen, wo die Hochzeit gefeiert wurde, fanden sie den Rabbi nicht vor. Alle waren sehr traurig. Einige Leute meinten, daß der Rabbi sich vielleicht im Walde verirrt habe und dann einem Wagen begegnet sei, der zurückfuhr; mit diesem Wagen sei er zurückgefahren, um nicht seine Zeit, die er mit Talmudstudium ausfüllen könnte, im Walde zu verlieren; um so mehr, als er wisse, daß die Hochzeit auch ohne ihn stattfinden würde. Man feierte die Hochzeit ohne ihn, doch alle waren sehr betrübt.

Nach der Hochzeit fuhren die Leute wieder heim und fragten unterwegs überall nach, ob man nicht den Rabbi gesehen hätte. Doch niemand hatte ihn gesehen. Und als sie zu Hause in Janow ankamen, fanden sie den Rabbi auch da nicht vor. Die Leute von Janow schickten nun Boten nach allen Städten in der Nähe, den Rabbi zu suchen, doch alles war umsonst.

Der Rabbi hatte sich im Walde verirrt. Und als er auf den Weg zurückkommen wollte, ging er irre und kam immer tiefer in den Wald hinein, so daß er sich einige Meilen vom Wege entfernte. Der Wald war aber sehr groß, viele Meilen lang und breit. Und der Rabbi verbrachte im Walde einige Wochen. Er lebte von Waldfrüchten und schlief auf der Erde. In seiner großen Aufregung und Seelenangst vergaß er, wann Sabbat ist: er irrte sich in seiner Berechnung um einen Tag, so daß er einen Freitag für den Sabbat hielt und ihn auch wie einen Sabbat heiligte. Der Herr beschirmte ihn wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner Mildtätigkeit vor wilden Tieren und andern Gefahren, und nach einigen Wochen gelang es ihm, aus dem Walde herauszukommen. Mit großer Mühe kam er nach Janow und erzählte seinen Leuten alles, was er erlebt hatte.

Am Donnerstagabend begann sich der Rabbi zum Sabbatanbruch zu rüsten. Und er wunderte sich sehr über seine Angehörigen, daß sie gar keine Vorbereitungen für den Sabbat machten. Die Angehörigen sagten ihm, daß er sich in einem Irrtum befinde und daß heute Donnerstag und nicht Freitag sei. Doch der Rabbi war, wie gesagt, sehr eigensinnig: er behauptete, daß seine Angehörigen und alle Leute sich irrten. Und es gelang niemandem, ihn davon zu überzeugen, daß er sich im Walde verrechnet hätte und daß heute Donnerstag und nicht Freitag sei. Der Rabbi hielt hartnäckig an seiner Meinung fest; seine Angehörigen glaubten, daß er nicht bei voller Vernunft sei, und waren darüber sehr betrübt. Man mußte sich ihm fügen und alles für den Sabbat vorbereiten. Am Donnerstagabend ging der Rabbi ins Bethaus und sprach die Gebete, die man bei Sabbatanbruch spricht. Viele Leute lachten darüber. Den nächsten Tag, der ein Freitag war, feierte der Rabbiner wie einen Samstag und sprach auch die Sabbatgebete. Als aber am Abend dieses Tages die andern Leute den richtigen Sabbatanbruch feierten, schimpfte er auf sie. Am richtigen Sabbat sprach er die Wochentagsgebete und verrichtete jede Arbeit. So war die Freude der Angehörigen über seine Wiederkehr durch dieses Gebaren getrübt.

Es vergingen viele Wochen, doch der Rabbi blieb immer bei seiner Meinung. Viele Rabbiner aus anderen Städten besuchten ihn und versuchten ihm zu beweisen, daß er sich in einem Irrtum befand. Doch er gab auf alle ihre Gründe nichts. Sonst war er ja ein vernünftiger Mensch, aber in dieser Sache benahm er sich wie ein Verrückter.

