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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 25
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Die Linde bei St. Stephan

Als der prächtige Stephansdom in Wien noch ein bescheidenes Kirchlein war, das vor den Mauern der Stadt stand, ließ der damalige Pfarrer Eberhard vor seinem Pfarrhaus eine Linde pflanzen, die herrlich austrieb und gedieh, so daß der Pfarrer seine helle Freude an dem Baum hatte.

Die Stadt vergrößerte sich, und der Friedhof, der sich rings um die Kirche erstreckte, wurde bald zu klein und sollte erweitert werden. Mit anderen Bäumen wollte man auch die Linde aushauen, um Platz für den Friedhof zu schaffen. Nur mit Mühe gelang es dem Pfarrer, seinen geliebten Baum vor diesem Schicksal zu bewahren. Die Linde aber wurde im Laufe der Zeit ein mächtiger Baum, der in die Studierstube des alten Pfarrherrn hineinblickte und alljährlich zur Sommerzeit den betäubenden Duft seiner Blüten dankbar über seinen Beschützer ausströmen ließ.

Als der Pfarrer hochbetagt auf dem Sterbebett lag, fühlte er tiefe Sehnsucht in sich, noch einmal seinen geliebten Baum blühen zu sehen und den herrlichen Duft seiner wohlriechenden Blüten zu verspüren. Doch es war mitten im Winter; tiefer Schnee lag in den Gassen, und Eisröslein blühten auf den Fensterscheiben; die Linde aber reckte ihre kahlen Aste frosterstarrt zum grauen winterlichen Himmel empor. Vor tiefer Ergriffenheit über das heiße Begehren des Todkranken schluchzten die Anwesenden laut. Da bat der Sterbende mit erlöschender Stimme, man möge doch wenigstens die Fenster öffnen, damit er seine liebe Linde noch einmal sehen könne.

Mitleidig öffneten sie ein Fenster. Da ging ein Ruf des Staunens durch den Raum. Die Augen des Sterbenden aber leuchteten zum letztenmal in freudigem Glanz auf: draußen inmitten von Schnee und Eis stand die alte Linde, über und über bedeckt mit duftenden Blüten, und ein Stück blauer Himmel lachte in das Krankenzimmer herein. Überwältigt von diesem Wunder, sanken alle, die am Bette des Kranken standen, in die Knie. Der Pfarrer aber nahm mit dankbarem Lächeln diesen letzten Liebesgruß seiner Linde an und schloß dann seine Augen zum ewigen Schlummer. Als sich die Knienden erhoben, sahen sie, daß der Wind die Blätter und Blüten des Baumes zum Fenster hereintrieb und ein Blütenmeer das Lager des Toten bedeckte.

Die alte Linde aber stand wieder kahl, wie in Trauer versunken, vor dem Fenster des Pfarrhauses.

 


 

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