Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Tirol

: Sagen aus Tirol - Kapitel 14
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
typelegend
created20020117
senderhille@abc.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Der Adasbub von Längenfeld

Vor langer Zeit hauste auf einem Bauernhof bei Längenfeld im Ötztal ein riesiger Bursche, den man allgemein Adasbub hieß, ein schändlicher Kerl, von bärenmäßiger Kraft, ein Raufer, wie es weit und breit keinen gab, dabei Wildschütz und Tagedieb, eitel und prahlerisch, der nichts als ruchlose Gedanken im Kopf trug. Er war mit einem Sack voll Geld, das er geraubt und erpreßt hatte, aus dem Krieg nach Hause gekommen und verpraßte nun sein Diebsgut mit einer Rotte gleichgesinnter Spießgesellen.

Tagelang hockte er in den Wirtshäusern umher, prahlte und soff und prunkte dabei mit seiner neuen Samtweste, an der die nagelneuen Silbertaler glänzten und klingelten. Die jungen Burschen, die in seiner Gesellschaft waren, schämten sich ihrer einfachen Bekleidung und suchten es ihm gleichzutun, was ihren bäuerlichen Eltern gar manches Öchslein im Stall kostete. Niemand wagte es, gegen den Adasbuben aufzutreten; denn seine Starke war so groß, daß er einmal bei einer Rauferei gegen fünfzig gesiegt hatte, die über ihn hergefallen waren. Wenn sich aber einer den Unhold zum Feind gemacht hatte, mußte er fürchten, daß ihm über Nacht ein Wildbach in seine Stube geleitet oder Felsblöcke auf das Hausdach gewälzt wurden. War es doch Tag für Tag die größte Lust des üblen Gesellen, böse Streiche auszusinnen und die schändlichsten Untaten zu verüben, wobei seine Kumpane wacker mithalfen. Sie hoben den Leuten die Haustore aus den Angeln und trugen sie weit fort auf das Feld oder in den Wald hinein, stellten Wagen auf die Dächer der Häuser, brachen in die Kirchen ein und räumten die Opferstöcke aus oder tranken mit johlendem Gelächter den Meßwein, wobei sie unter wütendem Geschimpf den Priester zum Teufel wünschten. In die Feldkapellen sperrten sie Ziegenböcke ein und schrien, sie sollten den Gläubigen etwas vormeckern. Nicht einmal die Grabkreuze auf den Friedhöfen hatten ihre Ruhe vor den Schandbuben. Die bezechte Horde grub sie aus der geweihten Erde aus und steckte sie verkehrt wieder in den Boden, jubelnd und grölend, nun stünde der Herrgott einmal auf dem Kopf.

Eines Tages wurde eine neue Schandtat ausgeheckt. Auf dem Burgstein bei Längenfeld hatte der Einödhofbauer sein Anwesen. Seine Tochter, ein blühendes Mädchen, führte die Wirtschaft. Auf diese hatten die wüsten Gesellen, allen voran der Adasbub, es diesmal abgesehen. Der Vater aber erhielt Kunde von dem schrecklichen Plan und war auf der Hut. Als die verrohten Burschen nachts lärmend in sein Haus einbrachen, griff er zum Beil und spaltete dem als ersten eindringenden Adasbuben mit einem wuchtigen Hieb den Schädel, daß er tot zusammenbrach. Die andern, ihres Führers beraubt, wandten sich erschrocken zur Flucht.

Lärm und Geschrei hatten die Nachbarn aus ihrer Nachtruhe aufgescheucht. Sie kamen herbeigeeilt, hörten, was vorgefallen, und sahen den Unhold tot vor der Haustür liegen. Alle dankten dem Einödhofbauern, daß er die Gegend von diesem greulichen Unmenschen befreit habe. Der Kopf wurde in das Beinhaus der Kirche von Längenfeld gebracht, wo er heute noch zu sehen ist. Man kann ihn leicht an dem Spalt erkennen, der in der Schädeldecke klafft und vom Axthieb des Bauern herrührt.

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.