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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 99
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Romeias von Villingen

Vor mehr als vierhundert Jahren lebte in Villingen ein Mann namens Romeias. Er war auf dem Käferberg geboren und von riesenhafter Größe, seine Eltern dagegen waren beide von kleiner Statur. Wenn er durch die Gassen ging, dann vermochte er in den zweiten Stock der Häuser zu sehen. Er trug dabei hohe Pfauenfedern auf dem Hut, wodurch er noch größer erschien. Eines Tages hatte er auf einen Wagen zwei Baumstämme geladen, aber die davorgespannten Ochsen konnten die Fuhre nicht vorwärts bringen. Da lud er die zwei Tiere einfach zu den Stämmen auf den Wagen und zog die ganze Last allein nach Hause.

Oft ward Romeias auch in den Wäldern in der Gegend um Villingen gesehen, denn er jagte und wilderte hier gerne. Er war gefürchtet in der Stadt, weil er stark und jähzornig war, er war aber auch bei vielen beliebt, weil er zuvorkommend und hilfsbereit war. Außerdem war er berüchtigt, weil er sein Leben lang immer in Händel verstrickt war. So hat er in den vielen Streitfällen mit Hornberg, Haslach, Rottweil und anderen Orten manchen wackeren Streich verübt. Eine schöne Glocke soll er in Düningen, einem benachbarten Dorf im Württembergischen, geraubt und nach Villingen gebracht haben. Ein besonderes Kunststück vollbrachte er in einem Streit mit der Stadt Rottweil. Bei Nacht und Nebel schlich er sich vor die Rottweiler Stadtmauer und schlug die Wache vor dem Tor nieder. Hierauf hob er den hölzernen Torflügel aus den Angeln, lud ihn auf seine Schultern und trug ihn., ohne ihn nur einmal abzusetzen, bis auf den Stumpen, einen zwischen Villingen und Rottweil gelegenen Hügel. Ja, andere erzählen sogar, er habe beide Torflügel mitgenommen. Drei Viertelstunden von Rottweil weg sei er auf einem Bühl steckengeblieben und habe sich dann umgeschaut, ob er nicht verfolgt werde. Der Platz heißt heute noch Guckebühl. Die Torflügel soll man im Villinger Oberen Tor eingesetzt haben.

Einmal gebrauchte Romeias scharfe Worte gegen den Schultheißen der Stadt. Da niemand wagte, Hand an den starken Mann zu legen, ersann der Schultheiß eine List, um ihn gefangenzusetzen. Romeias erhielt den Auftrag, aus dem größten Verteidigungsturm, dem Michaelisturm, einen Steinklotz herauszuholen. Niemand sei dazu imstande außer ihm. Arglos stieg er in das tiefe Verlies hinab. Da zog man blitzschnell die Leiter in die Höhe und Romeias saß im Turm. Täglich wurde ihm ein kleines Kalb oder ein Schaf in das Gefängnis geworfen. Romeias sammelte nun die abgenagten Knochen. Als er genug beisammen hatte, steckte er sie in die Löcher und Ritzen der Mauer und stieg an ihnen wie auf einer Treppe die Mauer hinauf, durchbrach die Balkendecke und gelangte so unter das Dach des Turmes. Hier fand er eine Menge Stroh und drehte sich daraus ein starkes Seil. Nachts schlüpfte er durch eine Mauerlücke und ließ sich an dem Strohseil auf die Ringmauer herab. Von hier aus gelangte er in das Asyl der Johanniter, wo er fürs erste geborgen war. Aber obgleich die Kirche alsbald von einer starken Wache umstellt wurde, gelang es ihm doch, aus der Stadt zu fliehen.

Nach seiner Flucht kam Romeias auf die Küssaburg bei Waldshut. Dort wurde er als Büchsenmeister eingestellt und half, die Burg gegen die Schweizer zu verteidigen. Er hielt sich so tapfer, daß Kaiser Maximilian, dem das Schloß gehörte, Romeias lobte und ihm eine Pfründe im Spital zu Villingen zuwies. Der Magistrat mochte sich stellen, wie er wollte, es blieb ihm nichts anderes übrig, als den tapferen Mann in Ehren wieder aufzunehmen.

Später zog es Romeias noch einmal hinaus in Krieg und Streit. Er ließ sich vom französischen König in Sold nehmen und kämpfte in Oberitalien für ihn, wo er im Jahre 1513 in der Schlacht bei Novara fiel.

 


 

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