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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 32
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Der Stock im Eisen

Daß es ein Lehrbub nicht leicht hat, davon wußte auch Martin Lux ein Liedchen zu singen, der vor vielen Jahrhunderten bei einem tüchtigen Wiener Schlossermeister in der Lehre stand. Die harte Arbeit begann zeitlich am Morgen, der Tag dauerte unendlich lang, und der Meister war streng. Wie sollte da die Jugend zu ihrem Recht kommen! Und der Junge hätte doch für sein Leben gern lang geschlafen, ein wenig gefaulenzt und mit Buben seines Alters nach Herzenslust gespielt und getollt. Daß es unter solchen Umständen nicht immer ganz glatt abging und der Meister den Jungen manchmal gar unsanft bei den Ohren zupfte, ist leicht begreiflich.

Eines Tages schickte der Schlosser den Jungen mit einem Handkarren in die Lehmgrube vor der Stadt, damit er Lehm hole. Fröhlich, dem drückenden Joch der Arbeit ein paar Stunden entkommen zu sein, schlenderte der Bub mit seinem Karren des Weges dahin, ließ sich vergnügt die warmen Sonnenstrahlen auf den Rücken scheinen und fand auch bald vor der Stadt ein paar lustige Altersgenossen, denen er sich zugesellte. In heiterem Spiel mit diesen waren bald Karren und Lehm und Meister vergessen. Dabei verging die Zeit so schnell, daß der Bursche gar nicht merkte, wie die Schatten immer länger und länger wurden und die Dämmerung hereinbrach. Erst als sich seine Spielgefährten auf den Heimweg machten, erinnerte er sich seines Auftrages. Aber nun war es schon zu spät, den Handwagen zu füllen, wenn er vor Torsperre noch in die Stadt kommen wollte. Ängstlich packte er seinen Karren und trabte in höchster Eile stadtwärts.

Als er aber keuchend zum Stadttor kam, war dieses schon geschlossen, und ratlos begann der Junge zu weinen; denn er hatte auch nicht die kleinste Münze im Sack, um den Sperrkreuzer zu bezahlen. Wo sollte er jetzt die Nacht verbringen, und was wurde der Meister sagen, wenn er nicht nach Hause käme?

Jammernd rief er aus: »Was soll ich jetzt tun? Ich möchte gleich des Teufels werden, wenn ich nur in die Stadt hinein könnte!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als ein lächelndes Männchen in rotem Wams vor ihm stand, von dessen spitzem Hut eine rote Hahnenfeder nickte.

»Warum weinst du denn, Bursche?« fragte der kleine Mann mit heiserer Stimme.

»Ach«, jammerte Martin, »ich muß noch heute in die Stadt hinein, habe aber keinen Sperrkreuzer, um das Öffnen des Tores zu bezahlen, und außerdem erwartet mich eine tüchtige Tracht Prügel, wenn ich so spät und ohne Lehm nach Hause komme.«

Der Teufel – denn der war es, der auf Seelenfang aus ging – beruhigte den Burschen und sagte: »Du sollst den Sperrkreuzer haben, deinen Karren will ich dir mit Lehm anfüllen, du brauchst auch keine ,liebe zu fürchten. Obendrein will ich dir behilflich sein, ein gar kunstfertiger Schlosser zu werden, wenn du auf meine Bedingung eingehst Deine Seele soll mir gehören, wenn du ein einziges Mal in deinem Leben an einem Sonntag die Messe versäumst«

Da dachte der unvernünftige Bursche, das könne kein so gefährlicher Vorschlag sein; es sei doch nicht so schwer, jeden Sonntag die Messe zu besuchen, er werde sich wohl hüten, dem Teufel in die Hände zu fallen. Also nahm er die Bedingung an und gab dem Männlein, da er nicht schreiben konnte, drei Blutstropfen als Unterpfand. Dafür erhielt er vom Teufel einen neuen, blanken Sperrkreuzer, ließ sich rasch getröstet das Stadttor öffnen und kam mit einem wohlgefüllten Karren des besten Lehms in der Schlosserwerkstatt an, wo er nicht nur keine Hiebe bekam, sondern vom Meister wegen seines Fleißes sogar noch belobt wurde.