Die Sache kam schließlich dem Rabbi Schmelke, der um jene Zeit Rabbiner von Sinow war, zu Ohren. Er reiste nach Janow und kam zu seinem Jugendfreund an einem Donnerstag, den jener für einen Freitag hielt. Der Rabbi von Janow freute sich sehr über den Besuch und fragte den Gast, ob er bei ihm den Sabbat zu verbringen gedenke. Rabbi Schmelke erwiderte, daß er eigens dazu hergekommen sei. Der Rabbi von Janow gab seinem Hausgesinde den Befehl, alles für den Sabbat vorzubereiten. Auch befahl er ihnen, guten, alten Wein anzuschaffen. Am Donnerstagnachmittag gingen die beiden Rabbis ins Bad, zogen dann ihre Sabbatkleider an und gingen ins Bethaus. Die Leute von Janow staunten, daß auch Rabbi Schmelke sich von ihrem störrischen Rabbi überreden ließ, daß heute Freitag sei. Im Bethause betete der Rabbi von Janow die Gebete vor, mit denen man den Sabbat begrüßt, doch Rabbi Schmelke und die andern Leute beteten wie an einem Wochentage. Nach dem Beten gingen sie nach Hause, und viele Leute kamen zum Rabbi, um den teuren Gast zu begrüßen. Dann sprach der Hausherr den Sabbatsegensspruch, und man setzte sich zu Tisch.

Bei Tische sprachen sie über göttliche Dinge, und Rabbi Schmelke meinte, daß der Rabbi von Janow zur Feier seiner wunderbaren Errettung aus dem Walde recht viel Wein auftragen lassen sollte. Der Hausherr befahl seinen Leuten, Wein aufzutragen. Rabbi Schmelke sagte ihm, er solle nur tüchtig trinken; er selbst werde nicht zurückbleiben. Und er gab den Leuten einen Wink, daß sie dem Hausherrn vom ältesten und stärksten Wein einschenkten. Der Rabbi von Janow trank von diesem Wein und schlief bei Tische ein. Rabbi Schmelke gab dem Hausgesinde einen Wink, daß man dem Schlafenden vorsichtig ein Kissen unter den Kopf schiebe. Dann steckte sich Rabbi Schmelke eine Pfeife an und sagte zu den übrigen Gästen: »Geht jetzt nach Hause, und alles wird mit Gottes Hilfe gut werden. Doch morgen abend, also am richtigen Freitagabend, kommt wieder um die gleiche Stunde her!« Und er blieb beim schlafenden Rabbi sitzen und gab acht, daß ihn niemand, nicht einmal ein Vögelchen weckte. Und der Rabbi von Janow schlief die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag.

Am nächsten Abend kamen wieder alle Leute zur Tafel, doch der Rabbi von Janow schlief noch immer. Rabbi Schmelke und die Gäste aßen mit großer Freude die Festmahlzeit, wie es bei Sabbatanbruch üblich ist, und sprachen bis zur Mitternacht von der Thora und anderen göttlichen Dingen. Um Mitternacht weckte Rabbi Schmelke den Rabbi von Janow und sagte ihm: »Rabbi von Janow, nun wollen wir das Tischgebet sprechen.« Der Rabbi von Janow sprang auf und sagte: »Mir scheint, ich habe lange geschlafen.« Dann wusch er sich die Hände und unterhielt seinen Gast mit klugen Reden über die Thora; zuletzt sprachen alle das Tischgebet.

Der Rabbi von Janow erfuhr bis an sein Lebensende nichts davon, daß er eine Nacht und einen Tag durchgeschlafen hatte. Er rühmte sich sogar, daß er seine Ansicht durchgesetzt hatte und daß nun alle Welt den Sabbat nach seiner Berechnung feierte. Er dankte auch dem Rabbi Schmelke, weil dieser ihm geholfen hätte, die Leute zu seiner Meinung zu bekehren und von ihrer dummen Sabbatberechnung abzubringen. Das glaubte er bis an sein Lebensende.

Nach Sabbatausgang kamen die Stadtleute zu Rabbi Schmelke und dankten ihm. Rabbi Schmelke verpflichtete sie aber, kein Wort davon, wie sich alles zugetragen hatte, ihrem Rabbi zu erzählen. Von jener Stunde an wurde Rabbi Schmelke berühmt im ganzen Lande. Seine Verdienste mögen über uns ewig leuchten. Amen.

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