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Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 27
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
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Das Kaserlmandl von Oberwalchen

Einmal im Spätherbst, als das Vieh schon heimgefahren war, gingen ein Tuxer, ein Voldersberger und ein Wattenberger durch das Wattental, kehrten in Walchen ein und führten sich einige Gläschen bitteren Enzians zu Gemüt, wie ihn die Walchener gern trinken. Sie brauchen ihn aber auch zu ihrer harten Arbeit im Holz und auf der Alm. Wie nun die drei Gäste in munterem Gespräch beisammen saßen, schaute der Tuxer von ungefähr durchs Fenster hinaus und sah in der nicht weit entfernten Almhütte einen hellen Lichtschein aufglänzen.

»Teufel, Teufel«, schrie der Tuxer erbost, »ist das höllische Kasermandl schon wieder auf der Alm eingezogen. Stellt Holzknechte und Wilddiebe!«

»Pst!« machte der Wirt und sagte: »Nicht so laut! Schimpf nicht über ihn; er ist kein Guter, hat Augen und Ohren wie eine Gemse, und hört er nur ein unrechtes Wort, gleich laßt er dir's bitter entgelten! Erst im vergangenen Sommer hat er einmal die Kühe mit einer Kette zusammengehängt, daß ihnen die Köpfe anschwollen und die Augen herausstanden wie Krebsen. Darauf hat ihn der Senner einen >Teufelsreiter< geheißen; das mußte er aber schwer büßen. Denn in der folgenden Nacht hat das Mandl dem Senner die beste Kuh erwürgt und ihm selber die Pfeife in den Schlund gestoßen, daß es ihn fast das Leben gekostet hätte. Ein Gutes aber hat er damit wenigstens auch angestiftet; der Senne hat seitdem das Fluchen unterlassen.«

Kopfnickend bestätigte die Wirtin die Worte ihres Mannes und setzte hinzu: »Jaja, dieser Almgeist in Gestalt eines >Kasermandls< (Senner) muß große und schwere Sunden abzubüßen haben. Denn stundenlang läuft er die ganze Alm ab, bis er niederstürzt, weil er vor Ermattung nicht mehr weiter kann. Manche sagen, dieser Geist sei gar kein Kasermandl, sondern der verwunschene frühere Besitzer der Alm der seinem Nachbar ein Drittel des Almbodens gestohlen hat und zur Strafe dafür rastlos die Grenzen der Alm abjagen muß.«

»Haha, Base«, rief der Tuxer der ihm verwandten Wirtin zu, »da muß ich lachen. Geist, Mensch oder Hund, das gilt mir gleich; ich fürchte mich nicht vor ihnen!«

Bei diesen Worten erhob er sich, ging vor das Wirtshaus hinaus und stellte sich auf den Brunnentrog, wobei er ausrief: »Komm her, du Höllenhund, ich hab' keine Angst vor dir!«

Aber er hatte noch nicht ausgeredet, da stand auch schon der Almgeist vor ihm, ein graues Männchen vom Wirbel bis zur Zehe, und streckte drohend den Arm aus. Da war's mit dem Mut des Tuxers vorbei. Schnell sprang er in die Stube und verriegelte die Tür. Mit klopfendem Herzen warteten die Älp1er, was sich weiter ereignen werde. Aber es geschah nichts, und mit der Zeit meinten die Männer, das Ganze sei eine Täuschung gewesen, und begannen den Tuxer mit seiner Spukgestalt zu hänseln. Nachdem sie zur weiteren Beruhigung noch ein paar Gläschen hinter die Binde gegossen hatten, stiegen sie ins Heu, um ihr Nachtlager aufzusuchen. Aber kaum hatten sie sich hineingestreckt, so ging der Tanz los. Ein Höllenlärm, ein Dröhnen, Stampfen und Werfen begann, daß die ruhebedürftigen Gäste nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Am meisten schien es der unsichtbare Quälgeist auf den Tuxer abgesehen zu haben. Da kamen Melkkübel, Butterfässer, Tragkörbe, Heugabeln, Ketten geflogen, und der Tuxer mußte sich tief ins Heu einwühlen, sonst wäre er zehnmal des Todes gewesen. Schließlich stampfte das zornige Kasermandl auf dem wehrlosen Tuxer mit den Füßen herum, riß ihn bei den Haaren und zerzauste ihn jämmerlich.

»Um Gottes willen, helft mir, helft mir!« schrie der geängstigte Tuxer, bis er vor Schmerz und Angst gar die Besinnung verlor.

Seine beiden Begleiter hörten den höllischen Lärm, konnten sich aber nicht rühren; das Kasermandl hatte sie bewegungslos gemacht Am anderen Morgen fand man den Tuxer wie tot im Heu liegen, zerrissen, zerkratzt, voll blauer Beulen. Aber zum Glück war der Gastgeber ein guter Viehdoktor; der goß ihm einen belebenden Trank ein, und der brachte den Ärmsten wieder auf die Beine.

Am Nachmittag traten sie kleinlaut und bescheiden den Heimweg an. Besonders der großmäulige Tuxer trottete wortlos hinter seinen Gefährten her und verwünschte im stillen noch immer seine unüberlegten Worte vom Vorabend, die die Rache des Kasermandls herausgefordert hatten.

 


 

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