Am nächsten Morgen betrat das gleiche Männlein mit dem roten Wams die Werkstatt des Meisters und bestellte einen eisernen Reifen mit einem überaus kunstvollen Schloß zur Stützung des alten Eichenstammes, der als letzter Rest eines früher bestandenen Waldes an der Ecke des Grabens und der Kärntner Straße stand. Aber weder Meister noch Gesellen getrauten sich, die schwierige Arbeit zu übernehmen.

Da schrie der Fremde aufgebracht: »Was, Ihr wollt Meister in Eurem Handwerk sein und seid nicht fähig, ein so einfaches Ding herzustellen, das Euer Lehrjunge ohne weiters fertigbringen wird!«

»Wenn der Lehrbub das Schloß zustande bringt«, sagte der Schlosser mißmutig, »dann soll er sofort frei und Geselle sein.«

»Meister, es gilt!« rief der freche Bursche, der sich erinnerte, daß ihm das Männchen gestern versprochen hatte, ihm bei seinem Handwerk behilflich zu sein. Richtig verfertigte er in wenigen Stunden Ring und Schloß, ging mit dem Männchen zur Eiche, umgab sie mit dem Reifen und legte das kunstreiche Schloß davor. Der Fremde nahm den Schlüssel zu sich und verschwand spurlos. Seither heißt der Baumstamm und der Platz, wo er steht, »Stock im Eisen«.

Der Lehrling wurde nach der Zusage des Meisters freigesprochen und zum Gesellen erklärt Nach altem Handwerksbrauch begab er sich auf die Wanderschaft, arbeitete bald da, bald dort und gelangte schließlich nach Nürnberg. Bald erwies sich seine Geschicklichkeit auch bei dem Meister, dem er hier seine Dienste anbot Er verfertigte eine Menge Fenstergitter, die Arbeit einer Woche, in wenigen Stunden und streckte sogar den Amboß zu Gitterwerk, so daß dem Meister unheimlich zumute wurde und er den gefährlichen Gesellen wieder entließ.

Nun wanderte Martin, der es nie verabsäumte, am Sonntag die Messe zu besuchen, in seine Vaterstadt zurück und kam nach einigen Monaten wieder in Wien an. Hier vernahm er, daß der Magistrat einen Schlosser suche, der zu dem kunstvollen Schloß an der Eiche am Graben einen passenden Schlüssel anfertigen könne. Obwohl demjenigen, der dies zustande bringe, das Meister- und Bürgerrecht versprochen war, hatte bisher kein Schlosser es vermocht, einen solchen Schlüssel herzustellen. Da erbot sich der Geselle zu dieser Kunstarbeit und ging gleich ans Werk. Das paßte aber dem Männlein, das damals mit dem Schlüssel verschwunden war, nicht in den Kram. Es setzte sich also unsichtbar an die Esse und drehte, sooft der Geselle den Schlüssel ins Feuer hielt, den Schlüsselbart um, so daß der Schlüssel nicht sperrte. Nun setzte der listige Schlosser den Bart verkehrt an und prellte so den Teufel, der in blinder Wut den Bart wieder verdreht hatte; der Schlüssel kam nun richtig aus dem Feuer. Lachend über seinen gelungenen Streich verließ der Geselle die Werkstatt, während der Teufel erbost und brummend und zischend beim Schornstein hinausfuhr.

Im Beisein der hohen Obrigkeit öffnete Martin hierauf das Schloß und erhielt dafür das Meister- und Bürgerrecht Freudig ati1~ubelnd warf er den Schlüssel hoch in die Luft; aber, 0 Wunder, er fiel nie wieder zur Erde herab.

