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Sagen aus Vorarlberg

: Sagen aus Vorarlberg - Kapitel 13
Quellenangabe
titleSagen aus Vorarlberg
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
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Die Windsbraut auf der Schröcker Alm

Einmal war ein Bauer mit seinem Gesinde an einem heißen Sommertag auf der Schröcker Alm eifrig bei der Heuernte beschäftigt. Man hatte das Heu auf Haufen zusammengeschichtet, um es bündelweise in die Scheune zu schaffen. Da zogen schwarze Wolken am Himmel auf, es drohte, wie nicht selten im Hochsommer, ein Gewitter. Ein plötzlicher Wind erhob sich, der neben den Heuern wirbelnd in einen Heuhaufen fuhr und ein großes Bündel Heu in die Höhe entführte. Das wäre nun an und für sich nichts so Seltsames gewesen, und doch starrten die Leute verwundert der Heuwolke nach; denn es schien ihnen, als sei mitten in der über ihnen schwebenden Windhose im Heubündel ein dunkler Körper enthalten, den sie vergebens zu erkennen suchten. Sie vermochten sich diese Erscheinung nicht zu enträtseln.

Da nahm ein junger Bursche sein Weidmesser heraus und rief halb im Ernst, halb im Scherz: »Wir werden gleich sehen, was für ein Wesen da oben steckt!« Damit schleuderte er sein Messer hoch in die Luft, der geheimnisvollen Heuwolke nach. Aber o Wunder! Niemand sah das Messer wieder zur Erde herabfallen, und man konnte es auch trotz vielen Suchens nirgends finden. Der Wirbelwind ging rasch vorüber, und dann war alles wie bisher.

Im nächsten Frühjahr wanderte ein Trupp junger, kräftiger Leute, bei dem sich auch jener junge Bursche befand, in die welsche Schweiz; sie wollten sich dort als Maurer oder Handlanger verdingen. Als sie nicht mehr weit von ihrem zukünftigen Arbeitsort entfernt waren, kehrten sie in der Straße in einem Wirtshaus ein, um nach langer Wanderung eine Stärkung zu sich zu nehmen. Da sah der vorjährige Messerwerfer ein Weidmesser auf dem Fensterbrett liegen. Er erkannte an der eigentümlichen Form der Klinge und des Heftes sogleich sein Messer, das er im vergangenen Sommer nach der aufsteigenden Heuwolke geworfen hatte.

Überrascht, sein Eigenturn hier zu finden, nahm er das Messer, um sich zu überzeugen, ob er sich nicht täusche. Während er das Messer noch in der Hand hin und her wandte, trat der Wirt in die Gaststube, und als er das Messer in der Hand des jungen Mannes erblickte, fragte er, ob er es vielleicht kenne. Eine dunkle Ahnung sagte dem Jüngling, er dürfe es nicht als sein Eigentum bezeichnen. Daher erklärte er dem Wirt, es sei ihm nur die merkwürdige Form des Messer aufgefallen, auch habe er sich das eingeritzte Wappen genauer besehen wollen.

Darauf erwiderte der Wirt: »Mit dem Eigentümer dieses Messers habe ich nämlich noch ein Wörtchen zu reden. Im vorigen Sommer hat es meine Tochter mit nach Hause gebracht Als sie einmal eine Fahrt über Land unternommen hatte, wurde ihr dieses Messer von einem unbekannten Burschen in den Leib gestoßen. Ihre Verletzung war so schwer, daß sie nur mit Mühe und Not das Haus erreichte, mir gerade noch das Unglück, das sie betroffen hatte, mitteilen konnte und bald darauf den Geist aufgab. Das Messer habe ich absichtlich auf das Fensterbrett gelegt Vielleicht erkennt es einmal einer der vielen Durchreisenden als sein Eigentum und verrät sich dadurch als Mörder meiner Tochter.«

Der junge Bursche von der Schröcker Alm aber war froh, daß er erklärt hatte, das Messer nicht zu kennen. Er wußte jetzt aber auch, daß die dunkle Erscheinung in dem Heubündel, das die Windsbraut auf der Schröcker Alm damals davongetragen hatte, keine Täuschung gewesen war.

 


 

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