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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 9
Quellenangabe
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Die Wettenburg

Eine halbe Stunde oberhalb von Wertheim, auf einem Berg, den der Main auf drei Seiten umfließt, lag einst die Wettenburg. Seine letzte Besitzerin war eine geizige Gräfin, die einen Teil des Flusses auch um die vierte Seite leiten wollte, um dadurch ganz sicher vor den vielen Bettlern zu sein. Sie belegte daher ihre Untertanen rücksichtslos mit schweren Fronarbeiten zu allen Tag- und Jahreszeiten. Auch den Vorstellungen des Schloßvogtes, Gott könne es mißfallen, wenn sie den Lauf des Flusses so willkürlich abändere, schenkte sie kein Gehör. »Es mag Gott lieb oder leid sein, mein Vorhaben muß ausgeführt werden, und so wenig ich diesen Ring wiedersehe, so wenig unterbleibt es!« erwiderte sie. Bei diesen Worten zog sie einen Ring vom Finger und warf ihn in den Fluß. Noch an demselben Tag, als auf der Burg ein Gelag sein sollte, fand der Koch den Ring in einem frischgebackenen Karpfen und brachte ihn der Gräfin, die sorglos bei ihren Gästen saß. Als die den Ring erblickte, erschrak sie sehr und erbleichte; zugleich zuckte ein greller Blitz durch den Raum, ein Donnerschlag folgte, und das Schloß mit allen Anwesenden versank mit großem Getöse im Berg.

Alle sieben Jahre, am Untergangstag der Burg, ist diese auf dem Grund des Mains in allen Einzelheiten zu sehen. Oben auf dem Berg, wo die Burg einst stand, erscheint ebenfalls alle sieben Jahre eine Höhle mit einem Felsen daneben, in dem ein großer Ring eingedrückt ist. Darauf legte einst ein Küfer sein Bandmesser und schlief dabei ein. Beim Erwachen sah er keinen Felsen und kein Messer mehr; erst nach sieben Jahren fand er beide wieder, als er am gleichen Tage dahinkam.

Ein Schäfer, der sich einst vor dem Regen in die Höhle geflüchtet hatte, verfiel darin in Schlaf; nach seinem Erwachen waren unterdessen siebenmal sieben Jahre vergangen, und er traf zu Hause alles so verändert an, daß er sich nicht mehr auskannte.

Zu dem tiefen Schacht, der nach dem Untergang der Burg auf deren altem Platz geblieben war, kam einmal der Schäfer von Kreuzwertheim und erblickte in der Öffnung einen eisernen Handlauf, welcher über Stufen in die Tiefe führte. Er stieg hinab und kam in eine helle leere Stube. Daneben lagen einige weitere Zimmer. Als er weiterging, begegnete ihm eine alte Frau. Sie führte ihn durch viele prächtige Gemächer mit kostbaren Einrichtungen und in einen schönen Garten. Hier ließ sie ihn allein. Er blieb längere Zeit an diesem Ort. Endlich, nach langem Suchen, entdeckte er einen unterirdischen Gang und gelangte durch ihn ins Freie. Als er dann nach Hause kam, wollte seine Frau mit einem anderen Manne gerade Hochzeit machen. Sie hatte ihn längst für tot gehalten; denn nicht sieben Tage, wie er glaubte, sondern sieben ganze Jahre hatte er sich im Berge aufgehalten. Während dieser Zeit war ihm der Bart bis zum Gürtel gewachsen.

Einigen Buben aus Kreuzwertheim, die in der Nähe des Schachtes Vieh hüteten, kam die Lust an, zu erkunden, wie es im Berginnern aussehe. Sie flochten daher ein Seil aus Lindenbast und ließen daran einen von ihnen in den Schacht hinab. Wenn er an dem Seile zöge, sollten sie ihn wieder herausholen. Der Junge kam in eine Stube hinein, in der um einen Tisch mehrere Männer und Frauen in alten Trachten regungslos saßen; ebenso starr lagen zwei Hunde auf zwei Truhen hingestreckt, in deren Schlössern die Schlüssel staken. Der Junge erschrak furchtbar und ließ sich sofort wieder aus dem Schacht herausziehen. Er erkrankte hernach, und nach wenigen Tagen verstarb er.

 


 

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