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Sagen der Chassidim

Alexander Eliasberg: Sagen der Chassidim - Kapitel 25
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25. Das Gebet um Speise

Der heilige Rabbi Sussje von Annopol pflegte nach dem Morgengebet niemals seinen Dienern zu befehlen, daß sie ihm sein Essen bringen; er setzte sich einfach hin und sagte: »Schöpfer der Welt! Sussje ist hungrig und will essen. Laß ihm sein Essen geben.« Sobald seine Diener diese Worte hörten, brachten sie ihm das Essen. So hatte es der alte Rabbi eingeführt.

Einmal verabredeten sich aber seine Diener und beschlossen folgendes: solange er sich nicht ausdrücklich an sie wendet und ihnen befiehlt, das Essen zu reichen, werden sie es ihm nicht reichen. Wenn er sich an den Herrn, gelobt sei sein Name, wendet, so soll ihm auch der Herr das Essen geben.

In der Stadt Annopol waren nach jedem Regen die Straßen so schmutzig, daß man schwer von einer Straßenseite auf die andere gelangen konnte. Darum waren an verschiedenen Stellen Bretter quer über die Straße gelegt.

An dem Tage, als die Diener beschlossen hatten, dem Rabbi nicht eher sein Essen zu bringen, als bis er es ihnen ausdrücklich befehlen würde, begab sich der Rabbi frühmorgens noch vor dem Morgengebet ins Bad, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte. Ein Mann, der in der Stadt fremd war, kam ihm entgegen. Der Mann kannte Rabbi Sussje nicht. Sie trafen sich auf einem der Fußsteige, die über die Straße führten. Als der fremde Mann den Greis in ärmlichen Kleidern sah, wollte er sich über ihn lustig machen. Und er stieß den Rabbi vom Fußsteig hinunter, so daß dieser in den Straßenkot fiel und seine Kleider beschmutzte. Der Mann lachte darüber, und als er später in sein Gasthaus kam, erzählte er dem Gastwirt von dem schönen Streich, den er einem alten Manne gespielt hatte. Der Gastwirt erkundigte sich, wer der Greis gewesen sei, und der Fremde beschrieb sein Aussehen und seine Kleidung. Da begriff der Gastwirt, daß es der Rabbi gewesen war. Der Gastwirt schrie den Fremden an: »Was habt Ihr getan? Das war doch der heilige Rabbi Sussje, der in der ganzen Welt berühmt ist!« Der Fremde erschrak, obwohl er sonst nicht besonders gottesfürchtig war. Es wurde ihm bange ums Herz, und er bereute seine Tat. Er bat den Gastwirt um Rat, was er tun solle, um vom Rabbi Verzeihung zu erwirken, denn er fürchtete den Zorn des Rabbi. Und der Gastwirt sagte ihm: »Hört mich an: wir, die wir hier wohnen, kennen die Gewohnheiten des Rabbi. Nach dem Morgengebet ißt er gerne ein Stück Honigkuchen und trinkt dazu ein Gläschen süßen Branntwein. Also rate ich Euch, ihm, nachdem er sein Morgengebet gesprochen und ein Talmudkapitel durchgenommen hat, diese Dinge in sein Zimmer zu bringen und ihn zugleich um Verzeihung zu bitten. Wir kennen ihn gut und wissen, daß es sehr leicht ist, von ihm Verzeihung zu erwirken.«

Der Fremde tat so, wie ihm der Gastwirt geraten. Er kam zum Rabbi, gerade als dieser mit dem Beten und dem Talmud fertig war und zu essen begehrte. Der Rabbi sagte wie jeden Tag: »Schöpfer der Welt! Sussje ist hungrig und will essen. Lasse ihm sein Essen bringen!« Das sagte er einigemal; doch die Diener taten so, wie sie beschlossen hatten, und brachten ihm nichts. In diesem Augenblick ging die Türe auf, und ein fremder Mann brachte Honigkuchen und süßen Branntwein. Der Fremde reichte dem Rabbi diese Sachen und bat ihn um Verzeihung für seinen Streich. Der Rabbi verzieh ihm und kostete vom Honigkuchen und vom Branntwein. Als die Diener das sahen, erschraken sie sehr und wagten nie wieder, gegen den Rabbi widerspenstig zu sein. Seine Verdienste mögen uns beistehen. Amen.

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