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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 8
Quellenangabe
titleSagen aus Wien
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modified20170929
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Das Loch in der Mauer der Kreuzkirche

Es soll in der Stadt Wien ehemals ein Beckenknecht gewesen sein, welcher an einem Tage siebenmal in unterschiedlichen Kirchen kommuniziert hatte. Man weiß aber nicht, was für ein Geheimnis er unter der siebten Zahl gesucht habe, da sich sonst eben kein gar zu gottseliger Wandel bei ihm verspüren ließ. Gleich denselben Abend starb er eines plötzlichen Todes, da man noch nichts von dem, was er in unterschiedlichen Kirchen vorgenommen, in Erfahrung gebracht hatte. Die Geistlichkeit schloß also daraus, daß er eben an seinem Sterbenstage zum heiligen Abendmahl gewesen, er habe der Pflicht eines wahren Christen gemäß gelebt, und sei durch einen unvermuteten Todesfall übereilet worden, weswegen er denn, nach christlichem Brauch, des folgenden Tages begraben wurde. Des Nachts aber um die elfte Stunde wurde die gewöhnliche Klosterglocke dreimal nacheinander stark angezogen, und da der Pförtner die Türe geöffnet, sah er zwei schwarzgekleidete Personen mit Windlichtern in den Händen vor sich stehen, welche einen Priester verlangten, der ihnen mit dem Cibario oder Hostienbehältnis folgen sollte. Es wurde ihnen sofort in ihrem Begehren gewillfahrt, obgleich der Priester nicht wußte, wohin er von diesen beiden Unbekannten würde geführt werden. Da er ihnen also immer nachgefolgt und sie bis zu einer Kirche gelangt waren, öffnete sich die Kirchtür, sie gingen hinein und näherten sich der Stelle, wo der verstorbene Beckenknecht begraben lag. Sie fanden das Grab schon offen, und den unglückseligen Körper in seinem Sarge außer demselben stehen. Einer von den beiden richtete den Körper in die Höhe und befahl dem Pater, das Ziborium unter den Mund des Leichnams zu halten, rüttelte ihm den Kopf und versuchte dadurch, daß sieben geweihte Hostien aus dem Munde desselben herausfielen. Unter währender Zeremonien bemerkte der Priester, daß diese vermutlich dienstbaren Geister eine besondere Ehrerbietung von sich blicken ließen, welche ihm sodann auferlegten, er möchte selbige an den gehörigen Ort tragen, sie aber dienten ihm bis zu dem Tabernakel mit ihren Windlichtern zur Begleitung. Nachdem sie nun diesen Schatz allda beigelegt hatten, verschwanden jene und ließen den Pater nebst seinem Gefährten mit der Laterne in größter Verwunderung stehen. In der Kirche aber wurde ein grausames Poltern und Krachen wie ein Erdbeben gehört, daß auch die beiden Geistlichen darüber in eine starke Ohnmacht verfielen. Da sie sich wiederum erholt hatten, merkten sie, daß der Tag bereits angebrochen war, gingen deswegen zu dem Grabe, welches sie offen, den bloßen Sarg aber ohne Körper daneben stehend fanden. In der Quermauer dieser Kirche hingegen sahen sie eine ziemliche Öffnung, durch welche, ihrer Mutmaßung nach, dieser unglückselige Körper durch die Lüfte mußte fortgeführt worden sein, weil dieser Zufall nicht allein die Mönche desselben Klosters, sondern fast die ganze Stadt in Verwirrung gebracht hatte. Da man endlich nach vielfältigem Suchen nicht die geringste Spur von dem entführten Körper hat antreffen können, wurde beschlossen, diese Öffnung der Stadt zu einem ewigen Andenken und allen Ruchlosen zur Warnung übrig zu lassen, damit solche zu einem augenscheinlichen Exempel der bestraften Verunehrung göttlicher Geheimnisse dienen möchte. Es ist dieses Loch auch noch bis auf diese Stunde gleich hinter der jetzigen neuen Klosterpforte zu sehen und wird sowohl von den Einwohnern als auch den Ausländern, welche dahin kommen, als etwas Sonderbares bewundert, die Geschichte aber wird auf einer hölzernen Tafel im Gemälde gezeigt.

 


 

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