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Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 30
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Die Fee vom Sonnwendjoch

Im Inneren des über zweitausend Meter hohen Sonnwendjochs, das sich unweit des Städtchens Rattenberg am linken Innufer stolz in die Lüfte erhebt, wohnte einst eine stolze Fee, die Gebieterin des Berges und Schirmherrin alles Wildes, das sich an den Hängen und in den Felskluften des Gebirgsstockes tummelte.

Einst zog ein junger Ritter aus der Burg Mehrnstein, die in der Nähe von Brixlegg stand, zur Jagd aus und kam bei der Verfolgung einer Gemse am linken Innufer bis an den Fuß des Sonnwendjochs heran, wo schon das Schutzgebiet der Bergfee seinen Anfang nahm. Plötzlich trat ihm eine hohe, königliche Gestalt entgegen und erhob warnend die Hand. »Was jagst du auf meinem Grund?« rief sie dem Jäger zu. »Weißt du nicht, daß alles Wild hier herum unter meinem Schutz steht? Ich bin die Herrin dieses Gebietes und wünsche nicht, daß einem meiner Tiere auch nur ein Haar gekrümmt wird.«

»Verzeiht, edle Gebieterin«, erwiderte der Ritter, nachdem er sich gefaßt hatte, »ich wollte Euch nicht erzürnen; ohne zu wissen, daß ich Verbotenes tue, bin ich bis hierher vorgedrungen.« Der liebreizende Anblick der Herrscherin des Berges machte tiefen Eindruck auf den Ritter; auch die Fee fand Gefallen an der stattlichen Erscheinung des Jünglings. Sie gebot ihm, von der Verfolgung des Wildes für immer abzusehen, wenn er wünsche, daß sie ihm ihre Gunst schenken solle. Mit Freuden versprach es der Ritter.

Darauf führte ihn die Fee in ihr Reich mitten im Berg. Da gab es viel Herrliches und Wunderbares zu schauen: glänzende Paläste, prunkvolle Säle mit kristallenen Decken und mit Wänden aus rötlich schimmerndem Marmor. Wundervolle Gärten mit nie verblühenden Bäumen, grünende Matten voll friedlich weidender Herden, silberklare Bächlein zogen sich weit durch das Innere des Berges.

Die Fee schloß einen Herzensbund mit dem Ritter und steckte ihm zum Pfand ihrer Gunst ein Ringlein an den Finger. Oft ritt der Jüngling nun scheinbar zur Jagd aus, aber nie brachte er Beute mit sich; denn sein Weg führte ihn jedesmal in den Berg zu seiner geliebten Fee. Seine Freunde und Nachbarn wunderten sich; denn der Mehrnsteiner war ein geübter Jäger, der kein Wild verfehlte und schon manchen Bären oder Eber mit seinem Spieß erlegt hatte. Auch fiel es auf, daß er die umliegenden Burgen nie mehr besuchte und kein Auge für die zierlichen Edelfräulein in der Nachbarschaft hatte.

Da geschah es einmal, daß der Burgherr auf Schloß Rattenberg ein Vermählungsfest gab, wozu er auch seinen Freund, den Mehrnsteiner, einlud. Dieser konnte die Einladung nicht gut ablehnen und erschien bei der Feier. Das aber sollte sein Unglück sein. Ein schönes Edelfräulein aus Innsbruck, das gleichfalls als Gast anwesend war, schmeichelte dem Ritter den Ring der Fee ab, den sie an seinem Finger glänzen sah. Von den lächelnden Augen und werbenden Worten der Schönen betört, gab der Jüngling den Ring her.

Am nächsten Morgen freilich packten ihn Scham und Reue über seine Treulosigkeit Mit verlangendem Herzen eilte er an den Fuß des Sonnwendjochs, um die Fee um Vergebung für seine törichte Tat anzuflehen. Der Anblick eines weißen Rehs, das vor ihm über die Halde sprang, ließ seine alte Jagdlust wieder erwachsen. Er verfolgte das Tier bis zu einer Felswand, wo er bisher durch ein Klopfen mit dem Ringlein immer Einlaß in den Berg gefunden hatte. Aber diesmal nützte alles Pochen nichts; er hatte ja den Ring nicht mehr.

Da stand plötzlich die Fee vor ihm, nicht zürnend, aber ernst und würdevoll; tiefe Trauer schien auf ihren Zügen zu liegen. Sie hielt das Ringlein in der Hand.

»Du bist nicht treu«, sprach sie, »du schworst, stets nur an mich zu denken, den Ring nicht aus der Hand zu geben und nie mehr eines meiner Tiere zu verfolgen. Du hast dein Wort dreifach gebrochen; es wird dein Unglück sein. Leb wohl auf immer!«

Die Fee war verschwunden, bestürzt starrte der Ritter die leere, kahle Felswand an. Kaum hatte er die Stelle verlassen, schoß mit donnerndem Getöse eine Mure von der steilen Bergwand nieder und verschüttete eine weite Strecke.

Der Ritter soll nie mehr im Leben froh geworden sein. Später zog er aus dem Inntal fort; man sagt, er habe einen Zug nach dem Heiligen Land unternommen. Doch niemals kehrte er in die Heimat wieder.

 


 

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