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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 88
Quellenangabe
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Doppelte Gestalt

Zu Berneck im Schwarzwald (Tennenbronn) hatte sich ein Mädchen heftig in einen jungen Mann verliebt und meinte, nicht mehr ohne ihn leben zu können. Der Mann verheimlichte ihr aber, daß er verheiratet war. Als sie dies nach einiger Zeit doch erfuhr, wurde es ganz schwermütig. In dieser Stimmung ging es einst in den Wald und traf dort eine alte Frau, die es nach der Ursache ihres Kummers fragte. Anfangs wollte das Mädchen mit der Sprache nicht heraus. Als die Frau ihm aber Hilfe versprach, erzählte es alles. Hierauf sagte die Alte: »Wenn du den Mann um jeden Preis haben willst, so laß dir jetzt, wenn es auch weh tut, von mir sieben Haare vom Kopfe reißen.« Da legte das Mädchen ohne Bedenken den Kopf in den Schoß der Frau und ließ sich von ihr sieben Haare ausziehen. Die Alte wickelte sie in ein Papier und machte auch sonst noch einige geheimnisvolle Bewegungen. Das Mädchen mußte die Haare unterm Kleid auf dem Rücken tragen und konnte nun hexen. Das übte es fleißig und zauberte oft den Mann zu sich her. Es gelang ihm auch, dessen Frau kennenzulernen und deren Vertrauen zu erwerben. Es überredete sie schließlich auch, mit ihm auf den Blocksberg zu fahren, um zu sehen, wie prächtig es dort sei. Die Frau widerstand lange, konnte aber dann doch ihre Neugierde nicht überwinden und sagte zu. In einer Nacht zwischen elf und zwölf Uhr kam das Mädchen in einer Kutsche, welche mit Schmetterlingen bespannt war, vor das Haus. Die Frau bekam Bedenken und wollte nicht einsteigen. Das Mädchen hatte den Mann zuvor in tiefen Schlaf gezaubert. Als die Frau immer noch nicht wollte, riß das Mädchen die Frau zum Fenster heraus und warf sie, ohne mit einzusteigen, in die Kutsche, die sich sogleich in die Lüfte erhob. Die Frau erwachte allein und verlassen aus einer tiefen Ohnmacht im Welschland. Zum Glück fand sie bald ein Unterkommen bei freundlichen Leuten, die sie im Haushalt aufnahmen. Sechs Jahre weilte sie im Welschland, bis sie so viel erspart hatte, daß sie die Heimreise antreten konnte. In der Nähe von Berneck erfuhr sie, daß niemand ihre Abwesenheit bemerkt habe, daß aber das Mädchen seit sechs Jahren verschwunden sei.

Dieses hatte nämlich, als die Frau kaum fort war, deren Gestalt und Stimme angenommen, mit dem getäuschten Manne zusammengelebt und ihm im letzten Jahr ein Kind geboren. Als die Frau wieder in ihr Haus kam, erblickte sie eine ihr ganz ähnliche Gestalt am Brunnen stehen und ihre beiden Kinder, die inzwischen größer geworden waren, im Hofe umherspringen. Sie ging in die Stube, wo ihr Mann saß und ein kleines Kind in der Wiege neben sich hatte. Kaum hatte sie ihn angeredet, da kam das frühere Mädchen zur Tür herein, und der Mann rief voller Verwunderung aus: »Was ist denn das, ich glaube, ich habe zwei Frauen!« Da sprang das Mädchen zur Wiege, riß ihr Kind heraus und eilte mit ihm davon. Nach neun Tagen wurden beide tot im Wasser gefunden. Der Mann und seine Frau aber lebten nun miteinander in Liebe und Einigkeit.

 


 

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