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Sagen aus Vorarlberg

: Sagen aus Vorarlberg - Kapitel 2
Quellenangabe
titleSagen aus Vorarlberg
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
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Zehn auf einen Streich

Es war einmal ein Schuster, der in seiner Werkstatt fleißig über seiner Arbeit saß. Vor ihm auf dem Fensterbrett lagen drei schöne rote Äpfel.

War es die schöne rote Farbe, war es der Obstgeruch, kurz, die Äpfel schienen den Fliegen in der Werkstatt ein willkommener Ruhepunkt. Scharenweise kamen sie herangeflogen und ließen sich auf und neben den Äpfeln nieder. Unwillig sagte der Schuster: »Was haben denn die vielen Fliegen auf meinen Äpfeln zu schaffen?« und verscheuchte sie mit seiner Lederkappe, einmal, zweimal, aber immer wieder kamen sie zu den Äpfeln zurück.

Endlich wird es dem Schuster zu dumm, er reiß sein Lederkäppchen vom Kopf und schlägt damit auf die Äpfel. Und wie er das Lederkäppchen wieder aufsetzt, sieht er zehn Fliegen mausetot auf den Äpfeln kleben. Auf dieses Meisterstück bildete sich der gute Mann viel ein: er rückte sein Käpplein zur Seite, stemmte die Arme unternehmend in die Hüften und rief stolz: »Bin ich nicht ein baumstarker Kerl, habe ich nicht zehn auf einen Streich erschlagen? Wenn das unter die Leute kommt, die werden Augen und Maul aufreißen.«

Gleich kommt ihm ein guter Gedanke; er läuft zum Goldschmied und gibt ihm seine Kappe, damit er ihm mit großen Goldbuchstaben draufschreibe, »Zehn auf einen Streich erschlagen«.

Der Goldschmied blickte den eigenartigen Kunden groß an, denkt sich:

Der hat wohl ein Rädlein zuviel im Hirn; tut aber nichts dergleichen und verspricht dem Schuster, die bestellte Arbeit schnell fertigzustellen.

Zur ausgemachten Zeit kommt der Schuster wieder zum Goldschmied, fragt nach seinem Käpplein, und es ist richtig fix und fertig. Gleich probiert er's, und es steht ihm gut; die Goldbuchstaben funkeln nur so, daß es eine helle Freude ist. Man kann sich leicht vorstellen, daß das Funkeln und Glänzen dem Herrn Meister bald den Kopf ganz verdrehte; es dauert gar nicht lang, so kommt er auf den Gedanken, das Handwerk ganz aufzugeben, die Arbeit liegenzulassen und dafür als ein zweiter Goliath in der Welt herumzuziehen. Gedacht, getan. Er wandert durch Dörfer und Städte und kommt in aller Herren Länder.

Eines schönen Tages legte sich der Goldkäppler auf seiner Wanderung ins grüne Gras am Fuß eines kleinen Berges und schlief ein. Auf dem Hügel aber steht ein Schloß, und der Schloßherr schaut gerade beim Fenster heraus. Er ist traurig und bedrückt; im Wald lebt nämlich ein Einhorn, das seine Felder verwüstet und schon manches Vieh erstochen hat. Er hätte wohl gut und gern einen großen Sack Taler drangegeben, wenn ihm einer das gefährliche Untier erlegt hätte. Aber bisher hat noch jeder, der das Unternehmen wagte, sein Leben dabei verloren. Das alles geht dem armen Schloßherrn immerzu durch den Kopf, und deshalb ist er gar so traurig. Wie er eines Tages so beim Fenster hinausblickte, sticht ihm auf einmal ein heller Glanz in die Augen. Er weiß zuerst nicht, was es ist, und erst als er sich mit einem Tüchlein die Augen auswischt und schärfer hinschaut, sieht er am Fuße des Hügels einen Mann liegen, von dessen Kopf der Glanz ausstrahlt.

Wer das sein mag, denkt er sich, nimmt das Fernrohr zur Hand und schaut. Nun kann er's genau sehen: Da liegt ein Mann im Gras und schläft; auf dem Kopf trägt er eine lederne Kappe, auf der in Goldbuchstaben geschrieben steht, »Zehn auf einen Streich erschlagen«.

Der gute Graf meint nicht anders, als es seien zehn Männer gewesen, läuft eilig den Schloßberg hinab, rüttelt den Schlafenden sanft am Ohr, bis er erwacht, und sagt: »Höre, du starker Mann, nichts für ungut, daß ich dich wecke, aber ich hätte ein großes Anliegen an dich. In meinem Wald lebt schon Jahr und Tag ein gefährliches Einhorn, das mir großen Schaden zufügt, meine Felder verwüstet und mein Vieh zugrunde richtet. Ich würde ein schönes Stück Geld dafür geben, wenn mich einer von dieser Plage befreien könnte und das Untier töte; mancher hat auch schon um das angebotene Geld sein Glück versucht, aber bisher ist's noch keinem gelungen, das Tier zu erlegen, jeder hat das Wagnis mit dem Leben bezahlen müssen. Wärest du nicht der rechte Mann, mich von dieser Plage zu befreien? An meiner Erkenntlichkeit sollte es nicht fehlen.«

Der mutige Schuster hörte zu, denkt nicht lange nach und gibt zur Antwort: »Ja, freilich, den Gefallen kann ich dir leicht tun, dem Vieh will ich's schon zeigen!«

Er hängt sich ein scharf geschliffenes Schwert um und wandert guten Mutes dem Wald zu, wo das Einhorn leben soll. Kaum ist er unter die ersten Tannen getreten, rauscht es vor ihm, und das Ungeheuer stürzt auf ihn los. Er aber, nicht faul, springt hinter die Tanne, die gleich hinter ihm steht, und das Einhorn kann seinen Lauf nicht mehr so rasch abbremsen und bohrt sein spitzes Horn in die Tanne hinein.

Da zieht der Goldkäppler sein Schwert, führt damit einen kräftigen Schlag um die Tanne herum und schlägt dem Ungeheuer den Kopf ab. Den abgehauenen Schädel des Tieres unter dem Arm, wandert er wieder dem Schloß zu, wo er seine Beute als Siegeszeichen vorweist. Voll Freude über den Tod des Einhorns macht der Schloßherr den Schuster zum reichen Mann, behält ihn bei sich im Haus und gibt ihm zuletzt sogar seine liebreizende Tochter zur Ehegattin.

 


 

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