Nun war Martin Lux Meister in Wien, und der Ruf seiner Kunst und Geschicklichkeit verschaffte ihm bald viele Kunden und einträgliche Arbeit. Viele Jahre lebte er ruhig und zufrieden und vergaß nie, des Sonntags die Messe zu besuchen. Oft bereute er den Leichtsinn seiner Jugend und verwünschte den Pakt, den er in seiner Dummheit mit dem Teufel abgeschlossen hatte. So fromm er auch lebte, der Teufel ließ nicht locker, denn so leicht wollte er eine Seele, auf die er schon jahrelang wartete, nicht aus seinen Krallen lassen. Daher begann er, des Meisters Gewissen durch Reichtum und Wohlleben langsam zu betäuben. Er machte ihn leichtsinnig und gewöhnte ihn an Trunk und Spiel, um ihn allmählich ins Verderben zu ziehen.

An einem Sonntagmorgen saß der Meister im Kreise lustiger Zechgenossen im Weinkeller »Zum steinernen Kleeblatt« unter den Tuchlauben beim Würfelspiel Da schlug es zehn Uhr. Rasch legte der Schlosser den Würfelbecher zur Seite und wollte sich erheben, um zur Kirche zu gehen.

»Aber du hast noch Zeit«, riefen da seine Freunde; »in die 11-Uhr-Messe kommst du noch immer zurecht!« Der Meister ließ sich zurückhalten; man trank und würfelte weiter. Und als die Glocke die elfte Stunde verkündete, meinten die eifrigen Spieler: »Erst um halb zwölf wird die letzte Messe gelesen; du hast immer noch Zeit.« Wieder ließ er sich überreden und setzte das Spiel fort. Plötzlich schlug es halb zwölf. Schreckensbleich sprang Martin auf, stürzte die Stiege hinauf und lief zur Kirche. Auf dem Stephansfreithof sah er keine Menschenseele, wie ausgefegt war der Platz. Nur ein altes Weiblein lehnte an einem Grabstein, eine böse Hexe, die der Teufel selbst dorthin bestellt hatte.

»Um Gottes willen, liebe Frau«, rief atemlos der Meister, »ist die letzte Messe schon zu Ende?«

»Die letzte Messe?« tat die Alte verwundert. »Die ist lange vorüber, es geht schon auf ein Uhr.« Das sagte sie, obwohl sie ganz gut wußte, daß es noch nicht Mittag war.

Da rannte der Meister verzweifelt in den Weinkeller zurück, riß sich die silbernen Knöpfe vom Wams und schenkte sie seinen Freunden zum warnenden Andenken. Jetzt erst begann die Glocke Mittag zu schlagen. Kaum aber war der letzte Schlag verklungen, als sich beim Eingang zur Schenke das rote Männchen zeigte. »He, Meister«, rief es mit heiserer Stimme in den Keller hinunter, »versäume die Messe nicht! Hörst du es nicht zwölf läuten?« Verstört lief der Schlosser die Stiege empor und zur Stephanskirche hin. Das Männchen aber folgte ihm knapp auf den Fersen, wurde immer größer und wuchs in die Höhe empor. Und als sie auf dem Stephansfreithof ankamen, stand eine rote riesige Gestalt hinter dem armen, betrogenen Sünder, in der Kirche aber erteilte der Pfarrer soeben den letzten Segen. Die Messe war zu Ende.

Und zu Ende war es auch mit dem Schlossermeister Martin Lux. Dem blutroten Riesen wuchsen plötzlich kohlschwarze Hörner und grimmige Klauen. Mit denen faßte er den Meister und flog mit ihm durch die Lüfte davon. Am Abend fand man den zerfleischten Körper des unseligen Mannes am Rabenstein liegen.

Seit dieser Zeit schlug jeder Schlossergehilfe, der nach Wien kam, zum Andenken an den unglücklichen Meister einen Nagel in den Baumstamm, der mitten im Herzen der Stadt steht und nun bald wirklich zum »Stock im Eisen« wurde.

 


 

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