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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 32
Quellenangabe
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Der Pfalzgraf von Tübingen und Meister Eppen

In einem Dorf im Schwarzwald, Pfalzgrafenweiler genannt, stand einst eine Burg, von der heute nur noch wenige Ruinen übrig sind. Hier wohnte ein Graf von Tübingen, der auch viel zu jagen pflegte.

Einmal zog dieser Graf ins Holz. Da kam ihm ein winzig kleines Männlein entgegen, das zwei Jagdhündchen an einer Koppel führte. Der Kleine nannte sich Meister Epp. Die zwei Hündchen hießen Will und Wall. Der Graf fand an Epp und seinen Hündchen so viel Gefallen, daß er sie mit nach Pfalzgrafenweiler nahm. Er behielt sie bei sich und fing, weil er mit Meister Epp und dessen Hunden häufig in den Wald zog, so viel Wildbret, daß er niemals ohne Beute heimkam. Außerdem fühlte er sich, solange er dieses Erdmännlein oder Jägerlein in seinem Schlosse hatte, glücklich an Leib und Seele.

Einmal jagte der Graf mit seinem Jägermeister Eppen und dessen zwei Hündchen Will und Wall hinter dem Schloß Feherbach. Wie sie nun in den Wald kamen, brachten die zwei Hündlein einen mächtigen Haupthirsch auf die Füße, der nicht aus diesem Lande war. Das Tier flüchtete zuerst nach der Stadt Horb und in einen Wald, der Weitow geheißen wurde, nach Tübingen, dann aber weiter nach Gmünd, Ellwangen, Dinkelsbühl, Nürnberg und durch den Böhmerwald bis nach Prag. Der Graf und seine Jägermeister zogen den ganzen Tag mit den Hunden hinter dem Hirsch her bis zur Nacht und frühmorgens wieder, bis sie endlich nach mehreren Tagen nach Prag kamen.

Damals herrschte in der Prager Burg der König von Böhmen. Als der Graf mit seinem Jäger und den Hunden an die Pforte kam, war sie verschlossen. Die beiden Jagdhündchen Will und Wall aber waren so laut, daß sich manche darüber wunderten. Das wurde dem König gleich überbracht, der sie einlassen ließ, worauf der Graf mit seinem Jägermeister und den Hündchen bis in des Königs Saal zogen, wo an die Tausend Hirschgeweihe hingen. Als die beiden Hündchen nun das Geweih des Hirsches, den sie die Tage über gejagt hatten, über sich sahen, wurden sie abermals so laut, daß sich der König darüber wunderte. Auf seinen Befehl nahm man die zuletzt aufgehängten. Hirschgeweihe herab und legte sie den beiden Hündchen vor. Sie fielen darüber her wie Hunde, die einen Hirsch festhalten. Daraufhin sagte des Königs Jäger, daß dieser Hirsch erst am Tage zuvor gefangen worden sei, woran man erkennen konnte, daß es derselbe Hirsch war, den die Hunde zuerst im Wellerwald bei Feherbach aufgespürt hatten. Der König von Böhmen war verwundert, und nun erzählte ihm der Graf von Tübingen von Anfang bis zum Ende, wie ihm sein Jägermeister Epp mitsamt seinen zwei Jagdhunden in dem Holze begegnet, ihm hernach allemal das jagen gelungen war und er nie leer von der Jagd heimgekommen sei, wie er ferner diesen Hirsch am Weilerwalde zuerst angetroffen und ihn dann all die Tage bis hierher verfolgt habe.

Als der König solche Abenteuer vernahm und des Grafen Namen hörte, erkannte er ihn und fand seinen Namen in etlichen Briefen geschrieben, aus denen ersehen und bewiesen werden konnte, daß der Pfalzgraf des Königs Feind war, worüber der Pfalzgraf nicht wenig erschrak. Der König aber sagte zu ihm, er solle nicht erschrecken, bei ihm sei er an Leib und Gut sicher. Schließlich wurden der König und der Graf sich in allen Dingen einig, und der König ließ seine Ungnade fallen.

Nach einer gewissen Zeit, als der Graf mit seinem Jägerlein und mit Will und Wall Abschied nehmen wollte, bat ihn der König so ernstlich um die zwei Hündchen mit dem Anerbieten, er werde ihm dafür nichts versagen, um was er ihn auch bitten möchte. Darauf redete der Graf mit seinem Jäger Eppen. Aber dieser widerriet dem Grafen, es zu tun, und so versagte auch der Graf dem König die Bitte. Doch der König ließ nicht nach mit Drängen, so daß der Pfalzgraf endlich nachgiebig wurde und dem König die Hündchen schenkte. Aber das Jägerlein wollte sich von seinen lieben Hündchen nicht trennen und blieb beim König zu Prag.

Kurze Zeit danach rüstete der König von Böhmen den Pfalzgrafen von Tübingen mit Knechten und Pferden und auch mit anderen Geschenken aus und ließ ihn in allen Gnaden ziehen. Der Graf reiste wieder nach Pfalzgrafenweiler. Aber bald regte sich in ihm das Verlangen nach seinem Meister Eppen und den Jagdhündlein. Das wurde so stark ihn ihm, daß er anfing, an Leib und Seele abzunehmen. Er starb bald darauf. Seine Nachkommen verließen Pfalzgrafweiler, gleichwohl änderte der Ort den Namen nicht.

Vielen Vermutungen nach hat sich diese Geschichte unter Kaiser Heinrich III. zugetragen, der das Land des Königs von Böhmen mit. Krieg überzogen hatte.

 


 

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