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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 7
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titleSagen aus Wien
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modified20170929
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Der wiederkehrende Klostermönch

Im Jahr 1710, im Monat August, starb in einem Wiener Kloster eine noch junge Ordensperson an einer langwierigen Lungensucht, es geschah aber so unverhofft, daß sich die Krankheit und der Tod gleichsam in einem Augenblick geäußert hatten. Hier sah man den bekannten Satz, daß die Todesstunde des Menschen so ungewiß, als gewiß sei, durch ein überzeugendes Exempel bestätigt. Nun war es zu derselben Zeit nicht allein in den heißesten Hundstagen, sondern der Orden hatte auch gleich ein besonderes Fest zu begehen, daß man daher mit der bereits stinkenden Leiche innerhalb von fünfzehn Tagen zum Grabe eilen mußte. Noch denselben Abend um die zehnte Stunde kam ein Pater von diesem Orden auf den Chor seiner Andacht zu pflegen, wo er seinen verstorbenen Mitbruder an seinem sonst gewöhnlichen Ort mit der Mönchskappe stehen sah, gleich als wenn er ordentlich in der Psalmodie begriffen wäre. Anfänglich hatte er ihn für einen andern noch lebenden gehalten, als er ihm aber im Hinausgehen mit der Laterne unter das Gesicht geleuchtet, erkannte er die völlige Gestalt des Verstorbenen. Hierüber stieß ihm vor Schrecken ein Schauer zu, und zugleich wurde ihm die Laterne ausgelöscht, so daß er vor Angst die Chortür nicht wiederfinden konnte, sondern kümmerlich an den Bänken herumtappen mußte. Mitten in dieser Verwirrung kam der Sakristan zum Chor herein seine Lampe anzuzünden, welcher nicht begreifen konnte, was dieser Pater allda im Finstern zu suchen hätte. Da ihm aber derselbe erzählte, was ihm begegnet war, wußte der Sakristan gleichfalls zu berichten, daß wie er vor einer halben Stunde in der Sakristei auf den folgenden Tag Anstalt gemacht hätte, wäre etwas in der Gestalt eines Ordensmanns und in der Kleidung desselben hereingetreten, gleich als wenn er sich zur Messe ankleiden wollte. Nachdem er nun hinzugegangen, um zu sehen, was dieses bedeuten sollte, hätte sich der Priester umgesehen, da hätte er wahrgenommen, daß es der erst verstorbene und vor einigen Stunden beigesetzte Pater sei. Er wäre hierüber eiligst zur Sakristei herausgelaufen und hätte nicht gewußt, wo er sich vor Schrecken hinwenden sollte. Diese beiden Zeugen gingen des andern Morgens zu ihrem Vorgesetzten und hinterbrachten ihm ihre in voriger Nacht gehabten Gesichte, welcher alsobald allen Ordensbrüdern anbefahl, den verstorbenen Pater in ihr Gebet und andere Werke der Gottseligkeit mit einzuschließen, ob er vielleicht aus den Flammen des Fegefeuers könnte gerettet werden. Wiewohl sie nun insgesamt ihren möglichsten Fleiß werden angewendet haben, so war dennoch alles vergebens, indem fast kein einziges Mitglied dieses Klosters übrig blieb, welches nicht sagen konnte, daß es den Verstorbenen bald im Refektorium, bald in den Kreuzgängen, bald in der Bibliothek gesehen habe. Dieses verursachte nun, wie leicht zu erachten, eine nicht geringe Verwirrung im ganzen Kloster, und man ging schon damit um, einen außerordentlichen Exorzismus vorzunehmen. Nur wollte sich unter der ganzen Anzahl Mönche keiner finden, welcher das Herz gehabt hätte, ein so wichtiges Werk auszuführen, obgleich dieser erscheinende Geist niemandem einigen Schaden zugefügt, sondern nur ein allgemeines Schrecken erregt hatte. Was aber die Mönche des Klosters am meisten irre machte, war folgender merkwürdiger Zufall. Es ist in den Klöstern der allgemeine Gebrauch, daß am Allerseelentag die gesamten Klostergruften geöffnet werden, damit jedermann die Särge der Verstorbenen in der Ordnung beschauen könne, welches sonst niemals geschieht, außer wenn eine Leiche beigesetzt wird. Nun waren von dem Ableben besagten Paters kaum drei Monate bis zum 2. November, an welchem Tage dieses Fest einfällt, verflossen. Da aber der Sakristan am Allerheiligentag die Gruften öffnete und die Lichter in Ordnung setzen wollte, sah er mit Erstaunen den halbvermoderten Körper aufgerichtet sitzen, den Deckel aber von dem Sarg auf der Erde liegen, welcher Anblick ihn so erschreckte, daß er im Zurückweichen an die Ecke des Altars stieß und eine starke Beule im Gesicht zum Andenken bekam. jedoch machte er sich eilend aus dem Staub und erstattete bei dem Oberhaupt des Klosters einen Bericht von demjenigen, was ihm begegnet war. Alles dieses nun, was sowohl der Sakristan als alle Mönche gesehen hatten, konnte nicht so verborgen bleiben, daß es nicht nach einiger Zeit unter die Leute gekommen und in der ganzen Stadt wäre ausgebreitet worden. Was aber für die Hauptursache dieses Zufalls angegeben, und wie der Sache endlich abgeholfen sei, wird das Archiv dieses Klosters am besten wissen.

 


 

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