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Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 2
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Kaiser Maximilian in der Martinswand

Kaiser Maximilian schien dazu geboren, allerlei Gefahren schadlos zu überstehen. Er liebte am meisten die gefährlichste aller Jagden, die Gemsjagd, und hat dabei viele Todesgefahren glücklich überstanden.

An der Landstraße von Augsburg nach Innsbruck erhebt sich in der Nähe des Dorfes Zirl in Tirol ein jäher, überhoher Fels, der gleich einer Mauer ernporsteigt, St. Martinswand genannt. Auf dieser Wand verstieg sich Maximilian einst (1493), als er den Gemsen nachkletterte, so daß er schließlich weder vorwärts noch rückwärts konnte. Wo er sich hinwandte, hatte er den Tod vor Augen. Blickte er über sich, so drohten ihm die hängenden Felsen, die sich abreißen konnten; sah er unter sich, so erschreckte ihn eine grausige Tiefe von mehr als hundert Klaftern. Mit Seilen und anderen Werkzeugen konnte ihm niemand nahekommen, und einen Weg durch die Felswand hätten alle Steinbrecher nicht in Monatsfrist öffnen können. Unten im Grunde liefen händeringend seine Hofleute, aber sie vermochten ihm nicht zu helfen. Zwei ganze Tage und Nächte hatte er schon in dieser schrecklichen Lage zugebracht, und er mußte sich dem Gedanken hingeben, daß dieser Fels ihm den Tod bringen werde. So laut er konnte, rief er den Seinen nach unten zu, man möchte die Priester mit dem heiligen Sakrament kommen lassen und es ihm entgegenhalten, damit er sich zum Sterben rüsten könnte.

Inzwischen erscholl die betrübende Nachricht von diesem Unfall durch das ganze Land. In allen Kirchen wurde die göttliche Allmacht um Rettung angerufen, und Gott erhörte das Gebet des treuen Volkes.

Am dritten Tage, während Maximilian nur noch mit Sterbegedanken umging, hörte er in der Nähe ein Geräusch. Ein Jüngling in Bauernkleidern kroch daher, machte einen Weg im Felsen, bot ihm die Hand und sprach: »Seid getrost, gnädiger Herr, Gott lebet noch, der euch retten kann und will. Folget mir und fürchtet euch nicht, ich will euch dem Tode entführen!«

Nach kurzer Zeit brachte der Führer ihn auf einen Steig, der ihn bis zu den Seinen leitete, wo er mit großer Freude empfangen wurde. In dem jetzt entstehenden Gedränge verlor sich der Jüngling, der ihn geführt hatte; er konnte nachmals nirgends aufgefunden werden, und man achtete ihn deshalb für einen Engel Gottes.

Der Kaiser wurde mit Speise und Trank gelabt, matt und blaß aufs Pferd gesetzt und nach Innsbruck geführt, wo ihn sein Vetter Erzherzog Siegmund froh bewillkommnete und ein großen Dankfest anstellte.

Maximilian ließ die Stelle am Felsen später mit einem Kreuze versehen und feierte jedes Jahr den Tag seiner Rettung in tiefster Einsamkeit mit Gebet und Fasten.

 


 

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