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Sagen aus Vorarlberg

: Sagen aus Vorarlberg - Kapitel 10
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titleSagen aus Vorarlberg
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modified20170929
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Die weiße Frau von Rosenegg

Auf dem Schloß Rosenegg bei Bürs ließ sich zeitweise ein verzaubertes Burgfräulein sehen, das auf seine Erlösung wartete und die Menschen, mit denen es zusammentraf, inständig bat, das Erlösungswerk zu vollbringen. Einen reichen Schatz versprach es seinem Retter als Lohn. Ein Bürser Büblein soll der letzte gewesen sein, dem es sich zeigte.

Der Knabe war eines Abends knapp vor dem Dunkelwerden hinter dem Schloß eben dabei, ein Bündel Holz, das er gesammelt hatte, zusammenzubinden und nach Hause zu tragen. Da stand plötzlich das Burgfräulein in schneeweiß leuchtendem Gewande vor ihm, schaute ihn freundlich an und sagte:

»Büblein, lade dein Bündel noch einmal ab, du könntest mir einen großen Dienst erweisen. Jahrelang muß ich schon hier leben, du aber könntest mich heute erlösen; du wärst gerade der richtige Mann dazu.«

Das Büblein entgegnete: »Es ist schon recht spät; das Abendläuten ist auch lange vorüber, und meine Mutter wartet zu Hause auf das Holz für die Küche. Darum muß ich jetzt schnell heimlaufen und ihr das Holz bringen. Aber nach dem Nachtmahl will ich, weil gerade Mondschein ist, noch auf einen Sprung heraufkommen.«

»So geh jetzt«, meinte das Fräulein hierauf, »aber komm bestimmt wieder und vergiß nicht, drei geweihte Ruten mitzunehmen!«

Als der Junge sein Abendbrot verspeist hatte, sprang er rasch in die Oberstube, nahm drei geweihte Palmzweige und lief damit wieder zur Burg hinauf. Das Schloßfräulein kam ihm schon entgegen, lächelte ihn dankbar an und führte ihn ins Schloß hinein. Tapfer ging der Knabe hinter der hohen Gestalt einher, als es über eine steinerne Stiege zwölf oder fünfzehn Stufen tief in ein Gewölbe abwärts ging. Im hintersten Winkel des finsteren Kellers stand eine große eiserne Truhe, auf deren Deckel regungslos ein großer schwarzer Hund saß.

»Jetzt schau, lieber Knabe«, erklärte nun das Fräulein, »diesem Hund mußt du mit jeder deiner geweihten Ruten einen Schlag geben. Nach dem dritten Streich wird der Hund von der Kiste herabspringen' ich werde dir von meinem Schlüsselbund den Schlüssel zur Truhe reichen, und du kannst die Truhe aufsperren. Der Schatz, der drinnen ist, gehört dir, und ich bin erlöst.«

Der Knabe hörte aufmerksam zu und nickte verständnisvoll. Gleich nahm er eine Rute und gab dem Hund einen Schlag. Da begann das Tier bösartig zu knurren, daß es im ganzen Gewölbe widerhallte, rollte seine Augen und schwoll zu unheimlicher Größe an. Obwohl den Knaben ängstliches Grauen beschlich, griff er doch zu der zweiten Rute und schlug nochmals auf den Hund los. Aber nun wurde es noch ärger. Der Hund fletschte die Zähne und knurrte so laut, daß dem armen Jungen ein Schauer nach dem andern über den Rücken jagte. Die Augen des Tieres leuchteten wie Feuerräder, und sein Rücken wuchs bis zur Decke des Gewölbes an. Da war es um die Tapferkeit des Jungen geschehen. Die dritte Rute noch in der Hand, lief er weinend hinaus aus der Burg und über Stock und Stein bis nach Hause.

Hinter ihm aber kam das Burgfräulein aus dem Schloß heraus, rang jammernd die Hände und klagte: »Nun muß ich aufs neue hundert Jahre warten und hier leben, bis einer kommt, der mich erlöst.«

 


 

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