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Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 28
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König Serles

Schroff und unnahbar ragen aus weiter Steinwildnis drei mächtige Felszinnen als Hüter des Stubaitales zum Himmel empor, schon vom Inntal aus deutlich sichtbar. Es ist das zerklüftete Felsengewirr eines gewaltigen Bergkolosses, welcher der »Serles« oder auch die »Waldrastspitze« genannt wird. Hier herrschte einst ein stolzer, wilder Bergkönig, Serles genannt, dessen grausamer Sinn und grimmiger Jähzorn vor den schändlichsten Untaten nicht zurückschreckte. Seine Ehefrau und seine Räte gaben ihm nichts nach an roher Grausamkeit und huldigten den gleichen schlimmen Neigungen wie der blutdürstige Herrscher.

Mit maßloser Leidenschaft war der König der Jagd zugetan. Hunde und Pferde galten ihm weit mehr als die Menschen, und wie der wilde Jäger hetzte er hinter dem Wild her. Wenn er einem flüchtenden Hirsch auf der Spur war und das fliehende Tier unter den weidenden Herden Zuflucht suchte, sprengte er mit seinen Begleitern mitten unter die friedlich grasenden Tiere, die in wildem Schreck auseinanderstoben. Dann spornte er seine wütende Meute an, Wild und Herde anzufallen und in blutiger Mordlust zu zerreißen. Die Hirten durften es nicht wagen, ein Wort dagegen zu reden; denn der grausame Tyrann hätte sich nicht gescheut, die rasenden Hunde auch auf sie zu hetzen. Wenn König Serles »Lustige Jagd« schrie, waren Hirt und Herden ihres Lebens nicht sicher. Sein Weib und seine Räte nahmen stets an diesen wilden Jagden teil und waren eines Sinnes mit dem mordgierigen Jäger.

Wieder einmal hatte der König einen von den Hunden aufgespürten Hirsch verfolgt, der sich auf der Flucht unter einer weidenden Rinderherde zu verbergen suchte. Als der wilde Jäger mit seiner Meute heranjagte und die Hunde nicht nur den Hirsch niederrissen, sondern auch die Herde mit wütenden Bissen anfielen, suchten die Hirten die Fanghunde abzuwehren, und einer von ihnen griff zur Armbrust und schoß einen der Hunde des Königs nieder. Da geriet der König in unbändigen Zorn und hetzte, angestachelt von seiner Ehefrau und den Räten, die ganze Hundemeute auf die wehrlosen Hirten. Grinsend sah er zu, wie sie von den wütenden Hunden zerfleischt und zerrissen wurden.

Nun aber war das Maß seiner Freveltaten voll. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, ein Brausen und Tosen erfüllte die Luft, und ein entsetzliches Gewitter brach los, das die Erde in Nacht und Grauen hüllte. Als das wilde Toben der Elemente vorüber war und sich der Himmel wieder aufhellte, war von König Serles und seinen Begleitern nichts mehr zu sehen. An Stelle des stolzen Königsschlosses, das auf der sonnigen Alpenhöhe gestanden hatte, starrten wüste Steintrümmer in kahler Nacktheit in die eisige Luft. Davor aber ragten drei schneebedeckte Gipfel zum Himmel empor, König Serles, die Königin und seine Räte. Und rundherum lagen die Jäger und Hunde, stumm und starr, alle zu Stein geworden.

In stürmischen Nächten kann man unten im Tal das Kläffen und Heulen der Hunde hoch oben in den Felsen vernehmen. Wenn aber Gewitter um die steilragenden Klippen des Berges toben, zuckt Blitz um Blitz auf die versteinerten Gestalten hernieder.

 


 

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