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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 26
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Die Löwenbraut

Im Jahre 1590 feierte die Familie Kaiser Maximilians II. im »Schloß Neugebäude« bei Wien-Schwechat das Geburtsfest einer kleinen Prinzessin. Eine große Zahl von Edelleuten sowie prächtig geputzten Edelfrauen hatte sich im Schloß eingefunden, um dem Geburtstagskind die ergebensten Glückwünsche darzubringen. Kanonendonner leitete die Feier ein, die rauschenden Klänge der Musikkapellen erfüllten den Park und die prunkvollen Räume. Das erst vierjährige liebliche Töchterchen des Schloßverwalters, Berta, trat, als Schutzgeist Österreichs gekleidet, vor die kleine Prinzessin und überreichte ihr mit den untertänigsten Wünschen einen herrlichen Blumenstrauß. Da jubelten die Gäste, Festesfreude lag auf allen Gesichtern.

Plötzlich erscholl ein grimmiges Gebrüll, und zum Entsetzen der Festgäste betrat ein majestätischer Löwe den Saal. Er war, durch den Lärm und das Getöse wild geworden, aus seinem Käfig ausgebrochen, hatte den Garten durchquert und war so in das Schloß gelangt, wo er nun, geblendet von all dem Glanz und Gewoge, verdutzt stehenblieb und das Menschengewimmel anstarrte. Die kleine Prinzessin und mit ihr alle Gäste schwebten in höchster Gefahr. Aber schon waren die Wachen herbeigeeilt, um die gefährliche Bestie niederzuschießen. Da warf sich die kleine Berta schützend vor den Löwen, umschlang mit ihren Ärmchen das gewaltige Haupt des wilden Tieres und rief mit bittender Stimme in den Saal: »Nichts meinem Löwen zuleide tun, nichts tun! Er wird mir brav folgen!« Und zum größten Staunen aller Anwesenden ließ sich der mächtige Löwe von dem kleinen Mädchen aus dem Saal führen, folgte ihm ruhig zu dem Käfig und betrat freiwillig das enge Gelaß. Alles erschien wie ein Wunder.

Der Vater des Mädchens klärte die sprachlosen Festgäste auf: »Berta ist seit zwei Jahren mit dem Löwen vertraut; er kennt sie und gehorcht ihr immer, zahm wie ein Lämmlein.« Dankbar für die wunderbare Rettung der Prinzessin, gebet der Kaiser, die kleine Berta möge den Löwen als ihr Eigentum betrachten, und sagte: »Du sollst von nun an den Namen >Löwenbraut< führen.«

Jahre waren seitdem verflossen. Aus dem kleinen Mädchen war eine schöne, sittsame Jungfrau geworden, die Freude und der Trost ihrer Eltern. Die Freundschaft des wilden Tiers und des zarten Mädchens war immer inniger geworden. Oft saß die Jungfrau im Tiergarten und streichelte das zottige Haupt des gewaltigen Löwen, der alle Zeichen des Wohlbehagens zu erkennen gab. Sobald sie aber einen Tag ausblieb, konnte man deutlich seine Trauer merken ebenso wie seine Freude, wenn sie am anderen Morgen wieder zum Käfig kam.

Nun hatte ein stattlicher junger Mann, ein Hauptmann der kaiserlichen Reiterei, um die Hand der lieblichen Jungfrau geworben, und die Löwenbraut sollte seine Frau werden. Die Eltern waren damit einverstanden, der Tag der Hochzeit wurde festgesetzt. Da gab es denn so viel vorzubereiten, daß Berta oft keine Zeit fand, sich um ihren Löwenfreund zu kümmern. Das Tier aber schien sichtlich traurig darüber, daß es die gewohnten Liebkosungen seiner Freundin entbehren mußte. Endlich kam der Hochzeitstag. Noch einmal wollte die schöne junge Braut den Gespielen ihrer Jugend aufsuchen, um sich für immer von ihm zu verabschieden. Im Brautgewand betrat sie den Käfig, liebkoste das Tier mit Tränen in den Augen und drückte ihre Wagen an seinen grimmigen Rachen. Doch der Löwe blieb traurig, als hätte er geahnt, daß es ihr letzter Besuch sein sollte. Da bemerkte er den Bräutigam der Jungfrau vor dem Käfig, seine Wut erwachte; als gönne er dem Nebenbuhler die traute Gesponsin nicht, stellte er sich vor die Tür des Käfigs dem Mädchen den Ausgang versperrend. Ein schreckliches Brüllen erscholl, und ehe der Bräutigam zu Hilfe eilen konnte, hatte ein Prankenschlag des Löwen das arme Geschöpf zu Boden gestreckt. Rot färbte sich das Brautkleid vom Blut der Sterbenden.

Sinnlos vor Schmerz und Wut stürzte sich der Hauptmann auf den Löwen und tötete ihn. Weinend nahm er Abschied von der Geliebten, die ihm ein grausames Schicksal am Hochzeitstag entrissen hatte. Kein Trost konnte sein herbes Leid lindern; seine Lebensfreude war dahin.

 


 

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