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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 24
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Der Klagbaum

Vor fast siebenhundert Jahren brach in Wien eine schreckliche Seuche aus, die aus dem Morgenland eingeschleppt wurde und rasch um sich griff: der Aussatz, eine Krankheit, die den Menschen aufs höchste entstellte. Man wußte kein Mittel, die gräßliche Seuche zu bannen.

Zur Versorgung der Menschen, die von der Krankheit befallen wurden, stiftete der Pfarrer Gerhard von St. Stephan im Jahre 1267 außerhalb der Stadt auf der heutigen Wieden ein Siechenhaus und eine Kapelle »Zum guten Sankt Hiob«, dem erhabenen Vorbild der Geduld.

Vor der Kapelle stand ein schöner, großer Lindenbaum, von dem manchmal bei Nacht seltsame Klageweisen ertönten. Die Gegend kam dadurch so in Verruf, daß niemand mehr zur Nachtzeit dort vorbeizugehen wagte. Einige Zeit setzten diese Weisen aus, um sich später um so deutlicher zu wiederholen. Nun baten die Bewohner der umliegenden Häuser mit dem Richter an der Spitze den Seelsorger des Spitals, diese »Wehklage«, die ihnen so große Angst einflößte, durch Gebet und Beschwörung zu bannen.

Der würdige Mann versprach ihnen, gegen Abend zum Lindenbaum zu kommen und zu sehen, welche Bewandtnis es mit der Klage habe. Bald nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, kam auch schon der Wächter, den man in der Nähe des Baums aufgestellt hatte, damit er dem Geistlichen das Ertönen der Klage melde, in höchster Erregung angestürzt und brachte die Botschaft, der Baum lasse wieder so seltsame Weisen erklingen, daß sich alle Leute zitternd in ihren Häusern verkröchen.

Der Pfarrer erhob sich, nahm Kreuz und Weihwedel und schritt mit Richtern und Räten zu der schaurigen Stätte. Fröstelnd und pochenden Herzens zog die kleine Schar durch die Nacht zu dem unheimlichen Baum. Als sie näher kamen, hörten sie es deutlich: wimmernde Töne erklangen; kein Zweifel, eine verwunschene Seele hielt hier ihre grausige Klage. Die Begleiter des Geistlichen stockten, allein schritt dieser zu dem spukhaften Baum. Immer lauter schlug der Klageton an sein Ohr, unheimlich fremd und doch wieder menschlich, daß er seine Schritte hemmte, um zu lauschen. Da drang ein Mondstrahl durch das Gewölk und warf sein unsicheres Licht auf eine schattengleiche Gestalt, die unter dem Baum hin und her zu wanken schien. Sogleich erhob der Pfarrer sein Kreuz, sprengte geweihtes Wasser vor sich hin und rief mit bebender Stimme seine Beschwörung: Da verstummte der Klageton, die dunkle Gestalt tauchte neben dem Beschwörenden auf, sie schien ihn zu fassen und verschwand mit ihm hinter dem Kirchlein.

Besorgt harrten die Bürger in sicherer Entfernung auf die Rückkehr des Priesters. Als aber geraume Zeit verstrich, ohne daß er wiederkam, gingen sie bedrückt wieder heim, in der sicheren Überzeugung, das Gespenst habe den Pfarrer mit sich genommen.

Am nächsten Morgen erschien der Geistliche lächelnd in ihrer Mitte und erzählte ihnen, nicht ein Gespenst habe die klagenden Weisen von sich gegeben, sondern ein wackerer Ritter und Sänger, dessen Namen er nicht nennen dürfe, habe unter dem Baum seine Klagelieder über die herrschende Krankheit ertönen lassen. Der Baum sei ihm wegen seiner Einsamkeit als der richtige Ort erschienen, seinen Schmerz über die Leiden seiner Vaterstadt zum Ausdruck zu bringen.

Doch die abergläubischen Leute glaubten den Worten des würdigen Pfarrherrn nicht Sie meinten, dieser sei mit dem Gespenst im Bund, und nannten das Spital nach wie vor »Zum Klagbaum«, und dieser Name blieb, bis es später aufgelassen wurde. Noch heute erinnert die Klagbaumgasse auf der Wieden an die unheimlichen Weisen des klagenden Baumes.

 


 

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