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Sagen aus Wien

: Sagen aus Wien - Kapitel 14
Quellenangabe
titleSagen aus Wien
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Der Basilisk

Eine große Menschenmenge umstand an einem Junimorgen des Jahres 1212 das Bäckergeschäft des ebenso wohlhabenden wie habgierigen Meisters Garhibl in der Schönlaterngasse 7. Das Haustor war geschlossen, gellende Rufe und durchdringendes Geschrei erschallten im Innern des Hauses. Die Menge der Neugierigen wuchs, und einige beherzte Männer schickten sich an, das Tor einzuschlagen, um die Ursache des Lärms zu erfahren, während andere zum Stadtrichter Jakob von der Hülben liefen, um ihm zu melden, daß im Hause des Bäckermeisters etwas ganz Schreckliches vorgehen müsse und die ganze Schönlaterngasse voll aufgeregter Menschen sei.

Inzwischen hatte der Bäckermeister sein Haustor geöffnet und stand nun totenblaß und nach Fassung ringend vor der neugierig sich herandrängenden Menge, die ihn mit Fragen bestürmte, was sich im Haus ereignet habe. Da kam auch schon der Stadtrichter an der Spitze der Scharwache herangeritten, während das Volk ehrfurchtsvoll zurückwich. Mit strenger Amtsmiene fragte er den noch immer vor Aufregung schlotternden Bäckermeister um den Grund dieser verbotswidrigen Ruhestörung.

»Gestrenger Herr Stadtrichter«, erwiderte der Meister mit zitternder Stimme, »ein schreckliches Untier hält sich in meinem Haus auf. Als eine meiner Mägde heute früh aus dem Ziehbrunnen Wasser schöpfen wollte und dem Eimer nachblickte, bemerkte sie tief unten ein Glitzern und Leuchten, zugleich aber drang ein so scheußlicher Gestank aus dem Brunnen herauf, daß ihr vor Schrecken und Angst fast die Sinne vergingen. Laut schreiend lief sie ins Haus und berichtete uns ihre Wahrnehmung. Der Lehrjunge erklärte sich gleich bereit, die Sache näher zu untersuchen. Er ließ sich an ein Seil binden, nahm eine Pechfackel in die Hand und stieg in den Brunnen hinab. Er war aber noch gar nicht weit im Schacht unten, als er einen entsetzlichen Schrei ausstieß und die Fackel fallen ließ. Wir zogen ihn rasch aus der Tiefe herauf; der arme Bursche war mehr tot als lebendig. Als er sich wieder ein wenig aufgerappelt hatte, erzählte er mit stockender Stimme, auf dem Grund des Brunnens sitze ein scheußliches Ungeheuer, das halb wie ein Hahn, halb wie eine Kröte aussehe. Es habe einen zackigen Schuppenschweif, plumpe, warzige Füße, trage ein feuriges Krönlein auf dem Kopf und habe mit seinen eigenartig glühenden Augen giftige Blicke nach ihm geworfen und die Krallen drohend emporgestreckt, daß ihm fast das Blut im Leib erstarrt sei und er geglaubt habe, sein letztes Stündlein sei gekommen.

Er wäre sicher im Brunnen gestorben«, schloß der Bäckermeister seinen Bericht, »wenn wir ihn nicht rasch in die Höhe gezogen hätten.«

Während der Stadtrichter ratlos überlegte, was in dieser absonderlichen Sache zu tun sei, die so ganz aus dem Rahmen der gewöhnlichen Fälle herausfiel, über die er sonst zu entscheiden hatte, trat ein Mann aus der umstehenden Menge hervor und wandte sich an den Vertreter der Obrigkeit. Es war der Doktor Heinrich Pollitzer, ein gar gelehrter und in allen Naturerscheinungen bestens bewanderter Mann, der sich nun vom Stadtrichter die Erlaubnis erbat, zum Volk zu sprechen und den merkwürdigen Vorfall zu erklären.

»Hört, ihr Leute«, begann er, »das Tier, das man im Brunnen des Hauses gesehen hat, ist ein Basilisk, ein gar schreckliches Wesen, das aus einem Ei entstanden ist, das ein Hahn gelegt und eine Kröte ausgebrütet hat. Schon der alte römische Schriftsteller Plinius hat uns ein solches Tier beschrieben. Es ist äußerst giftig, schon sein Hauch, ja sein bloßer Anblick ist todbringend. Es muß schleunigst getötet werden. Das kann aber nur auf folgende Weise geschehen: Man muß dem Basilisken einen Spiegel vorhalten. Wenn er sein eigenes scheußliches Bild im Spiegel erblickt, gerät er darüber so in Grauen und Wut, daß er zerplatzt. Wenn sich jemand findet, der dieses gefährliche Wagnis unternimmt«, meinte der Gelehrte zu Garhibl gewendet, »so könnte Euer Haus von dem schrecklichen Tier befreit werden.«

Lautlos hatte die Menge zugehört; der Bäckermeister aber rief »Wer von euch, ihr Leute, getraut sich, die Tat ausführen? Er soll es nicht bereuen, ich will ihn reichlich belohnen.« Aber niemand sagte ein Wort, viele wandten sich um und liefen davon; denn der Aufenthalt bei dem gefährlichen Haus dünkte ihnen nicht recht geheuer.

Plötzlich ließ sich neben Garhibl die entschlossene Stimme seines Gesellen Hans Gelbhaar vernehmen: »Meister, Ihr wißt, ich habe Eure Tochter Apollonia schon lange ins Herz geschlossen; daß Ihr mir deshalb wiederholt gram seid, ist mir nicht unbekannt Wenn Ihr nun einwilligt, mir Eure Tochter zur Frau zu geben, so will ich für mein Glück selbst das Leben aufs Spiel setzen und dem greulichen Tier zu Leibe gehen.«

Die Angst vor dem Untier war so gewaltig, daß dem Meister selbst dieser Preis nicht zu hoch erschien. Ohne Bedenken gab er seine Zusage.

Ein großer Spiegel wurde herbeigeschafft, dem kühnen Gesellen ein Seil um den Leib geschlungen, und mutig ließ er sich dann langsam in den unheimlichen Brunnen hinab. Es gelang ihm, den tödlichen Blick des Basilisken zu vermeiden und dem scheußlichen Tier den Spiegel vorzuhalten, worauf es vor Wut und Ingrimn über den eigenen häßlichen Anblick mit lautem Knall zerbarst. Wohlbehalten kam der Geselle wieder aus dem Brunnen herauf. Der Bäckermeister aber hielt sein Wort, aus Hans und Apollonia wurde ein glückliches Paar.

Auf den Rat des Herrn Pollitzer füllte man hernach den Brunnenschacht mit Erde und Steinen aus und begrub das Ungeheuer in der Tiefe. Aber noch im Tode übte es seine verderbliche Kraft aus. Einige Leute, die bei der Arbeit mithalfen, wurden von dem giftigen Brodem, der aus der Tiefe drang, betäubt, erkrankten schwer und starben kurze Zeit darauf. Auch der Bäckerjunge, den der Blick des Basilisken getroffen hatte, kam mit dem Leben nicht davon.

Zur ewigen Erinnerung an dieses schreckliche Geschehnis wurde in einer Nische des Hauses Schönlaterngasse 7 ein getreues Abbild des Basilisken angebracht und eine Inschrift darunter gesetzt, die den Vorfall zum Gegenstand hat Das Haus hieß fortan das »Basiliskenhaus«.

Längst ist der Glaube an das gefährliche Untier geschwunden, nur die Redensart besteht noch vom unheilbringenden Basiliskenblick.

 


 

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