Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 174
Quellenangabe
titleSagen aus Schwaben
typelegend
created20020117
senderhille@abc.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Der Riese Romeias von Villingen

Vor mehr als fünfhundert Jahren lebte in Villingen im Schwarzwald ein Mann von riesenhafter Größe und Stärke namens Romeias, dessen Eltern durchaus nicht über das gewöhnliche Menschenmaß reichten. Wenn Romeias durch die Stadt schritt, konnte er in den zweiten Stock der Häuser sehen. Die drei langen Pfauenfedern, die er auf dem Hut trug, ließen ihn noch größer erscheinen.

Eines Tages hatte Romeias auf einen Wagen, der mit zwei Ochsen bespannt war, einige mächtige Baumstämme geladen. Die Ochsen konnten aber die schwere Last nicht fortbringen. Da hob er die Zugtiere zu den Stämmen auf den Wagen und zog das Gespann allein nach Hause.

Die Villinger wählten den starken Romeias zum Anführer ihrer Bürgerwehr. In den zahlreichen Streitfällen, die seine Vaterstadt mit Hornberg und Rottweil auszufechten hatte, vollführte der Riese manch wackeren Streich und brachte ansehnliche Beute mit heim. Ein ganz besonderes Kraftstück, das ihm den Ehrennamen »Villinger Simson« verschaffte, vollbrachte Romeias in einem Streit mit den Rottweilern. Bei Nacht watete er durch den Stadtgraben und stand plötzlich mitten auf dem Marktplatz von Rottweil. Die Rottweiler, die den riesigen Streiter schon lange gern gefangengenommen hätten, schlossen sogleich die Stadttore und dachten, nun hätten sie ihn. Romeias aber schritt seelenruhig auf eines der Tore zu, hob dessen Flügel aus den Angeln, nahm den einen auf die Achsel, steckte den andern durch ein Astloch an den Zeigefinger und machte sich damit auf den Heimweg nach Villingen. Dreiviertel Stunden vor Rottweils Toren und Mauern hielt er auf einem Hügel Umschau. Dieser führt heute noch den Namen Guckenbühl. Weit und breit war kein Verfolger zu sehen. Romeias brachte die beiden Torflügel ungehindert nach Villingen, wo man sie zum Andenken an seine Heldentat an dem neuerbauten oberen Turm anbrachte.

Ebenso groß wie die Stärke des Romeias war auch sein Hunger. Einst betrat er eine Stube, in der sich gerade niemand befand, wo aber das Essen für sieben Personen auf dem Tisch stand. Sofort machte sich der Riese über das Mahl und aß alles auf. Als die Leute dann zum Essen erschienen, fragte er, ob nicht bald die weiteren Gänge aufgetragen würden.

Schließlich benahm sich Romeias sogar gegen die eigene Obrigkeit ungebührlich. Da sich niemand offen an ihn heranwagen wollte, ersann der Stadtrat eine List, um ihn gefangenzunehmen. Der Bürgermeister gab dem Riesen den Auftrag, eine schwere eiserne Truhe aus dem tiefen Verließ des Diebsturmes heraufzuschaffen, und versprach ihm dafür eine gute Belohnung. Arglos stieg Romeias hinab. Kaum aber hatte er sich von der Leiter entfernt, da zog sie einer der Stadtknechte schnell herauf und schloß den starken Mann damit in den Turm ein, der seitdem Romeiasturm genannt wird. Zur Ernährung des Riesen wurde täglich ein Kalb oder ein Schaf in das Verließ geworfen. Romeias sammelte die abgenagten Knochen, und als er genug beisammen hatte, steckte er sie in die Ritzen und Löcher der Mauer, stieg an ihnen wie auf einer Treppe hinauf, durchbrach die Balkendecke und gelangte bis unter das Dach des Turmes. Dort fand er eine Menge Stroh, drehte daraus ein starkes Seil und ließ sich bei Nacht daran auf die Ringmauer herab. Von hier aus gelang es ihm in der folgenden Nacht, während eines Gewitters aus der Stadt zu entkommen.

Romeias begab sich geradewegs vor das befestigte Schloß Busenberg und belagerte es allein so lange, bis es sich ihm ergab. Darauf nahmen ihn die Villinger wieder in Gnaden auf und gewährten ihm bis zu seinem Tode den nötigen Lebensunterhalt. Sein lebensgroßes Bild wurde später an der Mauer am oberen Tor angebracht.

 


 

 << Kapitel 173  Kapitel 175 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.