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Sagen aus Thüringen

: Sagen aus Thüringen - Kapitel 56
Quellenangabe
titleSagen aus Thüringen
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Der wilde Jäger und sein Gefolge in den Zeitzer Wäldern

Kein vernünftiger Mensch hält sich um die Fastnacht herum in den großen Zeitzer Wäldern bei Nickelsdorf auf; denn um diese Zeit jagt dort der wilde Jäger. Da waren nun doch einmal mehrere Holzhauer ins Dorteldickicht und in den Töpfergraben gegangen und hatten über den alten Aberglauben gespottet, als ihnen ein bejahrter Mann zu baldiger Heimkehr riet.

Sie sprachen noch darüber, da stießen sich einige an und deuteten seitwärts. Der dort kam, war niemand anderer als der Mann, von dem eben die Rede gewesen war. Er sah etwas vermoost aus, trug nach Jägerart einen hohen Hut mit einem Pinsel darauf und ein grünes Gewand. Vor sich her aber trieb er mit dem Rufe: Wutsch! Wutsch! ein ganzes Rudel junger, kläffender Hunde. Quer durchs Gehölz stampfte der unheimliche Geselle, kaum zehn Schritt entfernt von den Holzhauern, die vor Angst keinen Laut hervorbrachten; keinem bot der Mann einen guten Tag oder Abend und verschwand dann jählings vor ihren Augen im Wald.

Ein armer Schusterjunge aus Willmars, der dem Knieriemen des Meisters entlaufen war, schlich sich nach der Stockheimer Warte, kletterte an einer alten Tanne bis in ein Fensterloch und gedachte, hier den Tod zu erwarten. Um Mitternacht hörte er auf einmal den Wind gar schauerlich heulen. Bald mischten sich auch noch andere Töne in den Sturm, und als der Bursche zur Erde niederblickte, sah er ringsum alles trippeln und trappeln. Es glich einer Flucht, aber er konnte es nicht genau unterscheiden. Kaum war dieses Gewimmel vorüber, so kam ein Trupp großer Hunde herangezogen; danach folgte ein wilder Jäger auf einem Schimmel, nach diesem wieder ein Haufen zu Pferd, Männer und Weiber, alles bunt durcheinander. Sie sangen aber eine gar liebliche Melodie. Hinter ihnen trabte noch eine Schar lediger Pferde; darauf schloß der Zug wieder mit einem Trupp großer Hunde mit langen, buschigen Schwänzen. Um eins nach Mitternacht war der ganze Spuk vorbei.

In einem Haus in Wasungen, worin drei Türen aufeinanderstießen, hielt das wütende Heer in der Neujahrsnacht mit Sang und Klang seinen Durchzug, und deutlich vernahm man dabei die Worte: »Umgürt mich und schürz mich, daß ich auch mitkomm!« Es waren lauter krüppelhafte Gestalten, die dann über die Werra hinüberzogen und dort ihre unbekannten Bahnen weiter verfolgten. Einmal schnitt einer aus dem Heere in jenem Haus einen Laib Brot an, der, soviel auch davon gegessen wurde, sieben Jahre anhielt, bis das Heer seinen Durchzug aufs neue begann.

Bei Schwarza ging der treue Eckart dem wilden Heere voraus und forderte die Leute auf, aus dem Wege zu weichen, damit ihnen kein Leid widerfahre. Ein paar Bauernknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Hause tragen wollten, als der Zug erschien. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, da wichen die Jungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke. Bald aber traten verschiedene Weiber aus der vorüberziehenden Rotte, nahmen den Knaben die Kannen aus den Händen und tranken. Die Knaben schwiegen, obwohl sie bangten, mit leeren Krügen nach Hause zu kommen.

Da trat sogleich der treue Eckart herbei und sagte: »Das riet euch Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt; sonst wären euch eure Hälse umgedreht worden. Geht nun flugs heim und sagt keinem Menschen von dem Erlebten! Dann werden Eure Kannen immer voll Bier sein.«

Das taten die Knaben auch, und es war wirklich so: die Kannen wurden nicht leer. Doch nur drei Tage beachteten die Knaben die Mahnung. Dann konnten sie es nicht länger mehr aushalten und erzählten ihren Freunden den Verlauf der Sache. Da war es aus mit dem Trunk, und die Krüglein versiegten auf immer.

 


 

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