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Sagen aus Vorarlberg

: Sagen aus Vorarlberg - Kapitel 9
Quellenangabe
titleSagen aus Vorarlberg
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
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Das Nachtvolk

Wenn der Sturm durch die Wipfel der Bäume braust, zieht das Nachtvolk aus seinen Behausungen, die auf Alpenhöhen und Bergkämmen liegen, oft unter Tosen und Heulen, oft aber auch unter dem Klang lieblicher Musik, durch Schluchten und Klüfte in die Täler und Niederungen herab und scheut sich auch nicht, die Wohnstätten der Talbewohner zu betreten. Die Menschen sollen im Freien dem Zug der meist unsichtbaren Gestalten ausweichen, daheim aber Türen und Fenster verschließen, wenn der nächtliche Spuk vorübersaust; denn wohin das Nachtvolk kommt, bringt es Übel und Krankheiten mit. Oft sind es scheußliche, abschreckende Gestalten, die der eine oder andere im Zug dieses Volkes gesehen hat.

Ein Jäger saß einmal des Nachts unter einem dürren Tannenbaum und schlief. Gegen Mitternacht wurde er durch ein sich näherndes Sausen und Tosen aus dem Schlaf gerissen und sah das Nachtvolk gerade auf sich zukommen. Erschrocken sagte er zu sich selbst: »Mit diesem Volk ist nicht gut Kirschen essen; es wird am besten sein, ich drücke mich etwas auf die Seite«, und sprang rasch unter den nächsten Strauch. Das Nachtvolk aber kam näher und stellte sich im Kreis um das Bäumlein auf, das der Mann soeben verlassen haue. Und wie der Jäger verwundert hinsah und horchte, ob nichts zu vernehmen sei, da fing das Bäumchen auf einmal von selber an, gar lieblich aufzuspielen, daß es eine Freude war; das eine Ästlein blies die Flöte, das andere die Klarinette, und die kleinen Zwerglein machten die Pfeiflein; das Nachtvolk aber begann einen Reigen und tanzte um das Bäumchen herum. Paar um Paar schwang sich im Kreis, daß der Staub aufwirbelte.

Während der Jäger, belustigt von diesem seltsamen Anblick, dem Tanz des Nachtvolkes zusah, hörte er plötzlich auf der anderen Seite des Hanges etwas heranmiauen. Und als er sich erstaunt vorbeugte, um über die Lehne hinabzuspähen, da sah er ein Rudel Katzen mit durchdringendem Geschrei den Berg heraufkrabbeln, und jede Katze zog ein Fäßchen Wein am Schwanz nach. Als diese sonderbare Weinfuhre zum Tannenbaum kam, stellte das Nachtvolk sogleich den Tanz ein. Nun wurde angezapft und eingeschenkt, aber nur in hohle Kühhufen, und alle tranken einander zu; bis zum Morgengrauen währte das nächtliche Gelage. Da waren aber auch alle Fäßchen bis zum letzten Tropfen geleert, und Nachtvolk und Katzen samt dem leeren Geschirr verschwanden im dämmernden Tag. Unbehelligt von dem nächtlichen Treiben konnte der Jäger seinem Dienst nachgehen.

 


 

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