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Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 29
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
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Die Silbertäufer von Hötting

Im Höttinger Gebirge unweit des Solsteins war einst ein großes Silberbergwerk, das reiche Ausbeute lieferte. Es mag wohl schon mehrere hundert Jahre her sein, da fanden die Bergknappen eines Tages einen so großen Silberklumpen, daß er nur mit Mühe und Not zutag gefördert werden konnte. Vier Ochsen waren notwendig , den Wagen mit der wertvollen Last, den dreizehn Knappen begleiteten, zur Münzstätte nach Hall zu fahren.

Als die lustigen Gesellen, die aus Freude über ihren seltenen Fund gar übermütig waren, zum Knappenwirtshaus in Hötting kamen, fanden sie es für geraten, eine Rastpause einzuschalten und auch ein übriges für ihren Durst zu tun. Der Durst war groß und der Wein nicht übel, was Wunder, daß sie bald des Guten zuviel getan hatten und ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig waren. Das wäre nun nicht das Ärgste gewesen, aber sie kamen in ihrem Rausch auf die tollsten Gedanken, und einer von ihnen rief: »Brüder, wie wäre es, wenn wir unser silbernes Kind auf dem Wagen einmal ordendlich tauften!« Jubelnd stimmten die anderen zu, und der Wirt, der dadurch seine Einnahmen kräftig erhöht sah, nährte eifrig diesen frevelhaften Gedanken. Nur einer der Knappen riet ihnen ernstlich ab, mit der guten Gottesgabe so arges Schindluder zu treiben.

Aber die betrunkene Rotte ließ sich nicht mehr abhalten, ihre unsinnige Absicht in die Tat umzusetzen. Jeder der zwölf Knappen nahm ein Schaff voll Wein und goß es über den Silberklumpen, der vor der Tür auf dem Wagen lag. Und wenn der vernünftige Kappe es einem zu wehren suchte, so rannte der erst recht ins Haus und holte ein neues Schaff mit Wein, um es lachend und spottend von neuem über den Klumpen zu schütten. Das trieben sie so lange, bis der Wein in Strömen auf der Gasse bis zum Mühlbach hinunterran.

Erst als sie dieses frevlerische Spiel doch zu langweilen begann, hörten sie damit auf und fuhren nach Hall weiter, wo der Klumpen sogleich in die Silberschmelze kam. Kaum aber war das Erz geschmolzen, da wallte es brausend und schäumend auf, mit donnerartigem Krachen zerbarst der Schmelzofen, und eine riesige blaue Flamme schlug lohend zum Himmel empor. In derselben Stunde sank der Wirt im Knappenwirtshaus vom Schlag getroffen tot um. Der Übermut der Knappen aber wurde dadurch nicht im mindesten gedämpft, ja, sie kehrten auf dem Rückweg in Hötting im gleichen Gasthaus ein, zechten und praßten und tanzten die halbe Nacht hindurch und ließen sich in ihrem tollen Treiben auch dadurch nicht stören, daß der Wirt im Nebenraum auf der Bahre lag. Die ausgelassenen Gäste verzierten sich die Hüte mit fetttriefenden Bratwürsten, steckten Runde Brotscheiben an Stelle der Gemsbärte hinter die Hutschnur und befestigten die goldgelben Schmalztüchlein als Rosetten an den Schuhen. Der Morgen dämmerte schon, als sie schwankend und gröhlend ihren Weg zur Silbergrube fortsetzten.

Kaum waren die zwölf gottlosen Knappen wieder in den Schacht eingefahren, als ein Grollen und Donnern den Berg erschütterte. Ein gewaltiger Bergsturz trat ein und begrub die Männer in der einbrechenden Silbergrube. Keiner von ihnen sah je das Tageslicht wieder, nur der dreizehnte, der vergeblich die Silbertaufe zu verhindern gesucht hatte, blieb am Leben, da er nicht mit den andern in den Berg eingefahren war.

Die Verschütteten müssen seitdem zur Buße für ihren Frevel als Hüter der Bergschätze ruhelos auf den Bergen umherwandern. Das Bergwerk in der Goldsteingruppe aber konnte später trotz wiederholter Versuche nie mehr in Gang gebracht werden.

 


 

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